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: Sanierung von Innenstädten: "Schließlich soll das hier kein Museumsdorf werden"

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Das Möbelhaus an der Kaiserstraße in Friedberg war eine städtebauliche Katastrophe: Der graue, fensterlose Klotz überragte die Nachbargebäude um mehr als das Doppelte. Er wirkte wie ein Fremdkörper im Herzen der Stadt, schien die anderen Häuser zu erschlagen.

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          Das Möbelhaus an der Kaiserstraße in Friedberg war eine städtebauliche Katastrophe: Der graue, fensterlose Klotz überragte die Nachbargebäude um mehr als das Doppelte. Er wirkte wie ein Fremdkörper im Herzen der Stadt, schien die anderen Häuser zu erschlagen. "In seinem Umfeld wollte niemand gerne wohnen", erinnert sich Werner Braam, Leiter des Stadtbauamts in Friedberg. Ähnliche Schwierigkeiten gab es mit einer Autowerkstatt und einer Tischlerei im Stadtzentrum. Aber nicht nur Gewerbebetriebe verschandelten das Zentrum. Auch das ehemalige Kloster stand leer und verfiel. "Solche Stellen wirken wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und Kreise kleiner Wellen auslöst. Das Wohnumfeld verschlechtert sich, niemand nimmt wichtige Investitionen vor, mit dem Ergebnis, daß auch die Nachbarhäuser verfallen."

          Zwischen 1970 und 1982 fand eine detaillierte Bestandsaufnahme des Sanierungsbedarfs in Friedberg statt. Diese Voruntersuchungen mündeten in die Erstellung eines Rahmenplans für die Sanierung eines 20,8 Hektar großen Areals mit insgesamt 1061 Einzelgrundstücken in der Innenstadt. 1984 wurde Friedberg in das Städtebauförderungsprogramm "Stadtsanierung" von Bund und Land aufgenommen. Bislang wurden die Arbeiten in Friedberg mit 9,2 Millionen Euro jeweils zur Hälfte von Bund und Land unterstützt.

          "Früher war die Große Klostergasse eine ganz normale Verkehrsstraße. Die Fußgänger mußten sich auf 50 Zentimeter breiten Bürgersteigen an den Häusern vorbeiquetschen, während dicht an ihnen vorbei die Autos fuhren", erklärt Braam. Er steht mitten auf der Straße und muß nicht fürchten, überfahren zu werden. Eine junge Frau schiebt einen Kinderwagen vom City-Parkhaus Richtung Altstadt vorbei. Die Große Klostergasse ist mit Fördergeldern verkehrsberuhigt worden.

          In das Gebäude des ehemaligen Möbelhauses ist ein großer Einzelhändler eingezogen. Nach der Sanierung ist es kein Klotz mehr, sondern erhebt sich in Stufen von der Straßenfront in seine volle Höhe. Außerdem hat es ein schräges Ziegeldach bekommen, einige kleine Fenster und einen weißen Anstrich. Im Büro für Stadtsanierung zeigt Braam auf einer Karte das Grundstück des Hauses. Es ist rot markiert. Drum herum sind grüne Flecken zu sehen. "Dort haben Privatpersonen die Initiative ergriffen und renovieren ihre Häuser auf eigene Kosten."

          Gerade in solchen Effekten sieht Dagmar Meinen, Referentin für Stadtsanierung im Wirtschaftsministerium in Wiesbaden; den Sinn des Förderprogramms. "Von den geförderten Gebieten sollen Entwicklungsimpulse ausgehen." Um Fördermittel gewährt zu bekommen, müssen die Kommunen Ziele formulieren. "Früher waren diese Ziele vor allem die Sanierung von Stadtkernen mit historischer Bausubstanz und die Verbesserung des Wohnumfeldes", sagt Meinen. Heute legt das Land mehr Wert darauf, Schwerpunkte zu setzen. Mit der Sanierung sollen sich die Kommunen ein eigenes Profil geben. "Die Stadt Immenhausen positioniert sich zum Beispiel als Glasstadt, Rüsselsheim hat den Schwerpunkt Kultur", sagt Meinen. Besonders im Blick hat das Land die Sanierung von Bahnhofsgrundstücken mit Brachflächen. "Das sind wertvolle, zentral gelegene Gebiete, die nicht einfach ungenutzt bleiben dürfen", erklärt die Referentin.

          Die meisten geförderten Projekte haben die Wiedergewinnung von Wohnraum in den Stadtkernen zum Ziel. Die in den siebziger und achtziger Jahren populären Siedlungen auf grünen Wiesen vor den Toren der Stadt sorgten für eine langsame Verödung der Innenstädte. "Mit der Abwanderung drohte ein struktureller und sozialer Abstieg", sagt Reiner Walf, Leiter des Stadtbauamtes in Babenhausen. Die Sanierung solle dieser Entwicklung entgegensteuern. "Wir wollen aus der Innenstadt einen Ort machen, in dem man gerne lebt. Schließlich soll das hier kein Museumsdorf werden."

          Auch Babenhausen wurde wie Friedberg 1984 in das Programm aufgenommen. Allerdings hat die Stadt keine Schwierigkeiten mit Industriebauten, deren Nutzung sich überlebte. Die Babenhausener Altstadt ist innerhalb der ehemaligen Befestigungsanlage als denkmalgeschützte Fläche ausgewiesen. Diese Fläche ist in etwa mit der des Rahmenplanes identisch. Bislang erhielt die Stadt knapp sechs Millionen Euro aus dem Programm "Stadtsanierung".

          Mit diesem Geld wurde unter anderem die Restaurierung der alten Mühle finanziert. Malerisch liegt das Gebäudeensemble, dessen ältester Teil aus dem 17.Jahrhundert stammt, am Flüßchen Gersprenz. Nach der Sanierung siedelten sich hier Standesamt und Fremdenverkehrsbüro an. Ein Versammlungsraum wurde eingerichtet sowie ein Cafe mit Biergarten. Mit dem Wasser des Flusses wird ein Generator betrieben, der sogar mehr Elektrizität erzeugt, als in der Mühle gebraucht wird.

          Friedberg bekam 2004 etwa 650000 Euro Fördergelder bewilligt, um die Neugestaltung des Marktplatzes und der Gassen in der Innenstadt abzuschließen. Ein Ende des Förderbedarfs sieht Walf allerdings noch nicht. "Viele Projekte konnten wir noch nicht verwirklichen, da wir keine Einigung mit den Eigentümern erzielten." Der Leiter des Stadtbauamtes steht vor einem zweistöckigem Haus in der Fußgängerzone, das gänzlich von einem Baugerüst verdeckt wird. An vielen Stellen ist der Putz abgebrochen. Drei Jahre schon währt dieser Zustand. "Der Eigentümer könnte sich die Instandsetzung auch mit Fördergeldern nicht leisten." Einen Investor gibt es bis jetzt nicht.

          Ein älterer Herr fährt auf einem Fahrrad vorbei, erkennt Walf und steigt ab. "Alles abreißen. So ein Schandfleck für unsere Stadt", sagt er empört. Walf zuckt hilflos mit den Schultern. "Selbst wenn das die einzige Lösung wäre: So einfach, wie Sie denken, geht das nicht." Das Haus steht unter Denkmalschutz. Henning Zander

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