https://www.faz.net/-gzg-9yxfa

Schausteller in Corona-Zeiten : Wie in der Geisterbahn

Muss das Kettenkarussell vorerst geschlossen lassen: Thomas Roie, Schausteller in fünfter Generation Bild: Etienne Lehnen

Auch die Schausteller sind momentan zum Nichtstun verdammt. Sie bangen um die ganze Branche und die Kirmeskultur und hoffen auf die Herbstsaison.

          3 Min.

          Wenn Thomas Roie in den vergangenen Tagen in den blauen Himmel geschaut hat, dann war ihm zum Heulen zumute. Bis zum Sonntag hätten er und seine Kollegen auf der Frühjahrs-Dippemess bei bestem Wetter einen so guten Start in die Saison haben können wie lange nicht mehr. Doch jetzt bangt der Vorsitzende des Schaustellerverbands Rhein-Main um die gesamte Branche: „Die Situation ähnelt einer Katastrophe“, sagt Roie. Angesichts der Absagen aller Volksfeste und Großveranstaltungen bis Ende August fürchten er und seine Schausteller-Kollegen um ihre Zunft.

          Patricia Andreae

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Die meisten hatten seit den Weihnachtsmärkten im Dezember keine Einnahmen“, sie könnten eine so lange Durststrecke kaum überstehen. „Im Mai oder Juni kommen einige an ihre Belastungsgrenze“, denn der Betrieb stehe zwar still, die Kosten aber liefen weiter. Viele Arbeitskräfte aus Osteuropa, ohne die auch auf dem Rummel nichts geht, seien zur Saison schon angereist gewesen. Die habe man zum Teil weitervermitteln können. Einige führen derzeit aushilfsweise bei der Müllabfuhr, schließlich seien sie es gewohnt, große Zugmaschinen zu manövrieren. Sollte der Betrieb aber irgendwann wieder anlaufen, brauche man diese Fachkräfte dringend.

          Soforthilfen fürs Erste geholfen

          Zudem stehen laut Roie zum Saisonbeginn die TÜV-Prüfungen für die Fahrgeschäfte an. „Normalerweise bauen wir die auf der ersten Veranstaltung im Frühjahr auf, und dann kommen die Prüfer zur Abnahme“, erklärt der Unternehmer das Procedere. Nun aber hätten die meisten Schausteller ihre Karussells und Bahnen eigens für den TÜV auf- und wieder abbauen müssen. Das koste je nach Gerät bis zu 10.000 Euro zuzüglich der TÜV-Gebühr.

          Die Soforthilfen des Landes hätten den Schaustellern – Roie repräsentiert 110 der rund 400 in Hessen – fürs Erste geholfen. „Aber wenn es so weitergeht, werden es 70 bis 80 Prozent nicht schaffen.“ Denn auch die Kredite für die zum Teil mehr als zwei Millionen Euro teuren Fahrgeschäfte belasteten die Unternehmen, hinzu kämen Mieten für Lagerhallen und Leasingraten für Fahrzeuge, Lastenkräne und Wohnwagen. Einen Teil davon zu Geld zu machen sei keine Option: „Wer sollte die denn jetzt kaufen?“

          Kaum einer hat sich von dem Schrecken erholt

          Gingen Schausteller pleite, dann verliere die Stadt Frankfurt mit diesen Unternehmen nicht nur Gewerbesteuerzahler. Es gehe auch ein Kulturgut mit jahrhundertealter Tradition verloren. „Unsere Betriebe werden zu 95 Prozent innerhalb der Familie weitergeführt, was jetzt wegbricht, ist nicht zurückzuholen“, meint Roie. Ins Schaustellergewerbe müsse man hineingeboren sein, sagt der Unternehmer, der selbst in fünfter Generation und inzwischen zusammen mit seinen Kindern den Betrieb mit Fahrgeschäften und Imbisswagen führt.

          Mancher aus dem Gewerbe fühlt sich derzeit offenbar wie in einer Geisterbahn: Kaum hat er sich von einem Schrecken erholt, lauert auch schon der nächste. Während im Gruselkabinett aber klar ist, dass der Schrecken bald ein Ende haben wird, sehen viele Schausteller derzeit kein Licht am Ende des Tunnels. Nach den Absagen der Frühjahrskerben, des Wäldchestags, des Hessentags und des Museumsuferfests sorgte bei ihnen zuletzt das Aus für das Münchner Oktoberfest für Entsetzen – und auch für Wut und Unverständnis.

