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Pilgerreise nach Jerusalem : Aufgeben war nie ein Thema

  • -Aktualisiert am

Reise nach Jerusalem: Der Tempelberg. Bild: dpa

Auch wenn er manchmal am Boden war: Stefan Spangenberg hat seine Pilgerreise nach Jerusalem zu einem erfolgreichen Ende gebracht. Binnen 283 Tagen legte er fast 6000 Kilometer zu Fuß zurück.

          2 Min.

          Im Nachhinein kann er es zugeben: Pfefferspray war Bestandteil seiner Ausrüstung, als er sich am 6. Mai vorigen Jahres von Rheinhessen aus auf den Weg nach Jerusalem machte. Zu Fuß. „Gebraucht habe ich es aber nicht“, erzählt Stefan Spangenberg, inzwischen wohlbehalten in die Heimat zurückgekehrt, in einem Mainzer Café. 283 Tage war er unterwegs, bis er sein Ziel erreichte, 5583 Kilometer legte er in dieser Zeit per pedes zurück, drei Paar Wanderschuhe verschliss er. Das stabilste trug ihn gut dreieinhalbtausend Kilometer weit über Stock und Stein.

          Ganz egal, welche Länder er durchquerte, durch welche Gegenden er streifte, der einzige wirkliche Unbill, der ihm auf seiner langen Wanderung widerfuhr, war witterungsbedingt. Und – fast schon vergessen – Blasen, die ihn während der ersten vier Wochen vor allem an den Fersen plagten. „Ansonsten habe ich ausschließlich positive Erfahrungen gemacht“, erzählt Spangenberg. „Ich hatte unfassbar viele nette Begegnungen. Und die Natur in ihren vielen Facetten zu erleben war überwältigend.“

          Tausende Euro an Spenden

          Die Ziele, die er mit seinem Pilgermarsch ins Heilige Land verband, habe er allesamt erreicht: innere Einkehr zu halten, mit Menschen anderer Nationalitäten und Religionen in einen interkulturellen und interreligiösen Dialog zu treten und möglichst viel Geld zugunsten der Deutschen-Multiple-Sklerose-Gesellschaft zu sammeln, die seinen 2013 an MS erkrankten Sohn unterstützt. Mehr als 8000 Euro an Spenden kamen während Spangenbergs Reise zusammen.

          Zur Einkehr gesellte sich an einigen Stellen die Umkehr. Auf dem Israel National Trail beispielsweise ging es wegen Barrieren auf der Straße nicht weiter. „Mit Rucksack hätte ich wohl drüberklettern können, aber wenn du dein Gepäck in einem Monowalker hinter dir herziehst, ist das unmöglich“, erläutert Spangenberg. Schon in Italien hatte er damit zu kämpfen, dass sein um die Hüften geschnallter Wagen auf aufgeweichten Wegen im Schlamm stecken blieb. „Aber irgendwie ging es doch immer weiter.“

          Nudeln mit Tomaten-Thunfisch-Soße

          Die Alpen meisterte der Pilger aus Rheinhessen geradezu spielerisch: Für den Aufstieg auf den Großen St. Bernhard benötigte er zehn Stunden – „am ersten Tag, an dem der Pass nach dem Winter wieder geöffnet war“. Vom Fußmarsch durch das in der Zentraltürkei gelegene Kappadokien hingegen nahm er im Herbst Abstand. „Davon wurde mir wegen des Schnees dringend abgeraten, das wäre eine lebensgefährliche Tour geworden“, sagt er. Dass ihn sein Weg stattdessen am Meer entlangführte, machte das Ganze nicht nur sicherer, sondern ließ ihn auch knapp zwei Wochen früher als geplant in Jerusalem ankommen. Aufzugeben sei nie ein Thema gewesen, versichert er, auch wenn es Situationen gab, „in denen ich am Boden war“.

          Zum Beispiel auf dem letzten Teilstück vom See Genezareth bis zum Endpunkt der Wanderung, als es nicht mehr aufhören wollte zu regnen. Zwei Nächte hintereinander hatte Spangenberg sein Zelt an Tankstellen aufgeschlagen, eine Nacht am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv geschlafen. „Danach war ich so demoralisiert, dass ich mich schon nach einer Bushaltestelle erkundigte“, berichtet er. „Aber wenig später hat mir eine Autofahrerin eine Übernachtungsmöglichkeit in einem Kibbuz vermittelt.“ Ganz billig sei die Unterkunft nicht gewesen – der Topf mit Nudeln und einer Tomaten-Thunfisch-Soße aber, den er sich zubereiten konnte, zählte zu den schönsten Momenten der Tour. „Das hat mich wieder aufgebaut.“

          Würde er eine solche Reise noch einmal machen? Stefan Spangenberg überlegt nicht lange. „Ja, das würde ich. Obwohl ich unterwegs ganz schön gealtert bin“, sagt er und lacht. Mit 59 Jahren losgegangen, kehrte er als Sechzigjähriger zurück. Seinen runden Geburtstag feierte er im türkischen Gelibolu an den Dardanellen, von wo aus er später per Fähre nach Zypern übersetzte. „Für diese Nacht habe ich mir sogar ein gutes Hotel gegönnt. Ein Sonderangebot von 60 Euro erschien mir für einen Pilger nicht zu dekadent...“ Sein unbenutztes Pfefferspray entsorgte Spangenberg übrigens vor dem Flug von Zypern nach Israel. „Wenn ich versucht hätte, damit in den Flieger zu steigen, wäre ich wahrscheinlich nie angekommen.“

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