https://www.faz.net/-gzg-137e9

Schießerei in Café "De Rocco" : Drei Morde und 120 Zeugen

  • -Aktualisiert am

Noch immer ist nicht klar, was genau im Café Rocco passierte. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Eltern des toten Denis glauben nicht an eine „gerechte Justiz“. Ihre Söhne Erdal und Serdal E. sitzen auf der Anklagebank, Erdal hat die Schießerei vor dem Rüsselsheimer Café „De Rocco“ nur mit großem Glück und dank ärztlicher Kunst überlebt.

          2 Min.

          Die Eltern des toten Denis glauben nicht an eine „gerechte Justiz“. Ihre Söhne Erdal und Serdal E. sitzen auf der Anklagebank, Erdal hat die Schießerei vor dem Rüsselsheimer Café „De Rocco“ nur mit großem Glück und dank ärztlicher Kunst überlebt. Dass die 11. Große Strafkammer am Darmstädter Landgericht die Wahrheit über die Bluttat vom 12. August vorigen Jahres herausfinden könnte, hält der Vater der jungen Männer für ausgeschlossen – schon weil „eigentlich noch vier, fünf von der anderen Familie auf der Anklagebank sitzen müssten“. „Wir sind die Opfer“, beklagt sich die Mutter in einer Gerichtspause. Als Opfer sieht sich allerdings auch die Familie des angeklagten Taylan K., dessen Bruder Erkan K. bei der blutigen Auseinandersetzung der beiden türkischen Clans in und vor dem „De Rocco“ ums Leben kam.

          120 Zeugen hat das Gericht bestellt, gut die Hälfte davon ist mittlerweile gehört worden, ohne dass das verworrene Geschehen am Tatabend wesentlich erhellt worden wäre. Die drei Angeklagten, denen die Staatsanwaltschaft die Ermordung auch der zufällig am Tatort anwesenden Anna K. anlastet, haben die Hauptverhandlung bislang schweigend und anscheinend ungerührt verfolgt.

          „Alles, was passiert ist, tut mir so leid“

          Die Verlesung eines Briefs allerdings, den der 23 Jahre alten Serdal E. an seine Ehefrau geschrieben hat, als er nach der Tat auf der Flucht war, vermochte die Fassade der Teilnahmslosigkeit zeitweilig zu erschüttern. „Alles, was passiert ist, tut mir so leid“, zitierte der Vorsitzende Richter Volker Wagner das Schreiben: „Wie mein Bruder am Boden lag und im Sterben lag, habe ich ihn das letzte Mal geküsst. Er hat mir in die Augen geschaut. In diesem Moment bin ich auch gestorben.“

          Wer hat tatsächlich wen erschossen beziehungsweise erstochen? Die 58 Seiten umfassende Anklageschrift, die sich wesentlich auf die Erkenntnisse einer vom Hessischen Landeskriminalamt gebildeten Sonderkommission stützt, erweckt den Anschein, als sei alles geklärt: Nach anfangs ruhigem Gespräch im „De Rocco“ hätten sich die Beteiligten gegenseitig beleidigt und seien handgreiflich geworden. Der 32 Jahre alte Erdal E. habe in der Folgezeit mit einem Messer „mehrfach in Tötungsabsicht auf den 29 Jahre alten Erkan K. eingestochen“. Dieser wiederum habe eine Pistole gezogen und sie mehrmals in Richtung des Erdal E. abgefeuert.

          Hilfe von kriminaltechnischen Sachverständigen

          Dessen Bruder Serdal E. sei aus dem Café geflüchtet, verfolgt von dem Angeklagten Taylan K., dem die Anklage glaubt nachweisen zu können, dass er nicht nur Erdal E. getroffen habe, sondern auch Erkan K. durch einen Schuss in den Oberkörper verletzt habe; Serdal E. schließlich soll wenig später insgesamt 14 Mal auf den Rücken und den Hinterkopf des zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Erkan K. eingestochen haben. Die tödlichen Schüsse auf Deniz E. und Anna K. wiederum sollen aus der Pistole des Erkan K. stammen.

          Zur Aufklärung des Sachverhalts ist die Kammer ganz wesentlich auf die Erkenntnisse von kriminaltechnischen Sachverständigen angewiesen. Ohne damit fertig zu werden, befasste sich das Gericht am Mittwoch vier Stunden lang mit dem Gutachten des Frankfurter Rechtsmediziners Roman Bux, der die drei Leichname obduziert hat. Dabei wurde deutlich, dass Anna K. offenbar nicht, wie anfangs vermutet, von einem Querschläger getötet wurde, wenngleich der tödliche Schuss die 55 Jahre alte Griechin wohl zufällig traf.

          Weitere Themen

          „Aus der Presse erfahren“

          Ausschluss in hessischer AfD : „Aus der Presse erfahren“

          Der Streit in der hessischen AfD um einen geplanten Ausschluss zweier Fraktionsmitglieder geht weiter. Jetzt hat der AfD-Landtagsabgeordnete Ralf Kahnt seinen Unmut geäußert.

          Von Goethe bis Ebbel Video-Seite öffnen

          Quiz zu 75 Jahre Hessen : Von Goethe bis Ebbel

          Die Hessen haben ein Lieblingsgetränk, ihr Bundesland hat eine geographische Mitte und große Namen spielen eine Rolle und das Land hat Nachbarn. Ein Quiz zum 75. Jahrestag der Gründung des Bundeslands in Deutschlands Mitte.

          Das ist unser Haus

          FAZ Plus Artikel: 50 Jahre Häuserkampf : Das ist unser Haus

          Mit der Besetzung der Eppsteiner Straße 47 im Frankfurter Westend begann der Häuserkampf in Deutschland, an dem auch Joschka Fischer teilnahm. Die Ereignisse prägen die Stadt bis heute.

          Topmeldungen

          Tiktok und Wechat droht in den Vereinigten Staaten das Aus.

          Streit mit China : Amerika kündigt Verbot von Tiktok und Wechat an

          Die amerikanische Regierung will ihre Drohung wahr machen und Tiktok und Wechat verbieten. Damit platzt sie mitten in die Verhandlungen um eine Übernahme von Tiktok. Ist das Verhandlungstaktik? Und wie reagiert China?

          Belarus : Warum Lukaschenka ein Frauenproblem hat

          Die Proteste in Belarus sind auch eine Auflehnung gegen Lukaschenkas Patriarchat, in dem Frauen dafür da sind, Kinder zu gebären und ihre Männer zu erfreuen. Und das Minsker „Frauen-Forum“ des Diktators ist die Konterrevolution.

          Dokumentation „This is Paris“ : Trauma passt nicht zur Marke

          Hotelerbin, It-Girl, Trash-Ikone: Alle glauben, Paris Hilton als Blondine vom Dienst zu kennen. In einer neuen Dokumentation erzählt sie nun ihre persönliche Geschichte – mit einer Abgründigkeit, die man nicht erwartet hätte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.