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Chaos in Wiesbaden : „Genua war der letzte Weckruf“

Soll gesprengt werden: Die Salzbachtalbrücke Bild: Frank Röth

Die Salzbachtalbrücke in Wiesbaden stehe symptomatisch für Fehler der Vergangenheit, heißt es von der Bauindustrie. Am zweiten Werktag läuft der Verkehr etwas besser. Die Optionen für Pendler sind trotzdem überschaubar.

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          Auch der zweite Werktag nach der Sperrung der Salzbachtalbrücke stellte die Pendler auf eine harte Geduldsprobe. Dabei ging es nach Polizeiangaben entspannter zu als am Montag. Nach Angaben der Stadt hatten zu Wochenbeginn noch viele Autofahrer die kürzeste Variante zur Umfahrung des Brückenchaos gewählt. Das allerdings hatte lange Standzeiten im Stau zu Folge. Die großräumige Umfahrung über den Mainzer Autobahnring wurde nach ersten Erkenntnissen weniger stark angenommen als gedacht.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Ähnliche Beobachtungen hat Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Die Grünen) für den Zweiten Ring in Wiesbaden gemacht. Er will versuchen, einen möglichst großen Teil des Durchgangsverkehrs auf diesen Zweiten Ring zu lenken, um das Zentrum zu entlasten.

          Die Stadt plant zudem, wo es möglich ist, zusätzliche Fahrspuren auszuweisen und Ampelphasen zu verändern. Das soll den Verkehr an neuralgischen Punkten flüssiger gestalten. Das 30 Millionen Euro teure digitale System der Verkehrslenkung ist noch nicht vollständig aufgebaut, so dass es in dieser Krise keine Wirkung entfaltet. Kowol will prüfen, ob die Biebricher Allee oder der Abschnitt der A66 vor der Anschlussstelle Biebrich für den Schwerlastverkehr gesperrt werden können.

          Zusätzliche Busse für Pendler

          Für Pendler, die den Öffentlichen Personennahverkehr nutzen, sollen zusätzliche Busse rollen, auch wenn für sie – beispielsweise am Bahnhof Wiesbaden-Ost – zusätzlicher Aufstellplatz geschaffen werden muss.

          Der weitgehend isolierte Hauptbahnhof, in dem etliche Nahverkehrszüge der Vias nach der Sperrung „eingeschlossen“ sind, könnte über die einzige verbliebene Verbindung wieder an Bedeutung gewinnen: Laut Kowol könnten Pendler über die „Ländchesbahn“ zunächst nach Niedernhausen fahren und dort in die S-Bahn nach Frankfurt steigen.

          Das verlängere die Reisezeit um rund 15 Minuten. Doch Kowol ist überzeugt, dass, wenn der Takt auf der Strecke erhöht und der Anschluss nach Frankfurt gesichert ist, damit eine gute Option gewonnen wäre.

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          Wohlmeinende Ratschläge gibt es von der in Wiesbaden beheimateten Hochschule Rhein-Main. Laut Volker Blees vom Studiengang Mobilitätsmanagement rächt es sich, dass in den zurückliegenden Jahren das Gleisnetz in der Region verkleinert worden sei.

          Daher könnten beispielsweise S-Bahnen und Regionalzüge aus Mainz nicht mehr bis zum Bahnhof Biebrich fahren, um ein einfaches Umsteigen in Richtung Innenstadt zu ermöglichen. Die notwendigen Gleise gebe nicht mehr.

          Optionen sehr überschaubar

          Stattdessen endeten die S-Bahnen im ungünstig gelegenen Bahnhof Wiesbaden-Ost. Für den Verkehrsforscher sind die naheliegenden Optionen sehr überschaubar. Umleitungen im Straßennetz und Busse zwischen den Bahnhöfen könnten den Ausfall der Salzbachtalbrücke nicht kompensieren.

          Mit Blick auf den Autoverkehr plädiert er dafür, das Straßennetz gleichmäßig auszulasten. Aktuell bleibt aus Sicht des Wissenschaftlers aber nur der Appell, auf nicht unbedingt notwendige Fahrten zu verzichten und sich im Homeoffice aufzuhalten. Helfen könne zudem Flexibilisierung beim Arbeitsbeginn.

          Die Bildung von Fahrgemeinschaften sei wegen der Corona-Pandemie als Option weniger geeignet. Wenig überraschend ist der Vorschlag, auf das Fahrrad umzusteigen. Der Ausbau des Mietfahrradangebots von Eswe Verkehr an den provisorischen Bahn-Endstationen könne dazu beitragen, die Busse zu entlasten“, sagt die neue Radverkehrs-Professorin Martina Lohmeier.

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          Sie hat beobachtet, dass sich in den sozialen Medien die ersten Gruppen von Radpendlern verabreden, die gemeinsam den Stau umgehen wollen: „Das ist nicht die Masse, aber in dieser Situation hilft jeder, der nicht im Auto sitzt.“

          Für den Verband der Bauindustrie Hessen ist der Fall Salzbachtalbrücke symptomatisch für die Vernachlässigung der Infrastruktur. Die Brücke stehe für die „Fehler der Vergangenheit“. Der tragische Einsturz der Brücke in Genua im Jahr 2018 hätte „ein letzter Weckruf“ für Hessen mit dem 16.000 Kilometer großen Straßennetz sein müssen. Es gebe Hunderte Brücken mit gleicher und ähnlicher Konstruktion in Deutschland.

          „Massiver Investitionsstau“

          Der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes, Burkhard Siebert, fordert eine Steigerung der Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur, um die gefährlichen Versäumnisse der Vergangenheit zu beseitigen. Das Investitionsbudget, das der Bundesverkehrswegeplan 2030 vorgebe, müsse konsequent hoch bleiben. Die Baubranche erwarte von der öffentlichen Verwaltung eine langfristige Vorplanung, eine ausgereifte Planung und zügige Abläufe.

          Einen „massiven Investitionsstau in Hessen“ beklagt auch der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Rudolph. Die Salzbachtalbrücke sei ein „weiteres Denkmal für unterlassene Investitionen“.

          Auch der DGB verlangt eine massive Steigerung und Verstetigung der öffentlichen Investitionen durch Bund, Land und Kommunen in Straßen, Brücken und Schienen sowie in eine klimafreundliche Mobilitätswende. Unterdessen schweigt sich die Autobahn GmbH zu den weiteren Schritten noch aus. Lapidar heißt es, „momentan arbeiten alle Beteiligten fieberhaft an Problemlösungen“.

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