          Es gebe doch einen Unterschied zwischen einem Festzelt voller Menschen in Partystimmung und der Fahrt in einem Karussell, sagt Roie, der sich sicher ist, dass man mit entsprechender Planung zumindest kleinere Veranstaltungen zulassen könnte, notfalls auch ohne Alkoholausschank. Er kann sich auch vorstellen, dass die Städte den Schaustellern die Möglichkeit bieten, auf einigen Plätzen ein paar Stände oder Karussells aufzubauen, wenn sich die Situation für den Einzelhandel stabilisiere, um ihnen Chancen auf Einnahmen zu bieten und mit den Bürgern die Rückkehr ins normale Leben zu feiern. Roie hat sogar schon über eine „Silvesterkirmes“ in einer der Messehallen nachgedacht, um die Zeit ohne Einnahmen zu überbrücken.

          So weit geht Thomas Feda, Chef der städtischen Tourismus GmbH, noch nicht, doch er möchte den Schaustellern gerne den einen oder anderen Lichtblick bieten: Er sieht durchaus eine Chance für die Herbst-Dippemess im September, denn die sei schließlich eine reine Kirmes ohne Festzelt. Auch für das Apfelweinfest in der Innenstadt, das für Mitte August geplant ist, denkt er über eine Variante im Stile eines Erzeugermarkts ohne Volksfeststimmung nach. Außerdem werde von der städtischen Gesellschaft „zu 100 Prozent an der Vorbereitung des Weihnachtsmarkts gearbeitet, wenn es sein muss mit Maskenpflicht“, wie Feda sagt. Das wäre für viele Schausteller eine Gelegenheit, vor der nächsten Winterpause zumindest noch ein bisschen Umsatz zu machen.

          Weitere Themen

          Umsatz nahe null

          FAZ Plus Artikel: Unternehmen in Rhein-Main : Umsatz nahe null

          Immer noch gibt es Branchen, die wegen der Corona-Pandemie so gut wie nichts verdienen. Die Unternehmer wünschen sich ein baldiges Ende der Krise – und sind trotz der misslichen Lage voller Hoffnung und Tatendrang.

          Verzweiflung statt Hoffnung Video-Seite öffnen

          Flüchtlingslager Moria : Verzweiflung statt Hoffnung

          Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist völlig überfüllt; die Zustände im größten Flüchtlingslager der EU sind für viele Menschen kaum zu ertragen. Auch bei den Inselbewohner herrscht mittlerweile vielfach Wut und Ablehnung. 2015 war das noch ganz anders.

          Topmeldungen

          FBI-Direktor Wray am Donnerstag bei seiner Anhörung im Kapitol

          Wahlen in Amerika : FBI-Direktor stellt wieder starke Einmischung Russlands fest

          Sucht Russland auch 2020 die amerikanische Präsidentschaftswahl zu beeinflussen? Ja, sagt Christopher Wray. Die Aktionen richteten sich vor allem gegen Joe Biden. Für seine Einschätzung handelt sich der Chef der Bundespolizei eine öffentliche Rüge von Donald Trump ein.
          Mit Atemschutz-Maske hinter der Wärmebildkamera.

          Corona und die Zweifler : Der Tod ist nicht alles

          Wo ist die Evidenz, fragen Corona-Skeptiker: Die Verharmlosung der Katastrophe trifft längst nicht nur Wissenschaftler ins Mark. Hinter den Sterbeziffern türmt sich eine unvorstellbare Krankheitslast.
          Fulminantes Börsendebüt: Banner von Snowflake an der New Yorker Börse

          Cloud Computing : „Snowflake wird ein riesiges Unternehmen werden“

          Nach dem Börsengang hat Snowflake den Unternehmenswert verdoppelt. Das macht Mitgründer Benoit Dageville zum Milliardär. Mit der F.A.Z. spricht er über die Kursgewinne, den Berliner Standort und die Konkurrenz mit Amazon.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.