https://www.faz.net/-gzg-11j00

Rhein-Main : Autozulieferer wollen Krise mit Kurzarbeit meistern

Setzt in Hanau auf „atmende Fabrik”, was derzeit zu Lasten von Leiharbeitern geht: Goodyear Dunlop Bild: Rainer Wohlfahrt

Mit den Instrument der Kurzarbeit, bei dem die Arbeitsagentur einen Teil des Nettolohns trägt, versuchen Unternehmen, zumindest ihre Stammbelegschaft zu halten. Die werden sie nach der Krise im Aufschwung dringend brauchen. Eine Umfrage.

          Sprödes Juristendeutsch. Doch hinter dem Paragraphen 169 und den folgenden des Sozialgesetzbuches III steckt die für die deutschen Autobauer, ihre Zulieferer und die Beschäftigten derzeit wohl segensreichste rechtliche Regelung. Denn diese Paragraphen beschreiben, unter welchen Bedingungen ein Unternehmen Kurzarbeit anmelden, dadurch die Lohnkosten in Krisenzeiten drastisch senken und so womöglich eine gefährliche Schieflage vermeiden kann. Für die Mitarbeiter bedeutet das die Chance, ihre Arbeitsplätze trotz Absatzeinbrüchen, wie sie derzeit die Autoindustrie erlebt, zumindest nicht so rasch zu verlieren. Und wenn Autobauer wie Volkswagen, Daimler, Audi und Opel schon Kurzarbeit anmelden, dann bleiben auch Zulieferer nicht verschont, auch die in Rhein-Main nicht, wie eine Umfrage der Rhein-Main-Zeitung zeigt.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Von rund 750.000 Beschäftigen in der deutschen Autoindustrie sind zurzeit immerhin rund 170 000 in Kurzarbeit, Tendenz steigend. Zu diesen zählen auch 400 von 2600 Beschäftigten im Werk des italienischen Reifenherstellers Pirelli in Breuberg im Odenwald. Sie sind seit 1. Januar in Kurzarbeit. Wie eine Sprecherin sagte, könne beispielsweise auch die Winterreifenpflicht längst nicht den rapiden Schwund der Nachfrage nach Neuwagen ausgleichen. Weitere Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, sei zurzeit nicht geplant. Bei Kurzarbeitern trägt statt des Arbeitgebers die Bundesagentur für Arbeit einen Teil dessen, was der Mitarbeiter als Nettolohn ausgezahlt bekommt. Grundsätzlich ist diese Möglichkeit auf sechs Monate begrenzt. Um den konjunkturellen Abschwung abzufedern, hat die Bundesregierung die Bezugsfrist für Kurzarbeitergeld aber kurzzeitig vom 1. Januar an auf 18 Monate verlängert.

          „Atmende Fabrik“

          Ein weiterer Reifenhersteller, der in der Region eine große Produktionsstätte betreibt, ist Goodyear Dunlop in Hanau. Dort zählt das Unternehmen 2200 Mitarbeiter, 7400 sind es in ganz Deutschland. Um die Arbeitsplätze der Stammbelegschaft sichern zu können, hat sich der deutsche Ableger des amerikanischen Reifenkonzerns nach Auskunft eines Sprechers von einer nicht näher bezifferten Zahl von Leiharbeitern getrennt. An allen Produktionsstandorten sei es im Konzern längst die „atmende Fabrik“ die Regel. Darunter ist zu verstehen, dass Leiharbeitskräfte bei Nachfragespitzen zusätzlich angestellt und bei geringer Nachfrage wieder nach Hause geschickt werden.

          Zusätzlich habe sein Haus frühzeitig mit dem systematischen Abbau von Überstunden und Urlaubstagen sowie einer zweiwöchigen Betriebsruhe über den Jahreswechsel auf die Nachfrageschwäche reagiert. Gerade mit Blick auf Hanau äußerte der Sprecher die Zuversicht, dass die dort produzierten Hochleistungsreifen für ein Marktsegment gedacht seien, von dem man sich weiterhin befriedigende Absatzzahlen verspreche.

          Leiharbeiter schon abgebaut

          Kurzarbeit und Überstundenabbau ist auch bei Veritas in Gelnhausen, einem Spezialisten für Schläuche und Leitungen in Autos, das Gebot der Zeit. Das Familienunternehmen, in dessen bisher 160 Jahre währender Unternehmensgeschichte unter anderem auch die Vereinigte Berlin-Frankfurter Gummiwaren-Fabriken AG als eine Vorläuferin auftaucht, setzte bislang auch Zeitarbeitskräfte und befristet angestellte Mitarbeiter ein. Viele dieser Stellen sind aber im Verlauf des letzten Quartals 2008 dem Nachfrageeinbruch zum Opfer gefallen. Beispielsweise sank die Zahl der Beschäftigten in der Muttergesellschaft seither um 700 auf 3029, wie ein Sprecher erläuterte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.
          Die Union hat in Dresden die Kohle im Blick

          Union und Kohleausstieg : „Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

          Die Verunsicherung unter den Bergleuten war groß, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst einen Ausstieg aus der Kohle 2030 ins Spiel brachte. Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht nun, am Kohle-Ausstiegstermin 2038 nicht mehr zu rütteln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.