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Rheingauer Hinterlandswald : Die Fichte geht, die Wildkatze kommt

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Forstmann Dombrowsky schätzt, dass allein auf dem Gebiet des Forstamts Rüdesheim jährlich rund 100.000 Kubikmeter Holz erzeugt werden. Etwa 80 Prozent davon sind direkt vermarktbar und stehen für einen Wert zwischen drei und vier Millionen Euro – je nach Nachfrage und den Preisen auf dem von starken Preisschwankungen geprägten Holzmarkt. Dennoch wächst jedes Jahr mehr Holz nach, als geerntet wird, und das, obwohl die Kommunen seit der Einführung der kaufmännischen Buchführung und der Aufstellung von Eröffnungsbilanzen genau wissen, was ihr Wald in Euro und Cent einbringen könnte. In Schlangenbad beispielsweise wurden die gut 1600 Hektar Kommunalforst mit 13 Millionen Euro bewertet, und das ist fast das Doppelte des Werts aller bebauten und unbebauten Grundstücke der Kurgemeinde.

Schon vor 30 Jahren schlugen Naturschutzverbände das Rheingaugebirge als Nationalpark vor

Schlangenbad ist auch die einzige Kommune, die sich an die strengeren FSC-Kriterien bei der Bewirtschaftung hält, obwohl das dem Wald einiges an Rentabilität nimmt. Die übrigen Kommunen begnügen sich mit der Zertifizierung nach PEFC, und für sie ist der Wald auch eine bedeutsame Einnahmequelle. Braucht der Rheingauer Wald aber mehr Schutz? Greenpeace zumindest ist dieser Ansicht und hat das „Internationale Jahr der Wälder“ im Frühjahr zum Anlass genommen, ein Buchenwald-Verbundsystem für Deutschland und zehn neue Nationalparks als „Urwälder von morgen“ vorzuschlagen, darunter auch das Rheingaugebirge, wie der Hinterlandswald auch genannt wird.

Solche Bestrebungen sind nicht neu. Schon vor 30 Jahren schlugen Naturschutzverbände das Rheingaugebirge als Nationalpark vor. Mitte der neunziger Jahre wollte das Regierungspräsidium ein erweitertes Schutzkonzept durchsetzen, das aber am erbitterten Widerstand der Kommunen scheiterte, die um ihre Handlungsfreiheit im Kommunalwald fürchteten. Auf dem Höhepunkt des Streits sah sich der damalige Umweltminister Gerhard Bökel (SPD) gezwungen, öffentlich zu versichern, dass das Rheingaugebirge weder als Nationalpark, als Biosphärenreservat noch als großflächiges Naturschutzgebiet ausgewiesen werden solle.

Der Hinterlandswald kann und soll auch einen Beitrag zur Energiewende leisten

Aus Sicht von Dombrowsky gibt es bis heute keinen Zweifel daran, dass der beste Schutz des Waldes und der Artenvielfalt eine geregelte und nachhaltige Forstwirtschaft ist. Dass der Rheingauer Forst ein Teil der von Menschen geformten Kulturlandschaft ist, dafür hat er viele Belege parat. Von Urwald könne keine Rede sein. „Hier war jeder Quadratmeter auch irgendwann genutzt“, sagt Dombrowsky. Er sieht die Zukunft des Hinterlandswaldes mit Optimismus. Sorgen bereitet ihm allenfalls der Rückzug der stets gut verkäuflichen und deshalb als „Brotbaum“ bezeichneten Fichte, die vor allem die westlichen Waldungen verlässt. Auf den trockenen Böden baut nicht der Förster, sondern der Klimawandel den Wald radikal um, und würden die Förster nicht eingreifen, nähme auf weiten Flächen die Rotbuche den übrigen Baumarten schnell das Licht und damit das Leben.

Für Zonen ohne forstwirtschaftliche Nutzung, wie sie von Umweltschützern vor allem für Kernareale der Schutzgebiete gefordert wird, sieht Dombrowsky keine ökologische Notwendigkeit. Sie helfe weder dem Artenschutz noch dem Klimaschutz, bringe aber viele ökonomische Nachteile mit sich. Diese träfen vor allem die kommunalen Waldbesitzer, die dringend benötigte Einnahmen aus ihrem Forst erwarteten, und jene fast 650 Bürger, die mit selbstgeschlagenem Holz aus dem Wald heizten.

Der Hinterlandswald kann und soll auch einen Beitrag zur Energiewende leisten, wie Dombrowsky sagt. Er sieht durchaus die Chance, noch mehr Biomasse als bislang aus dem Wald zu holen, um beispielsweise Blockheizkraftwerke für größere Liegenschaften mit Hackschnitzeln zu versorgen. Zudem gewinne der Werk- und Baustoff Holz durch neue Technologien an Bedeutung und könne sogar Stahl ersetzen. Dem modernen, nachhaltig betreuten Wirtschaftswald sagt der Forstexperte eine große Zukunft voraus: „Vielleicht stehen wir vor einem hölzernen Zeitalter.“

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