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Rheingau-Taunus-Kreis : Bei Papier und Altmetall brechen die Erlöse ein

  • -Aktualisiert am

Erfasst: Müllmengen werden im Rheingau-Taunus-Kreis an den Tonnen mit Computerchips gemessen Bild: Cornelia Sick

Mit dem Rückgang des Gewerbemülls muss der Eigenbetrieb Abfallwirtschaft im Rheingau-Taunus um eine „schwarze Null“ kämpfen. Denn nach einem kurzfristigen Hoch sind die Papier- und die Altmetallpreise regelrecht eingebrochen.

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          Nach zwölf Jahren relativer Ruhe in der Abfallwirtschaftspolitik geht der Rheingau-Taunus-Kreis wieder auf turbulentere Zeiten zu, auch wenn die Haushalte davon mittelfristig wohl wenig spüren werden. Doch die Zeiten, in denen der 1994 gegründete Eigenbetrieb Abfallwirtschaft (EAW) bei Bedarf auf eine üppige Rücklage zurückgreifen, regelmäßig die Gebühren senken und gleichzeitig Gewinne einstreichen konnte, sind wohl vorbei.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Gründe dafür sind vielfältig: Nach einem kurzfristigen Hoch sind die Papier- und die Altmetallpreise regelrecht eingebrochen. Bei der Einsammlung von Gewerbemüll ist der Kreis privaten Mitbewerbern hoffnungslos unterlegen. Eine einst üppige Sonderrücklage ist bald aufgezehrt. Und spürbar rückläufige Mengen beim Sperr- und Hausmüll könnten höhere Entsorgungskosten auf der Deponie Singhofen zur Folge haben.

          Im Sommer 1997 hatte der Landkreis seine zuvor 22 Jahre währende Kooperation mit der Landeshauptstadt Wiesbaden bei der Müllentsorgung aufgegeben und gegen viele Widerstände eine Ausnahme vom hessischen Abfallentsorgungsplan durchgesetzt, um seinen Restmüll fortan an der Deponie Singhofen des benachbarten Rhein-Lahn-Kreises anzuliefern – für zunächst 153 Mark je Tonne statt der von Wiesbaden verlangten 220 Mark. Wiesbaden verlor damals nicht nur einen guten Kunden für seine Deponie Dyckerhoffbruch, sondern musste 21 Millionen Mark aus einer gemeinsam für den möglichen Bau eines Müllofens gebildeten Rücklage an die Kreiskasse rücküberweisen.

          Haushalte zuletzt deutlich entlastet

          Mit diesem in einer Sonderrücklage geparkten Geld hat der EAW nicht nur Altschulden beglichen, sondern auch mehrere Gebührensenkungen mitfinanziert. Dabei profitierte der Kreis davon, dass er mit Ausnahme einiger kleinerer Erdaushub- und Bauschuttdeponien keine eigenen kostspieligen Entsorgungseinrichtungen unterhalten musste und der Müllmarkt in Bewegung geriet. Zwar stiegen seither die Preise für Restmüll in Singhofen wegen höherer gesetzlicher Anforderungen an die Deponie. Doch für die Bürger blieb es günstig, selbst als 2005 der Vertrag bis 2020 verlängert wurde mit auf 117 Euro je Tonne erhöhten Preisen.

          In den vergangenen zehn Jahren wurden die Haushalte im Untertaunus um fast 50 Prozent entlastet, heben Abfallwirtschaftsdezernent Karl Ottes (CDU) und EAW-Betriebsleiter Horst-Dieter Reuther hervor, doch geben sie auch zu: mittelfristig werde es für den EAW wohl keine Gewinne und für die Bürger keine weiteren Entlastungen mehr geben können. Schon bei der jüngsten, vom Kreistag beschlossenen Gebührensenkung hätte die EAW-Führung wohl Einspruch erhoben, wäre damals schon der scharfe Einbruch bei den Papier- und Altmetallpreisen absehbar gewesen. Die Erlöse des EAW für die knapp 11.000 Tonnen Altpapier jährlich gingen von 2007 auf 2008 von 790.000 Euro auf 540.000 Euro zurück, im ersten Halbjahr 2009 waren es noch 33.000 Euro. Die etwas mehr als 300 Tonnen Altmetall brachten 2007 noch 31 000 Euro, 2008 sogar 38.000 Euro, aber in den vergangenen sechs Monaten nur noch 2000 Euro. Und das in einem Jahr, an dessen Ende die ehemalige Sonderrücklage aus der Müllehe mit Wiesbaden endgültig aufgezehrt sein wird.

          Deutlicher weniger Gewerbemüll

          Beim Gewerbemüll zeigt sich, dass der Kreis gegenüber privaten Entsorgern nicht mehr konkurrenzfähig ist. Anders als die Bürger sind die Unternehmen in der Wahl ihres Entsorgers frei – mit finanziellen Folgen für den EAW. Sammelte er 2007 noch knapp 5000 Tonnen Gewerbeabfälle ein, waren es 2008 nur noch 2800 Tonnen und im ersten Halbjahr 2009 nur noch 800 Tonnen. Von 2007 auf 2008 gingen die Einnahmen deshalb um 330.000 Euro zurück, zum Jahresende 2009 wird der Rückgang nicht viel geringer ausfallen.

          Wegen langfristiger Verträge stabil sind die Kosten für die Entsorgung von Gartenabfällen, Grünschnitt und Biomüll, der in Singhofen und Essenheim zu Kompost verarbeitet wird. Für die gut 6000 Tonnen Biomüll muss der EAW bis zu 70 Euro je Tonne aufwenden, für 18.000 Tonnen Grünschnitt sind es jeweils 30 Euro. Reuther ist allerdings zuversichtlich, dass Grünschnitt wegen der enthaltenen Energie langfristig ein begehrtes Gut sein wird. Der Kreis selbst steht in Gesprächen mit anderen Gebietskörperschaften über den Bau einer Vergärungsanlage, die allerdings noch nicht in einer konkreten Phase sind.

          Gegen innovative Erfassungssysteme

          Beim Rest- und Sperrmüll gehen die Mengen zurück, weil die Unternehmen andere Entsorgungswege gehen und das Abfallaufkommen der Bürger im Rheingau nach Einführung eines neuen Erfassungssystems rückläufig ist. Reuther sieht das jedoch mit gemischten Gefühlen, weil der Kreis dadurch nahe an die Mindestmenge gerät, die er laut Vertrag in Singhofen anliefern muss. Unterschreitet er sie, steigen die Gebühren je Tonne spürbar, weshalb der EAW jetzt in Verhandlungen mit dem Rhein-Lahn-Kreis eingetreten ist.

          Für die Bürger soll es trotz der neuen Entwicklungen zumindest in den nächsten drei Jahren keine Gebührenerhöhungen geben. Der EAW strebt jedoch nach dem Gewinn von 2,7 Millionen Euro im Jahr 2007 und wohl in vergleichbarer Höhe 2008 künftig betriebswirtschaftlich nur noch nach einer „schwarzen Null“. Er hat zudem noch fast neun Millionen Euro als Rücklage auf der Bank, was ihn sogar in die Lage versetzt hat, dem Zweckverband Rheingaubad einen Kredit über 650.000 Euro zu gewähren. Die gute Lage ist für Reuther auch ein Ergebnis des differenzierten Systems der Mülltonnen. Innovativen neuen Erfassungssystemen, wie sie auch im Kreistag immer wieder diskutiert werden, erteilt Reuther deshalb eine Absage: Die Getrenntsammlung habe sich bewährt und werde auch künftig die wirtschaftlich besten Ergebnisse bringen.

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