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Rhein-Main : Von einer Kreditklemme will keiner sprechen

Kennt bisher keinen Fall von Kreditklemme im Kammerbezirk Wiesbaden: IHK-Chef Eckelmann Bild: Marcus Kaufhold

Unternehmer und Banken in der Rhein-Main-Region sind sich einig: Bislang hakt es nicht in der Kreditversorgung. Doch teurer könnte es werden. Die ausgedehnteren Prüfungen durch Banken spüren gerade auch Handwerksbetriebe.

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          Gerd Eckelmann bewahrt Gelassenheit trotz der Krise des Finanzsystems. Der Vorstandsvorsitzende der Wiesbadener Eckelmann AG, ein auf die Entwicklung und den Bau elektronischer Steuerungen und Automatisierungslösungen spezialisiertes Haus, sieht derzeit weder für das eigene noch für andere gut aufgestellte Unternehmen Schwierigkeiten mit Geschäftskrediten. Für innovative Projekte offeriere beispielsweise die KfW-Bankengruppe Unternehmen zurzeit sogar besonders attraktive Kredite.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Manfred Köhler
          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.
          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Die Zuversicht des Geschäftsmanns kann sich auf die Aussagen vieler Bankenvorstände in der Region stützen, die zusichern, sich von der Finanzkrise bei der Kreditvergabe an Unternehmen nicht einschränken zu lassen. Wer nachweisen könne, dass er kreditwürdig sei, bekomme auch einen Kredit, sagt etwa Hans-Joachim Tonnellier, Chef der Frankfurter Volksbank. Ähnlich äußert sich auch sein Kollege Rolf Hildner von der Wiesbadener Volksbank. Und auch aus der Darmstädter Sparkasse ist zu hören, es gebe keine Kreditklemme.

          Naspa fließen mehr Einlagen zu

          Stephan Ziegler, Vorstandsvorsitzender der Nassauischen Sparkasse spricht sogar von einem „deutlichen Zuwachs bei den Kundenkrediten“. Dem Haus flössen derzeit Einlagen zu. „Mit diesem Geld wollen und müssen wir arbeiten“, äußert Ziegler weiter. „An unsere solventen Kunden reichen wir deshalb auch künftig gerne Kredit aus.“

          Unternehmer Eckelmann führt nicht nur seine Aktiengesellschaft mit 365 Mitarbeitern, sondern ist auch Präsident der Industrie- und Handelskammer Wiesbaden. Aus dem Kammerbezirk sei ihm kein Fall bekannt, in dem man von einer Kreditklemme sprechen müsse, sagt er. Eckelmann hält es für denkbar, dass die Finanzkrise den Mittelstand weniger berührt, als es die zurzeit vorherrschende Stimmung vermuten lasse.

          Die Wiesbadener Kammer hatte noch Ende September ihre Unternehmen über die Kreditpraxis befragt, wie ein Sprecher der Kammer erläutert. Demnach haben sich die Kreditbedingungen sogar bei elf Prozent der befragten Häuser verbessert, bei fast 70 Prozent sind sie gleich geblieben. 18 Prozent allerdings berichteten über verschlechterte Bedingungen – und zwei Prozent sogar davon, dass sie keine weiteren Kredite bekommen hätten. In der Konjunkturumfrage, die die Industrie- und Handelskammer Darmstadt dieser Tage vorstellte, gaben 74 Prozent der befragten südhessischen Unternehmer an, dass sich ihre Kreditkonditionen nicht verändert hätten. Ähnlich schätzt ein Sprecher der Industrie- und Handelskammer Frankfurt die Lage ein. Allerdings will er nicht ausschließen, dass Unternehmen, bei denen die Kreditvergabe vorher „auf der Kippe“ gestanden habe, nun eine Absage erhielten.

          Günter Tallner, der für die Commerzbank das Mittelstandsgeschäft in Hessen und der Region Aschaffenburg leitet, sagt ebenfalls, dass es in seinem Zuständigkeitsbereich keine Kredite gebe, die wegen der Finanzkrise nicht vergeben worden seien. Allerdings gibt er zu bedenken, dass es auch für die Banken derzeit signifikant teurer sei, sich mit Liquidität zu versorgen, so dass auch die Firmenkunden mit höheren Kosten für das Leihen von Geld rechnen müssten. Auch ein Sprecher der Frankfurter Sparkasse gibt zu, dass man die steigenden Refinanzierungskosten aufgrund der unruhigen Kapitalmärkte an die Kunden weitergeben müsse. Dennoch werde man auch weiterhin Bestands- wie auch Neukunden mit Krediten versorgen, wenn sie die Bonitätsanforderungen des Hauses erfüllten.

          Margen-Ausbau „kaum möglich“

          Sowohl Tallner von der Commerzbank als auch Volksbankchef Tonnellier geben zu bedenken, dass gerade im Rhein-Main-Gebiet der Wettbewerb unter den Banken groß sei, so dass den Kreditinstituten kaum Möglichkeiten blieben, die eigene Marge auszubauen.

          Der Sprecher der IHK Frankfurt räumte ein, dass gleichwohl das aus den Basel-II-Regelungen fortentwickelte Kreditwesengesetz, das eine zu leichtfertige Vergabe von Krediten verhindern soll, längst dafür sorge, dass Banken hierzulande genau prüften, bevor sie Kredite gewährten. So ist es derzeit vor allem schwer, schnell an benötigtes Geld zu kommen. Zwei Aufsichtsräte einer hessischen Volksbank sagten jüngst, dass die ohnehin schon durch Basel II länger gewordene Bonitätsprüfung eines Unternehmens nun durch die in Folge der Finanzkrise gestiegene Vorsicht der Bank noch länger geworden sei.

          Die ausgedehnteren Prüfungen spüren gerade auch Handwerksbetriebe, wie die Handwerkskammer Rhein-Main bestätigt. Aber auch dort ist den Betriebsberatern der Kammer nach wie vor kein Fall einer Kreditklemme als Folge der Finanzsystemkrise bekannt geworden.

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