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Riesling der Superlative : Wiederauferstehung im Weinberg

Flüssiges Gold und Glück: Der neue alte Riesling vom Rheingauer Weingut Robert Weil Bild: Peter Badenhop

Für knapp 100 Jahre hatte eine Rheingauer Tradition geruht, nun kehrt sie zurück: Mit dem „Monte Vacano Riesling“ präsentiert das Weingut Robert Weil in Kiedrich einen neuen Spitzentropfen mit einer erstaunlichen Geschichte. Er hat das Potenzial zur Legende.

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          Solche Neuigkeiten kann Wilhelm Weil nicht oft verkünden. Nicht dass es zu seinem Weingut, das man wohl ohne Übertreibung als Flaggschiff des privaten Rheingauer Weinbaus bezeichnen kann, nicht Jahr für Jahr Interessantes zu sagen und zu schreiben gäbe. Im Grunde aber steht es mit seiner vollständigen Konzentration auf den Riesling und die klassischen Weinbergslagen in Kiedrich wie kaum ein anderes in der Region für Tradition und Kontinuität. Veränderungen werden stets mit Bedacht und Ruhe vorgenommen. Hektischer, von irgendwelchen Moden getriebener Aktionismus ist Wilhelm Weil und seinem Team fremd.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Um so mehr war dem ebenso bodenständigen wie weltgewandten Winzer die Freude anzumerken, als er am Wochenende im Rahmen von zwei exklusiven Verkostungen die Wiederauferstehung eines ganz besonderen Tropfens verkündete: Im Oktober kommt nach fast zwei Jahren auf der Feinhefe im traditionellen Stückfass der „Monte Vacano Riesling 2018“ in die Subscription – und schon der Preis von 105 Euro (später sollen die Flaschen, falls überhaupt noch welche übrig sind, im freien Verkauf 130 Euro kosten) macht deutlich, dass es sich bei diesem trockenen Wein um die neue, absolute Spitze der Weil’schen Produktpalette handelt.

          Die Trauben für den „Monte Vacano“ stammen aus einer Parzelle der Spitzenlage „Kiedricher Gräfenberg“, deren beurkundete Geschichte bis ins 12.Jahrhundert zurückreicht und aus der das Weingut jedes Jahr bis zu 40.000 Flaschen Riesling Großes Gewächs erzeugt. Nur einen halben Hektar groß ist diese Steilhang-Parzelle, aber sie ist gewissermaßen die Spitze der Spitzenlage – und mit einer besonderen Geschichte ausgestattet: Für den Erwerb dieser besonders hochwertigen und teuren sogenannten Lay setzte der Gründer des Weingutes, Dr. Robert Weil, nämlich im Jahr 1875 die Mitgift seiner Frau Emilie ein, die der Familie der Edlen von Vacano entstammte, einem alten lombardischen Geschlecht, das im 17.Jahrhundert in die Kurfürstentümer Pfalz und Trier gezogen und später auch in Koblenz und Wiesbaden ansässig war.

          Nach 1921 fand die Tradition ein Ende

          Zur Erinnerung an die Verbindung mit dieser Familie trug die Lay bei den Weils fortan den Ehrentitel „Monte Vacano“, und anders als die anderen berühmten Weine aus dem Gräfenberg, die in aller Welt für viel Geld gekauft und getrunken wurden, blieben die Rieslinge von dieser speziellen Parzelle der Familie vorbehalten. Der „Monte Vacano“ wurde ausschließlich im Kreise der Familien Weil und Vacano ausgeschenkt – zuletzt der Jahrgang 1921, dann fand diese Tradition ein Ende.

          Wilhelm Weil vom Rheingauer Weingut Robert Weil präsentiert seinen neuen Spitzenriesling.
          Wilhelm Weil vom Rheingauer Weingut Robert Weil präsentiert seinen neuen Spitzenriesling. : Bild: Peter Badenhop

          Die Idee, sie wiederzubeleben, hat Wilhelm Weil schon eine ganze Weile mit sich herumgetragen – und knapp 100 Jahre später wird der erste Jahrgang des neuen „Monte Vacano“ nun im April 2021 tatsächlich an die Kunden ausgeliefert. Dann wird dieser auf eine lange Reife ausgelegte, trockene Spitzen-Riesling zwar noch sehr jung sein. Das Potential, das in ihm steckt, hat er aber bei der ersten Verkostung am Wochenende schon einmal deutlich gezeigt: Ausgestattet mit einer feinen, komplexen Nase, zeigt er sich nur ein paar Tage nach der Abfüllung sehr trocken und stramm, lässt aber auch schon seine besondere Würze und eine enorme Länge erkennen.

          Ganz so, als müsse er beweisen, wie unerhört gut die Weine aus dem „Kiedricher Gräfenberg“ reifen, ließ Weil bei der Präsentation seines neuen Flaggschiffs auch ein paar weitere Jahrgänge Große Gewächse und Cabinet-Weine aus der berühmten Lage ausschenken – vom strahlenden, frischen 2019er über den wunderbar fülligen und weichen 2016er sowie den deutlich gereiften, würzigen und sogar leicht toastigen 2008er bis zu Raritäten wie dem zwar inzwischen recht strengen und trockenen, aber unerhört komplexen und noch immer erstaunlich präsenten 1949er und dem für sein Alter unglaublich lebhaften, klaren und fruchtigen 1917er. Wenn der „Monte Vacano“ auch nur in die Nähe dieser Tropfen kommt, könnte er tatsächlich eines Tages zur Legende werden.

          Fortan will Wilhelm Weil jedes Jahr zwei aufgearbeitete, alte Stückfässer mit je 1200 Liter „Monte Vacano Riesling“ befüllen und in 1200 0,75-Liter- Flaschen sowie einigen Magnum-Flaschen auf den Markt und in Versteigerungen bringen. Das ist nicht nur eine Freude für seine Kunden, sondern auch für die Rheingauer Rieslingkultur, die auf diese Weise ein Stück ihrer Tradition zurückerhält.

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