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Rheingauer Hinterlandswald : Die Fichte geht, die Wildkatze kommt

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Bild: F.A.Z.

Der Rheingauer Hinterlandswald ist Hessens größter zusammenhängender Forst. Er ist ein wichtiger Lebensraum auch für seltene „Exoten“ wie die stark gefährdete Wildkatze und eine große Kolonie Kolkraben. Ein ungewöhnlicher Wald im Porträt.

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          Das ist ein Wald der extremen Standorte. Hier felsig und hart, dort lehmig und federweich. Einmal geprägt von ungewöhnlich schroffen Steilhängen, einige Kilometer weiter topfeben. Auf engem Raum wechseln sich höchst unterschiedliche Baumgesellschaften und Waldbestände ab. Eine Vielfalt, die der Leiter des nach der Forstreform 2005 einzig verbliebenen Rheingauer Forstamts in Rüdesheim, Hans-Ulrich Dombrowsky, an „seinem“ Wald so schätzt. Der sogenannte Hinterlandswald hat viele Besonderheiten, und er gilt als Hessens größtes zusammenhängendes Waldgebiet.

          Dombrowsky nutzt den traditionsreichen Begriff Hinterlandswald allerdings kaum, denn eigentlich steht dieser nur für einen Teil des gesamten Rheingauer Forstes. Historisch bezeichnet Hinterlandswald nämlich die Waldungen jenseits des Rheingauer Gebücks, also jener natürlichen Landwehr aus gebogenen Buchen und dornenreichen Hecken, die im Mittelalter die Rheingauer Besitzungen des Erzbistums Mainz gegen das Raubrittertum aus dem Taunus schützen sollte.

          Großer Holzhunger im 18. Jahrhundert

          Zum Hinterlandswald zählten vor allem die Waldungen im idyllischen Ernstbachtal oberhalb von Lorch und in dessen Nebentälern. Ein bis heute abgeschiedenes Gebiet, dessen Nutzung von den Kommunen über Jahrhunderte gemeinsam organisiert wurde. Arme Bauern trieben dort ihr Vieh zur Weide in den Wald, und Köhler holzten für ihre Meiler große Bestände ab. Vor allem im 18. Jahrhundert war der Holzhunger so groß, dass von einem Wald im heutigen Sinne kaum gesprochen werden konnte.

          Sitzecke: Im Hinterlandswald finden Wanderer ruhige Plätze, obwohl der Forst bewirtschaftet wird und den Eigentümern Rendite bringen muss.
          Sitzecke: Im Hinterlandswald finden Wanderer ruhige Plätze, obwohl der Forst bewirtschaftet wird und den Eigentümern Rendite bringen muss. : Bild: Marcus Kaufhold

          Erst unter nassauischer Herrschaft und nachdem der Wald im Jahr 1822 auf die einzelnen Gemeinden aufgeteilt worden war, gelang es, den Raubbau zu stoppen und den Wiederaufbau einzuleiten, der nach 1866 unter preußischer Verwaltung Erfolge zeigte. Zur Erschließung der ausgedehnten Wälder und als Arbeitsbeschaffungsprogramm baute der Reichsarbeitsdienst in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts die rund 13 Kilometer lange, asphaltierte Hinterlandstraße, für deren Erhalt seit 1939 ein bis heute existierender kommunaler Zweckverband verantwortlich ist. Dieses schmale Asphaltband, das der Zweckverband mit einem jährliche Budget von 70.000 Euro unterhält, ist das einzige, das den Hinterlandswald durchschneidet und zugleich erschließt.

          Rund 40 Prozent des Hinterlandswaldes sind geschützt

          Heute wird dieser Name für den gesamten Rheingauer Wald einschließlich des Schlangenbader Kommunalforstes und sogar darüber hinaus genutzt. Mit fast 22.000 Hektar steht das geschlossene Waldgebiet noch vor dem Spessart an der Spitze in Hessen, und fast 19.000 Hektar betreut das Forstamt Rüdesheim mit seinen elf Förstereien. Rund 3200 Hektar Wald davon gehören dem Land Hessen, etwa 1400 Hektar sind Privat- und 13.600 Hektar Kommunalforst. Oestrich-Winkel und Eltville sind die beiden größten Kommunalwaldbesitzer, und sie erwarten auch eine Rendite.

          Rund 40 Prozent des Hinterlandswaldes sind geschützt, als Naturschutz-, FFH- oder Vogelschutzgebiet. Er ist ein wichtiger Lebensraum für Hirsche und Rehe, Wildschafe und Wildschweine, aber auch seltene „Exoten“ wie die stark gefährdete, sich aber stetig ausbreitende Wildkatze und eine große Kolonie Kolkraben. Sogar ein Luchs soll den Forst zur Heimat erkoren haben, auch wenn seine Anwesenheit noch nicht eindeutig bestätigt wurde.

          Jedes Jahr wächst mehr Holz nach, als geerntet wird

          Neben seiner Bedeutung für Erholungssuchende als Teil des Naturparks Rhein-Taunus, neben der Funktion als Grundwasserfilter, Kohlendioxidspeicher und Sauerstoffproduzent ist der Hinterlandswald vor allem ein Holzproduzent.

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