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Schausteller in Corona-Krise : „Was ist schon normal in diesem Jahr“

  • -Aktualisiert am

Ein Unterfranke in Darmstadt: Willi Koch verkauft Stahlwaren und Haushaltsartikel. Bild: Marcus Kaufhold

Plüschtiere, Haushaltswaren und Würstchen: Die Schausteller ziehen ein gemischtes Fazit zum Darmstädter City-Sommer. Alle freuen sich aber, wenigstens wieder ein bisschen Geld verdienen zu können in für ihr Gewerbe düsteren Zeiten.

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          Das Pärchen nimmt sich Zeit. Verschiedene der hölzernen Schneidebretter am Verkaufsstand von Willi Koch werden geprüft. „Die hier“, sagt die Frau schließlich und reicht ein großes und zwei kleinere Brettchen zu Koch hinüber. Während Geld und Ware ausgetauscht werden, gibt es vom Verkäufer noch Tipps, was es bei der Verwendung der Küchenutensilien zu beachten gilt. Zufrieden verlässt das Paar den Stand, Koch lehnt sich zurück.

          „Hier läuft es deutlich besser als auf dem Karolinenplatz“, sagt er und deutet mit dem Kopf in die entsprechende Richtung. „Hier“, das ist der Friedensplatz in Darmstadts Innenstadt, wo Willi Koch seit Ende August seinen Verkaufsstand für Solinger Stahlwaren und Haushaltszubehör aufgebaut hat. Normalerweise wäre er jetzt auf einem Fest irgendwo in Deutschland, so wie seine Kollegen nebenan, die Würstchen vom Schwenkgrill anbieten. „Aber was ist schon normal in diesem Jahr“, sagt Koch und zuckt mit den Schultern.

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          Weil wegen der Corona-Pandemie nicht nur in Darmstadt Feste, Märkte und Veranstaltungen abgesagt worden sind, haben Koch, der aus dem fränkischen Sand am Main nach Darmstadt gekommen ist, und seine Schaustellerkollegen über Monate hinweg nichts verdient. Um sie zu unterstützen, hat die Stadt Darmstadt, wo unter anderem Heinerfest, Schlossgrabenfest und Bessunger Kerb ausgefallen sind, schließlich den City-Sommer initiiert. Schausteller durften dabei ihre Stände an verschiedenen Orten in der Stadt aufbauen und ihre Waren anbieten. Ursprünglich für vier Wochen bis Ende August geplant, wurde der City-Sommer bis Ende September verlängert.

          „Wir können jetzt unseren Kühlschrank füllen und sind endlich wieder draußen“, sagt dazu Vivien Grupe. In vierter Generation betreibt ihre Familie unter anderem einen Schwenkgrill und einen Greifautomaten für Plüschtiere. Damit stehen die Darmstädter derzeit ebenfalls auf dem Friedensplatz. Frustrierend seien die vergangenen Monate gewesen, nicht nur, weil die Familie von jetzt auf sofort kein Geld mehr verdient habe.

          Standbeine: Bei Familie Grupe gibt es Würstchen und Steaks vom Schwenkgrill.
          Standbeine: Bei Familie Grupe gibt es Würstchen und Steaks vom Schwenkgrill. : Bild: Marcus Kaufhold

          „Wir sind auch nicht dafür gemacht, zu Hause zu sitzen“, sagt die Großmutter, die im Kassenhäuschen des Greifautomaten sitzt, „Wir müssen unter Leute.“ Die Idee des City-Sommers finde sie deswegen „richtig gut“. Eine Kompensation für entgangene Feste sei der Verdienst, den die Schausteller dabei erzielen, allerdings nicht. Feststimmung komme bei hochsommerlichen Temperaturen und ohne Fahrgeschäfte auch nur bedingt unter den Besuchern auf. Deswegen sei der Standort für die Buden besonders wichtig, sagen Grupes.

          „Trotzdem lagen Welten dazwischen“

          Das hat auch Koch erfahren müssen, der im August auf dem Karolinenplatz stand. Zwar ist der nur wenige Schritte von seinem jetzigen Verkaufsort entfernt. „Trotzdem lagen Welten dazwischen.“ Die Geschäfte seien deutlich schlechter gelaufen. An manchen Tagen habe er kaum die 15 Euro eingenommen, die für das Parkhaus fällig wurden. Inzwischen laufe es besser. „In zwei Wochen auf dem Friedensplatz habe ich mehr verdient als in knapp vier Wochen auf dem Karolinenplatz.“

          Ähnlich erging es Elke Braun. Sie ist nicht mehr beim City-Sommer dabei, ihr Mann und sie verkaufen ihre Lederwaren inzwischen vom heimischen Hof heraus in Urberach bei Langen: „Dort haben wir mehr Kundschaft und keine Kosten fürs Parken und Benzin.“ Auch Braun stand auf dem Karolinenplatz. Gegen Ende habe sie nur noch von Donnerstag bis Sonntag geöffnet, „an den anderen Tagen war einfach nichts los“.

