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Schlafforschung & Schule : Von Eulen und Lerchen

  • -Aktualisiert am

Frühstart: Junge Frankfurterinnen auf dem Weg in die Schule Bild: Wonge Bergmann

Nach zwei Wochen Ferien müssen Schüler nun wieder früh aufstehen. Besonders den Jugendlichen dürfte das schwergefallen sein, denn sie zählen zu den „Eulen“. Schlafforscher und Biologen fordern einen späteren Schulbeginn - denn wer früh aufstehen muss, schreibt schlechtere Noten.

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          Für die mehr als 655.000 Schüler in Hessen hat wieder der Unterricht wieder begonnen. Nach zwei Wochen Osterferien müssen sie nun wieder früh aufstehen. Besonders den Jugendlichen dürfte das schwergefallen sein. Denn sie zählen laut Schlafforschern und Biologen zu den Spätaufstehern - nicht, weil sie abends zu lange wach blieben, sondern weil sich in der Pubertät ihr Biorhythmus verschiebe, sagt der Biologe Christoph Randler von der Universität Heidelberg. „Zwischen zwölf und 14 Jahren werden die meisten Jugendlichen zu Eulen.“ Im Gegensatz zum Morgentyp, den sogenannten Lerchen, seien die „Eulen“ abends länger fit, dafür zu früher Stunde weniger leistungsfähig, erklärt Randler. Mit Anfang zwanzig stelle sich ihre innere Uhr dann wieder um, also erst nach der Schulzeit. Dann steige die Zahl der Frühaufsteher. Das deutsche Schulsystem benachteilige deshalb die Abendtypen - und damit die Mehrheit der Schüler von der sechsten Klasse an.

          Die Schüler haben das Nachsehen vor allem dann, wenn sie in der ersten oder zweiten Schulstunde eine Klausur schreiben müssen. Vor drei Jahren schon bewies Randler in einer Studie mit 200 Studenten, dass bekennende Frühaufsteher im Schnitt bessere Abiturzeugnisse in der Tasche haben als Abendtypen. Sie seien nicht intelligenter oder disziplinierter, sagt der Biologe: „Sie hatten nur das Glück, in jenen Stunden des Tages herausgefordert zu werden, in denen sie munter waren. Aber die Mehrzahl der Schüler und Studenten ist da einfach noch nicht wach.“ Das gleiche Ergebnis brachte ein weiterer Test mit Realschülern, bei dem Randler die Schlaftypen mit ihren jeweiligen Noten in den Hauptfächern verglich. Auch hier schnitten die „Eulen“ schlechter ab.

          Schlaf zu erzwingen funktioniert nicht

          Seit Jahren fordern die Wissenschaftler deshalb einen späteren Schulbeginn. Denn früher ins Bett gehen helfe nur begrenzt, sagt Randler: „Da können die Jugendlichen einfach noch nicht einschlafen. Den Schlaf zu erzwingen funktioniert noch weniger, als das Wachsein irgendwie aufrechtzuerhalten.“ Wenn es nach Randler ginge, finge die Schule erst um 9 Uhr an. In anderen Ländern wie Frankreich, Japan oder Schweden werde der spätere Beginn längst praktiziert, sagt er. In Deutschland können sich der Biologe und seine Forscherkollegen mit ihrer Forderung nur schwer durchsetzen. Auch an den hessischen Schulen beginnt der Unterricht im Schnitt wie gehabt zwischen 7.30 und 8.15 Uhr.

          Wie in den meisten Bundesländern können die Schulen in Hessen selbst entscheiden, wann die erste Stunde anfangen soll. An der Albrecht-Dürer-Gesamtschule in Darmstadt-Dieburg beginnt sie um 7.45 Uhr, auch „aus Rücksicht auf die Eltern“, sagt der Schulleiter Walter Schnitzspan, „in Deutschland sind wir noch nicht so weit“. Berufstätige Mütter und Väter seien in der Regel gegen einen späteren Anfang, bestätigt Wilfried Volkmann, der Sprecher des Stadtelternbeirats Frankfurt. Ein späterer Schulbeginn lasse sich mit den eigenen Arbeitszeiten oft nicht vereinbaren, sagt er.

          Für den Schulleiter in Darmstadt-Dieburg ist das Argument der Eltern jedoch nicht das Einzige, das zählt. Um neun Uhr zu beginnen sei ein logistisches und finanzielles Problem. Denn wenn die Schule grundsätzlich später anfange, ende der Unterricht für alle Schüler auch nicht vor 15.30 Uhr, sagt Schnitzspan. Dann verschiebe sich der gesamte Stundenplan. „Bislang ist bei uns nur ein Teil der Schüler länger da. 200 Kinder betreuen geht, 2000 wird schwierig. Wo bringen wir die Kinder dann unter?“, fragt er. Ein späterer Start wäre „wünschenswert“, sagt Peter Ergh, der Leiter des Oberstufengymnasiums Max Beckmann in Frankfurt, aber auch er schränkt ein: „Das geht nur an einer voll ausgebauten Ganztagsschule mit Mittagsangebot.“

          Der Vorsitzende des hessischen Ganztagsschulverbands, Guido Seelmann-Eggebert, gibt den Schulleitern recht: „Die Schulen müssen sechs Stunden am Vormittag unterbringen. Da muss man früh anfangen.“ Den Spielraum für einen späteren Beginn haben daher nur die Ganztagsschulen. Seelmann-Eggebert hält es für sinnvoll, erst um 9 Uhr anzufangen, weniger Stunden am Vormittag zu unterrichten und dann auch die Mittagspause vorzuziehen. „Die sechste Stunde bringt nichts mehr“, sagt er, „die Schüler sind dann nicht mehr aufnahmefähig“. Seelmann-Eggebert befürwortet eine „offene Eingangsphase“, wie sie an der Offenen Schule in Kassel-Waldau praktiziert wird. An dieser Gesamt- und Ganztagsschule beginnt die erste Stunde um 8.45 Uhr. Wer will, kann schon von 7.30 Uhr in die Schule kommen und Hausaufgaben erledigen. Von der siebten Klasse an beginnt aber auch dort der Unterricht zum Teil um acht Uhr.

          „Im Schnitt zählen die Lehrer zu den Lerchen“

          Aus der Sicht des Biologen Randler müsste es andersherum sein. Bis zur fünften Klasse könne der Unterricht um 8 Uhr beginnen, die älteren Schüler sollten erst zur zweiten Stunde antreten, schlägt er vor. Die Schulen sollten außerdem eine bestimmte Uhrzeit für die Klassenarbeit festlegen: „Mittwochs um 10 Uhr zum Beispiel, egal welches Fach. Das wäre ein zentraler Termin zu einer Uhrzeit, die dem Biorhythmus der Mehrheit der Schüler entspricht.“

          Randler sagt, er könne sich vorstellen, dass sich der spätere Beginn auch aus einem anderen Grund nicht durchsetzt: „Im Schnitt zählen die Lehrer zu den Lerchen.“ Anders als den Schülern falle es ihnen leichter, sich am frühen Morgen zu konzentrieren. Die innere Uhr von Lehrern und Schülern tickt demnach im Schnitt unterschiedlich.

          Aber auch bei den hessischen Schülern finden die Forscher derzeit kein Gehör. Sie beschäftigten sich erst mal mit der Umstellung von Halbtags- auf Ganztagsschulen, sagt Landesschulsprecherin Katharina Horn, das stünde jetzt im Vordergrund: „Der spätere Unterrichtsbeginn ist bei uns deshalb gerade kein Thema, wir sind froh, wenn wir einigermaßen früh nach Hause kommen.“

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