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Rhein-Main-Region : Geld reicht längst nicht für alle Verkehrsprojekte

ballungsraum Rhein-Main. Bild: Hannes Jung

Ein Masterplan für Mobilität in Rhein-Main empfiehlt effektivere Nutzung der vorhandenen Straßen.

          3 Min.

          Groß sind die Pläne für den Straßenbau und die Schaffung neuer Schienenwege während der nächsten zehn Jahre in der Rhein-Main-Region. Zu groß angesichts des zur Verfügung stehenden Geldes – das zeigt ein Bericht des IVM, des Integrierten Verkehrs- und Mobilitätsmanagements, einer Organisation der Kreise und Städte im Rhein-Main-Gebiet sowie der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz. Die Mittel werden dem IVM zufolge bei weitem nicht ausreichen, um alle in Planung befindlichen Vorhaben zu verwirklichen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Etwa eine Milliarde Euro kosten allein die vier größten Straßenbau-Projekte: der schon begonnene Lückenschluss der Autobahnen 66 und 661 mit dem Riederwaldtunnel in Frankfurt, der unaufschiebbare Neubau der Schiersteiner Brücke bei Wiesbaden, die Ortsumgehung Rüdesheim mit einem Tunnel für die Bahntrasse sowie der Ausbau der Autobahn 67 zwischen Darmstadt und Lorsch auf sechs Spuren. Dazu kommen der geplante Bau von 31 Ortsumgehungen und neun Ortsdurchfahrten, der Ausbau von 29 Strecken und von zwölf Knotenpunkten.

          Wird es einen Ersatz geben?

          Ähnlich sieht es im Schienenverkehr aus. Hier gibt es allein sechs konkrete Planungen für Großprojekte mit einer Investitionssumme von 1,25 Milliarden Euro: die S-Bahn-Station Gateway Gardens, der neue Bahnhof für das Flughafenterminal 3, der Ausbau der S 6 von Frankfurt-West nach Bad Vilbel und von dort nach Friedberg, die nordmainische S-Bahn sowie die Regionaltangente West, mit geschätzten 356 Millionen Euro das teuerste Projekt. Noch nicht einmal mitgezählt ist die von der Frankfurter schwarz-grünen Koalition ins Auge gefasste oberirdische D-Strecke der Stadtbahn zwischen Bockenheim und Ginnheim.

          Hauptfinanzierungsquelle für den Ausbau des Schienennetzes sind Bundes- und Landesmittel aus dem Gemeindeverkehrs-Finanzierungsgesetz. Doch dieses läuft 2019 aus, und es ist noch völlig unklar, ob dafür ein Ersatz geschaffen wird.

          In der Vergangenheit oft nur das Allernotwendigste getan

          Ein Ausbau des Schienen- und Straßennetzes sei zwar unumgänglich, sagte Jürg Sparmann, der frühere Präsident des Hessischen Landesamtes für Straßen- und Verkehrswesen und heutige Geschäftsführer der IVM, gestern beim Kongress „Zukunft der Mobilität in Frankfurt / Rhein-Main“ in der Industrie- und Handelskammer Frankfurt. Aber es fehle das Geld, um alle geplanten Projekte in den nächsten zehn Jahren zu verwirklichen.

          Schätzungsweise 100 Millionen Euro Landesgeld und 500 Millionen Euro vom Bund werden in den nächsten zehn Jahren für das hessische Straßenwesen zur Verfügung stehen. Davon werden die Städte und Kreise im Ballungsraum etwa ein Drittel erhalten. Einen Gutteil des Geldes, nämlich 75 Prozent, sollten nach den Ratschlägen Sparmanns und seiner Mitautoren für den Erhalt bestehender Straßen und Brücken eingesetzt werden. Hier sei in der Vergangenheit oft nur das Allernotwendigste getan worden. „Wir müssen zuerst einmal das erhalten, was wir haben.“ Danach blieben für den Neu- und Ausbau von Straßen nur noch insgesamt 45 Millionen. Mit diesem Geld sind offensichtlich längst nicht alle für die nächsten zehn Jahre ins Auge gefassten Projekte zu realisieren.

          Schienenprojekte schwer einzuschätzen

          Sparmann und seine Organisation schlagen in ihrem jetzt vorgelegten Masterplan für Mobilität vor, sich auf eine effizientere Nutzung der schon vorhandenen Infrastruktur zu konzentrieren und jenen Projekten den Vorrang zu geben, die verhältnismäßig wenig kosteten, aber einen hohen Nutzen hätten. Die IVM bietet ein Bewertungsverfahren an, das Kosten und Nutzen abwägt und damit eine rational nachvollziehbare Prioritätensetzung ermöglicht. Dabei werden Mobilitätsaspekte wie Zuverlässigkeit, Verkehrssicherheit und Betriebskosten mit 55 Prozent eingerechnet, Umweltaspekte wie Energieverbrauch, Abgas- und Partikelausstoß, Lärmemission und Klimaschutz mit 45 Prozent. Bei den Autobahnprojekten stehen nach diesem Bewertungsverfahren der Ausbau der A 661 zwischen Nieder-Eschbach und Heddernheim auf sechs Spuren (neun Millionen Euro), der Ausbau des Mainspitz-Dreiecks der A 60 auf sechs Fahrstreifen (43 Millionen), der Ausbau des Nordwestkreuzes der A 5 auf acht Spuren (acht Millionen) und der Ausbau der A 5 zwischen Friedberg und dem Gambacher Kreuz (50 Millionen) auf den vorderen Plätzen. Insgesamt schlagen die Gutachter bis 2020 namentlich sieben Autobahnprojekte vor, zehn auf Bundes- und acht auf Landesstraßen.

          Bei den Schienenprojekten haben Sparmann und Mitstreiter wegen der Kompliziertheit der Materie auf ein Bewertungsverfahren verzichtet. Hier sei es überdies nahezu unmöglich vorauszusehen, welche Beträge in den nächsten zehn Jahren zur Verfügung stünden.

          Nicht nur immer das Auto

          Wenn schon das Geld fehle, um alle in Planung befindlichen Projekte voranzubringen, dann müsse man wenigstens die vorhandenen Verkehrswege effektiver nutzen, lautete Sparmanns Rat. Der Masterplan nennt als Möglichkeiten intelligente Verkehrsbeeinflussungsanlagen auf Autobahnen, die zeitweilige Freigabe des Seitenstreifens oder die Schaffung einer mit Elektronik ausgerüsteten „intelligenten“ Straße mit „intelligenten“ Fahrzeugen. Solche Projekte werden im Zusammenhang mit dem Programm „Staufreies Hessen 2015“ erprobt oder sind – wie etwa die Seitenstreifennutzung – zum Teil schon vollendet.

          Der Masterplan führt noch weitere Möglichkeiten wie Pendlerportale im Internet oder Car-Sharing als Mittel auf, um Straßen zu entlasten. Pendler etwa seien meistens allein im Auto unterwegs, führte Sparmann aus. Würden in jedem Pendlerwagen zwei Personen sitzen, gebe es keine Staus mehr im Berufsverkehr.

          Die Bewohner des Ballungsraumes könnten es sich nach der Prognose Sparmanns in Zukunft kaum mehr erlauben, nur ein einziges Verkehrsmittel wie etwa das Auto zu nutzen. Zunehmend nützlich sei Multimodalität, also das Nutzen diverser Verkehrsmittel vom Auto über die Bahn bis zum Rad je nach Situation. In diesem Sinne müssten auch die Verkehrsanbieter der Region den Kunden mehr multimodal wirkende Angebote machen und diese vermarkten.

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