          Griff ins Glück? An den Greifautomaten von Grupes „Gambling Hall“ locken Plüschtiere als Gewinn.
          Griff ins Glück? An den Greifautomaten von Grupes „Gambling Hall“ locken Plüschtiere als Gewinn. : Bild: Marcus Kaufhold

          Bernd Salm, Vorsitzender des Darmstädter Schaustellerverbands, berichtet ebenfalls von durchwachsenen Erfahrungen. Für die Schausteller, die innenstadtnah stünden, liefen die Geschäfte. Andere, die sich etwa am vor der Stadt gelegenen Oberwaldhaus aufstellen mussten, seien weniger zufrieden. Der Begriff City-Sommer sei daher unpassend, meint Salm, „denn die Buden stehen nicht in der City“.

          Den innerstädtischen Ernst-Ludwigs- und den Luisenplatz etwa hätten die Schausteller erst gar nicht belegen dürfen. „Man wollte vermeiden, dass sich die Menschen dort, wo sowieso viel los ist, vor den Buden drängen.“ Deswegen seien auch Fahrgeschäfte wie Autoscooter und Karussells, die viel Publikum anziehen, untersagt geblieben. Dabei müssten die Schausteller ohnehin strenge Hygienekonzepte befolgen. Unterm Strich jedoch sehe er den City-Sommer und dessen Verlängerung positiv, sagt Salm.

          Auch Koch und Familie Grupe sind zufrieden. „Besonders haben wir uns über den Zuspruch der Leute gefreut“, sagt Vivien Grupe. „Viele kamen zu uns, haben uns Glück gewünscht und gesagt, wie sehr sie sich freuen, uns zu sehen.“ Und davon, sagt die junge Mutter, „leben wir schließlich auch“.

          Ampel vor der Würstchenbude

          Während der Darmstädter City-Sommer noch nicht zu Ende ist, müssen sich die Schausteller schon über die anstehende Weihnachtszeit Gedanken machen. Wie berichtet, plant die Stadt für dieses Jahr einen anderen, coronakonformen Weihnachtsmarkt als üblich. Bernd Salm, Vorstand der Darmstädter Schausteller mit rund 100 Mitgliedern, erläuterte auf Nachfrage, wie das Konzept dafür derzeit aussieht. So müssten Stände mit Gastronomieangeboten von reinen Warenverkaufsbuden getrennt stehen.

          Wer Würstchen, Glühwein oder Ähnliches anbiete, müsse sich in einer von fünf speziell ausgewiesenen Zonen aufstellen und sich die Fläche mit anderen Standbetreibern aus dem Gastro-Bereich teilen. Das Areal werde eingezäunt, Zelte oder Hütten dürften nicht errichtet werden. Ein Ampelsystem solle dafür sorgen, dass nicht mehr Menschen die Gastro-Zone betreten als erlaubt. „Zeigt die Ampel rot, muss der Hungrige sich anderswo umschauen oder später wiederkommen“, erläutert Salm. Am Eingang müssen zudem wie in Restaurants die Kontaktdaten hinterlassen werden. Entweder auf Papier oder via Smartphone-System. Um den Darmstädter Marktplatz herum, traditionell Standort der Weihnachtspyramide, dürften ausschließlich Verkaufsstände ihre Waren anbieten. Kinderkarussells seien eingeplant, der Besuch des Nikolauses werde voraussichtlich ebenfalls stattfinden.

          Auf Hütten aus den Darmstädter Partnerstädten jedoch werden die Besucher verzichten müssen. Noch sei unklar, wie viele seiner Kollegen sich für den Markt bewerben würden, sagt Salm. „Jeder muss für sich entscheiden, ob sich der Aufwand lohnt und ob man das Risiko auch in finanzieller Hinsicht eingehen möchte.“ Denn trete ein Corona-Fall in den umzäunten Arealen auf, müssten die Standbetreiber gegebenenfalls ihr gesamtes Personal austauschen, um weitermachen zu können, sagt der Vorsitzende der Darmstädter Schausteller. Außerdem seien die Planungen an der aktuellen Pandemiesituation ausgerichtet. „Wie es in zwei Monaten aussieht, weiß niemand“, sagt Salm. (sojo.)

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