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Rheingau-Taunus-Kreis : Kein Schulfrieden im Idsteiner Land

Bietet zwei gymnasiale Oberstufen an: die Idsteiner Limesschule Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

Standortfragen im Untertaunus: Die Grundschüler wollen nicht nach Niedernhausen und die Gymnasiasten nicht nach Idstein. Ein Vermittlungsversuch hat die Fronten eher verstärkt.

          Mediationsverfahren haben die einvernehmliche Beilegung eines Streits zum Ziel. Doch den inzwischen jahrelangen Schulzwist im Idsteiner Land hat das von Landrat Burkhard Albers (SPD) initiierte Mediationsverfahren nicht beilegen können. Im Gegenteil: Es hat die Auseinandersetzungen verschärft. Eine Mediationsrunde hatte im vergangenen Jahr ihren Auftrag zur Neuordnung der Schullandschaft im Idsteiner Land auf die Frage des Standorts einer weiteren gymnasialen Oberstufe verengt und in einer Kampfabstimmung ein Votum gefällt, das von den Eltern in Niedernhausen nicht akzeptiert wurde. Seitdem ist es mit dem Schulfrieden endgültig vorbei.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Der Wunsch vieler Eltern, ihre Kinder nach der Grundschule vorzugsweise auf ein klassisches Gymnasium zu schicken, ließ in Verbindung mit rückläufigen Geburtenraten und dem Sterben der Hauptschule vor zwei Jahren die Neuordnung der Schullandschaft unausweichlich werden. Von den einst sieben Hauptschulstandorten im Rheingau beispielsweise blieb nur ein einziger übrig.

          Enttäuschung in Niedernhausen groß

          Und die Zahl der Kinder sinkt in den nächsten Jahren dramatisch weiter. An den Grundschulen gab es vor acht Jahren noch 7600 Kinder. Derzeit sind es 7300, in vier Jahren werden es weniger als 6300 sein, wobei der Zuzug junger Familien schon eingerechnet ist. Die Hauptschulen einschließlich der Hauptschulzweige an den kooperativen Gesamtschulen zählten im Jahr 2001 noch fast 1600 Schüler, in wenigen Jahren sind es noch 500. Landrat Albers sieht die Gymnasien deshalb als neue Regelschule. 3000 Gymnasiasten waren es 2001, in wenigen Jahren werden es 6500 sein.

          Der Kreis reagierte spät, zu spät: Die gymnasiale Oberstufe an der Integrierten Gesamtschule Obere Aar in Taunusstein wurde schließlich aufgehoben und in Hahn ein Gymnasium eingerichtet. In Bad Schwalbach ging eine neue gymnasiale Oberstufe in Betrieb. Die Hauptschule an der Walluftalschule in Walluf wurde aufgelöst, ebenso die Hauptschule an der Rabanus-Maurus-Schule in Winkel. Aus der Clemens-Brentano-Schule in Oestricht wurde eine „Reformschule Rheingau“.

          In Idstein schließlich sollte die Limesschule als Kooperative Gesamtschule sukzessive abgeschafft werden; ihre Gebäude sollten dem aus den Nähten platzenden Pestalozzi-Gymnasium im Idsteiner Schloss zugeordnet werden. Das bisherige Realschulangebot der Limesschule sollte auf die Kooperative Gesamtschule „Theißtalschule“ in Niedernhausen übergeleitet werden, die zudem eine gymnasiale Oberstufe erhalten und damit erheblich gestärkt werden sollte.

          Doch Landrat Albers hatte diese Rechnung ohne die Idsteiner Eltern gemacht. Er gab den heftigen Protesten schließlich nach und zog den Schulentwicklungsplan zurück. Im August 2008 entschied die Mediationsrunde, die notwendige zweite gymnasiale Oberstufe zur Entlastung der auf Vierzügigkeit begrenzten Pestalozzischule solle doch nicht in Niedernhausen, sondern an der Idsteiner Limesschule eingerichtet werden. Niedernhausen ging leer aus, die Enttäuschung dort war groß.

          Sorge um Zukunft der Theißtalschule

          Und die Eltern? Nur 19 meldeten in diesem Frühjahr ihre Kinder für diese neue Oberstufe an, und nur für drei von ihnen war dies die erste Wahl. Die neue Oberstufe wurde zwar genehmigt, sie wird nun aber mangels Schülern nicht eingerichtet. Vor allem aus Niedernhausen war die Oberstufe der Limesschule boykottiert worden. Vermutlich kann die Oberstufe erst dann beginnen, wenn aus der Limesschule genügend eigene Schüler nachgerückt sind.

          Als wäre das Debakel der Schulpolitik im Kreis damit nicht groß genug, gerieten in den vergangenen Wochen die Limesschule und die Theißtalschule abermals in den Strudel einer Auseinandersetzung. Weil die Limesschule durch Kreistagsbeschluss auf die Aufnahme von 99 Grundschulabsolventen (Dreizügigkeit) begrenzt war, entschied eine Verteilkonferenz, dass zahlreiche Kinder aus Idstein-Heftrich, Idstein-Kröftel und der Gemeinde Waldems an die Theißtalschule nach Niedernhausen verwiesen werden.

          Die Eltern rebellierten. Wieder gerieten die Schulpolitik in Turbulenzen und der Landrat als Schuldezernent in die Defensive. Zahlreiche Proteste, Resolutionen, Demonstrationen und Unterschriftenaktionen zwangen Albers schließlich dazu, dem Schulausschuss vorzuschlagen, die Begrenzung der Limesschule auf Dreizügigkeit aufzugeben, so dass alle Idsteiner und Waldemser Kinder dort Aufnahme finden und nicht nach Niedernhausen müssen. Der Schulausschuss folgte diesem Vorschlag in dieser Woche.

          Nun gilt die Sorge der Schulpolitiker der Zukunft der Theißtalschule Niedernhausen, für die der Landrat inzwischen Zweifel hat, ob die Gemeinde und ihre Bürger selbst noch ausreichend hinter und zu dieser Schule stehen. Er rät der Schule, „von G8 auf G9“ zurückzugehen und sich damit ein schärferes Profil im Idsteiner Land zu geben. Die Kreistagsfraktionen zeigten sich gegenüber diesem Vorschlag unentschieden. Sie wollen darüber bis zur Kreistagssitzung weiter beraten. Ob die Schule selbst das will, vermochte im Schulausschuss niemand zu sagen. Einig war man sich nur im Wunsch, es möge endlich wieder Schulfrieden einkehren.

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