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Rüdesheim : Bettensteuer bringt Hoteliers auf

  • -Aktualisiert am

Zugkräftig: Rüdesheim lockt Touristen an. Doch die Beherbergungsbetriebe fürchten um die Attraktivität der Stadt. Bild: Michael Kretzer

Die Übernachtungszahlen in Rüdesheim sind so gut wie lange nicht, doch in der Touristikbranche ist die Stimmung mies. Mancher Betrieb sorgt sich um die Existenz.

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          Die Hoteliers und Gastronomen in Rüdesheim haben eigentlich allen Grund zum Strahlen. In einer unruhigen Welt boomt der innerdeutsche Tourismus, und die kleine Stadt mit dem großen Namen schneidet sich ihr Stück vom Kuchen ab. 2016 stieg die Zahl der Übernachtungen um 13000 auf 394000, den besten Wert der zurückliegenden Jahre. Kamen seinerzeit noch fast genauso viele Deutsche wie Ausländer in die Drosselgasse, stellen die inländischen Gäste heute gut 60 Prozent der Besucher.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Doch nicht dieser Aufwärtstrend und die guten Zahlen bestimmen die Diskussion in der Stadt, sondern die vor fünf Monaten politisch grundsätzlich beschlossene Bettensteuer. Rüdesheim steht unter dem Schutzschirm des Landes. Eine politische Mehrheit ist der Ansicht, dass der damit verbundene Zwang zur Konsolidierung des Etats nicht allein den Bürgern über höhere Steuern und Gebühren aufzubürden sei. Vielmehr sollten auch die vielen Gäste über eine Bettensteuer einen Beitrag leisten, nachdem der Hessische Verwaltungsgerichtshof die Möglichkeit dazu eröffnet hat. War zunächst von einem Euro je Gast und Nacht die Rede, wurde der Betrag in einer turbulenten Dezembersitzung der Stadtverordneten auf zwei Euro erhöht, der von 2018 an erhoben werden soll.

          Diskriminierung einer ganzen Branche

          Seitdem herrscht Krisenstimmung unter den Rüdesheimern, die im Tourismus ihr Geld verdienen. Die Hoteliers sehen sich zu Unrecht als einzige Berufsgruppe belastet, weil die übrigen Profiteure des Fremdenverkehrs von der Abgabe verschont blieben. Darunter seien auch diejenigen, die sich allein um die gut eine Million Tagesgäste bemühen. Dass die 44 größeren Hotels mit zusammen fast 4000 Betten nicht als Einzige gut am Tourismus verdienen, belegte im vergangenen Jahr eine Studie. Danach bringt der Tourismus der 10000 Einwohner zählenden Stadt einen jährlichen Bruttoumsatz von fast 77 Millionen Euro. Davon entfallen knapp 45Millionen auf Übernachtungen in Hotels und Pensionen. Die Tagesbesucher geben rund 29 Millionen Euro aus.

          Dabei sind die Passagiere der 1700 jährlich anlegenden Hotelschiffe nicht einmal eingerechnet. Auch deren Passagiere bringen Geld in die Stadt, den Hoteliers sind sie aber ein Dorn im Auge. Denn die rund 120000 Übernachtungen auf den Schiffen im Rüdesheimer Hafen werden weder von der Tourismusstatistik genau erfasst noch maßgeblich an den Kosten der touristischen Infrastruktur beteiligt.

          Clemens Stiebler vom örtlichen Hotel- und Gaststättenverband rechnet vor, dass die kommunale Fremdenverkehrsgesellschaft für das Anlegen eines 110 Meter langen Hotelschiffs mit 100 Passagieren der Reederei rechnerisch nur 2,80 Euro je Gast abverlangt, während die Hotels künftig jedem Gast zwei Euro Aufschlag zum Zimmerpreis berechnen sollen. Die Hoteliers verweisen zudem darauf, dass mancher Gruppenreiseveranstalter schon jetzt Rüdesheim nicht mehr mit Reisebussen ansteuere, weil die Stadt ein „Flusskreuzfahrtsziel“ sei. Die Bettensteuer könne zusätzlich abschrecken.

          Stiebler bezeichnet die Bettensteuer als „Diskriminierung einer ganzen Branche“. Sie sei für Rüdesheim auch deshalb nicht zu rechtfertigen, weil es dort keine großen und finanzstarken Hotelketten gebe. Der Hotelier Ralf Nägler sieht zudem die gesamte Tourismusorganisation von Rüdesheim in Gefahr, sie wurde vor Jahren privatwirtschaftlich organisiert. Der Verein für Wirtschafts- und Tourismusförderung (WTF) mit rund 220 Mitgliedern übernimmt seither die Aufgaben des Verkehrsvereins und organisiert die Touristinfo. Er bedient sich dazu operativ der Rüdesheim Tourist AG, deren Aktionäre aus dem Kreis der Hotellerie und Gastronomie kommen. Den kommunalen Zuschuss von jährlich 360000 Euro sowie die eigenen Mitgliedsbeiträge von jährlichen 150000 Euro reicht der WTF über Arbeitsaufträge an die Rüd AG für die Tourismuswerbung weiter. Eine Konstruktion, die bundesweit für Aufmerksamkeit sorgt, weil sie der Politik den direkten Einfluss auf die Tourismuswerbung entzogen hat.

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