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Rheingau-Taunus-Kreis : Ein Abschied ganz ohne Lobhudelei

  • -Aktualisiert am

Blick in die Richtung: Der neue Landrat Frank Kilian (parteilos) löst Burkhard Albers (SPD, rechts) ab. Bild: Michael Kretzer

Bei der Amtseinführung des Nachfolgers von Landrat Burkhard Albers werden die politischen Differenzen zum Abschied nicht unter den Teppich gekehrt.

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          Der Amtswechsel eines hessischen Wahlbeamten ist ein von festen Gepflogenheiten bestimmtes Ritual: Sekt zum Empfang, per Handschlag die Verpflichtung auf eine gewissenhafte Amtsführung, die Übergabe der Ernennungsurkunde, die Eidesformel des Neuen, Blumen für die Ehefrauen, Ansprachen ihrer Ehemänner, ein kaltes Buffet zum Abschluss. Die zeremonielle Verabschiedung von Landrat Burkhard Albers (SPD) und die Amtseinführung und Vereidigung seines Nachfolgers Frank Kilian (parteilos), der am 4. Juli um Mitternacht als sechster gewählter Landrat die Verantwortung für den 1977 gegründeten Landkreis übernimmt, machten in ihrem Ablauf zu anderen Stabwechseln im Land keinen Unterschied. Die Art und Weise aber schon.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Rund 300 Ehrengäste einschließlich Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid (Die Grünen) waren in den nüchternen Herblay-Saal des betagten Taunussteiner Bürgerzentrums geströmt, um Albers nach 15 Jahren als Erster Kreisbeigeordneter und Landrat zu verabschieden und den Nachfolger kennenzulernen. Und sowohl Albers als auch Kilian wirkten sichtlich entspannt. Albers wohl auch deshalb, weil er frisch erholt vom Motorradurlaub in südlichen Gefilden zurück war; Kilian, weil er fast schon auf dem Sprung an sein bevorzugtes Urlaubsziel in Südfrankreich war.

          Mehr Fairness und Respekt vor gegenteiligen Auffassungen

          Auch weil der kleine Saal des Bürgerzentrums in Hahn fast keine Sitzplätze bot, hatte sich das Protokoll auf drei Redebeiträge beschränkt. Den Anfang machte der Kreistagsvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch (CDU), der Albers in herzlicher Abneigung zugetan war. Eine Abneigung, die durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte und die schon aus der Zeit herrührt, als Albers bei der Direktwahl 2005 dem „Rambo“ und Amtsinhaber Bernd Röttger (CDU) eine herbe Niederlage beibrachte, die sich auch der CDU-Kreisvorsitzende Willsch zuschreiben musste. Willsch redete zum Abschied des Landrats mindestens so viel über sich selbst und über die politischen Höhepunkte der zurückliegenden Jahre wie über die Leistungen von Albers. Das war zwar nicht besonders höflich, aber wenigstens ehrlich. Ein Loblied auf den scheidenden Landrat und dessen Leistungen wäre ihm wohl von allen Seiten als Heuchelei angekreidet worden.

          Für den neuen Landrat Kilian war der Beifall bezeichnenderweise dann am lautesten, als er – nicht nur für die Kreispolitik – mehr Fairness und Respekt vor jeweils gegenteiligen Auffassungen einforderte. Auch Albers kehrte die Differenzen und die Auseinandersetzungen der zurückliegenden Jahre nicht unter den Teppich. Für sich selbst nahm er aber in Anspruch, einen lethargischen Kreis in ein „lebendiges Wesen“ mit Tatendrang und Diskussionsfreude verwandelt und vor allem in der Schul- und Sozialpolitik bedeutsame Akzente gesetzt zu haben, nicht zuletzt wegen der Investitionen von 150 Millionen Euro in den Schulbau.

          Albers übergebe Kilian ein „geordnetes Haus“

          Albers gab Fehler wie die Fremdwährungskredite zu, die den Kreis am Ende mehr als 70 Millionen Euro kosteten. Er verband diese Selbstkritik aber auch mit einer indirekten Attacke gegen die CDU, die in der großen Koalition Mitverantwortung für die Kredite getragen habe, im Landratswahlkampf aber davon nichts mehr habe wissen wollen. Damit gab der bisweilen sehr dünnhäutige Albers auch zu erkennen, wie sehr ihn manche politische Attacke und manches Plakat („Pleite-Landrat abwählen!“) im Kommunalwahlkampf 2016 getroffen haben.

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          Die Härte der „teilweise sehr persönlichen Angriffe“ habe auch seine Familie irritiert, sagte Albers, dem in den vergangenen Monaten die Erleichterung über den anstehenden Abschied anzumerken war. Fast trotzig wirkte sein Bekenntnis, „abschließend mit meiner Finanzpolitik im Reinen“ zu sein. Immerhin kann Albers auch dank sprudelnder Einnahmequellen als erster Landrat der Geschichte des Kreises einen ausgeglichenen Etat präsentieren. Damit übergebe er Kilian ein „geordnetes Haus“, sagte Albers, und tatsächlich kann der Landkreis vielleicht schon weit früher als gedacht den Schutzschirm des Landes, den Albers selbst immer als löchrigen „Knirps“ bespöttelt hatte, zuklappen.

          Am 5. Juli schlägt Albers als Geschäftsführer des kommunalen Arbeitgeberverbandes Hessen ein neues berufliches Kapitel auf. Im Rheingau bleibe er weiter wohnen, versichert er, und die weitere Kreisentwicklung werde er aufmerksam verfolgen.

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