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Rhein-Main : Lärm, das unterschätzte Problem

Kracher I: Nach Einschätzung von Experten gehört der Straßenverkehr zu den schlimmsten Lärmquellen Bild: Rainer Wohlfahrt

Mit ihren Vorgaben zur Luftreinhaltung zwingt die EU schon seit einiger Zeit die Länder zum Handeln. Jetzt folgt die Lärmminderung.

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          „Wir stehen beim Lärm noch ganz am Anfang“, sagt Harald Lorenz vom hessischen Umweltministerium. Der Fachmann vergleicht die aktuellen Bemühungen mit den ersten Luftreinhalteplänen in den siebziger Jahren. Denn die Europäische Union gibt den Mitgliedsstaaten mit ihrer 2002 verabschiedeten Richtlinie zur „Bewertung und Bekämpfung von Umgebungslärm“ überhaupt zum ersten Mal den Auftrag, den Verkehrslärm zu erfassen. Und dort, wo er zu stark ist, werden in „Lärmaktionsplänen“ Vorschläge unterbreitet, wie die jeweilige Kommune in Abstimmung mit dem Land die Belastung reduzieren kann. Sanktionen, sollte nicht nach den Plänen gehandelt werden, gibt es jedoch nicht.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Wir erwarten, dass die EU in den nächsten Jahren ihre Vorgaben verschärft“, sagt Lorenz. Dann werde der Lärmminderung allmählich die gleiche Bedeutung beigemessen wie der Luftreinhaltung. Denn für die Belastung der Luft, etwa mit krebserregendem Feinstaub, hat die EU zum Schutz der Bevölkerung schon im Jahr 2005 Grenzwerte festgelegt. Deren Einhaltung können Bürger vor Gericht einfordern.

          Lärmbelastung nicht minder schädlich als Luftschadstoffe

          Experten haben keinen Zweifel daran, dass für Menschen eine hohe Lärmbelastung nicht minder schädlich ist als eine hohe Konzentration an Luftschadstoffen. Eine gemittelte Dauerbelastung von mehr als 65 Dezibel führe zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen - etwa zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen; bei mehr als 80 Dezibel Dauerbelastung seien Hörschäden die Folge, teilte Thomas Schmid, Präsident des Hessischen Landesamts für Umwelt und Geologie, mit. Er nennt Lärm „das unterschätzte Problem“. Vielen seien die schädlichen Folgen noch nicht klar. Während andere Umweltbelastungen zurückgingen, nehme der Lärm noch zu. Für Schmid ist das ein Grund, aufzuzeigen, wie sich die hessischen Behörden zurzeit mit dem Thema Lärm beschäftigen.

          Kracher II: Güterzüge werden im Rheingau als besondere Lärmquelle empfunden

          Die Ende vergangenen Jahres von den Regierungspräsidien vorgelegten Lärmaktionspläne für den Straßenverkehr, jeweils einer für Nord-, Mittel- und Südhessen, sind nach dem Willen der EU nur der Anfang. Zunächst wurden die Städte Frankfurt und Wiesbaden sowie die Hauptverkehrsstraßen in Hessen, über die mehr als 16.000 Fahrzeuge am Tag rollen, kartiert und bewertet. In der zweiten Stufe, die im Jahr 2013 abgeschlossen sein soll, erfasst das Hessische Landesamt den Lärm auf allen Straßen in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern und all jene Hauptverkehrsstraßen, über die am Tag mehr als 8000 Fahrzeuge rollen. Bis Ende dieses Jahres solle auch ein Lärmaktionsplan für das Eisenbahnnetz vorliegen, der für den Frankfurter Flughafen folge dann 2012, sagt Lorenz.

          2,2 Prozent der Hessen durch Lärm gefährdet

          Die bisherigen Ergebnisse zum Straßenverkehr zeigen, dass mindestens 2,2 Prozent der Hessen einem Tagesmittelwert von mehr als 65 Dezibel ausgesetzt und damit gesundheitlich gefährdet sind. Damit man sich in Frankfurt und Wiesbaden insbesondere nachts dem vom Umweltbundesamt vorgegebenen Richtwert von 55 Dezibel annähert, hat das Regierungspräsidium Darmstadt mit diesen beiden Kommunen einige Maßnahmen vereinbart. Dazu zählen die Verbesserung der Fahrbahnqualität etwa durch Flüsterasphalt und ein nächtliches Tempolimit von 30 Stundenkilometern, das in Frankfurt allerdings zum Politikum geworden ist und über das heftig gestritten wird.

          Die Fachleute im Landesamt verweisen darauf, dass Lärm nicht linear zunimmt. Eine Verzehnfachung des Verkehrs führe zu einer Verdoppelung der Lautstärke. Entsprechend drastisch müssten die Eingriffe sein, um den Krach deutlich zu reduzieren. Alles, was zur Lärmminderung getan werden müsste, verlange einen sehr großen finanziellen Aufwand, sagt Landesamtspräsident Schmid. Entsprechend lange dürfte es wohl dauern, bis überall in Hessen der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene 24-Stunden-Wert von 50 Dezibel eingehalten wird.

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