https://www.faz.net/-gzg-81lrw

Repair-Café : Schrauben für die Enkel

  • -Aktualisiert am

Geht nicht gibt’s nicht: Im Repair-Café hat auch der alte Plattenspieler noch eine Chance. Bild: Marcus Kaufhold

Die Anhänger der Transition-Town-Bewegung wollen zumindest da, wo sie leben, etwas dagegen tun, dass die Menschen ihre Grundlagen zerstören. Zum Beispiel mit dem Repair-Café.

          4 Min.

          Auf dem weißen Holztisch steht ein alter Plattenspieler, darüber beugen sich zwei junge Männer und eine Frau und begutachten die Kabel, die hinter der abgeschraubten Abdeckung zum Vorschein kommen. Am Tisch gegenüber baut jemand zwei Laptops auseinander. In der Mitte des kleinen, vom Tageslicht durchfluteten Raumes hängt ein Moutainbike mit knallroten Felgen an einem Montageständer. Ein weißhaariger Mann im Jeanshemd bringt das vordere Rad in Schwung, das stark eiert und dem zwei Speichen fehlen.

          Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, es wird gefachsimpelt, getüftelt und gelacht. Vom Nebenraum weht der Duft von frischem Kaffee und Gebäck herein. Eine Frau mittleren Alters, die Kaffeetasse noch in der Hand, betritt den Raum, schaut sich um und fragt erstaunt: „Warum repariert ihr das alles denn umsonst?“ Der Mann im Jeanshemd lacht und antwortet: „Wir reparieren hier zwar kostenlos, aber nicht umsonst.“

          Alle helfen sich gegenseitig

          Am 14. März haben sich die Räume des „heimathafen“ in Wiesbaden-Mitte zum ersten Mal in ein sogenanntes Repair-Café verwandelt. „Kostenlos, aber nicht umsonst“ - das bringt die Idee, die dahintersteckt, auf den Punkt. Geld verdient niemand damit, und doch soll sich daraus ein Gewinn für die Umwelt und zukünftige Generationen ergeben.

          In einem Repair-Café kommen, so ist die Idee, Menschen jeden Alters zusammen, helfen sich gegenseitig beim Reparieren ihrer defekten oder beschädigten Gegenstände und setzen damit ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft. „Auch kaputte Dinge sind nicht wertlos“, sagt Initiator Dirk Vielmeyer. „Auch in einem kleinen Gegenstand, zum Beispiel in einem Handy, stecken wertvolle Rohstoffe. Indem wir alles gleich wegschmeißen und immer dem neuesten Modell hinterherjagen, machen wir unsere eigene Lebensgrundlage kaputt.“

          Lebensdauer von Geräten sinke

          Der Einundvierzigjährige scheint damit einen Nerv getroffen zu haben. Erste Zwischenergebnisse einer Studie des Umweltbundesamtes belegen, dass Verbraucher und Verbraucherinnen neu erworbene Produkte heute kürzer nutzen als vor elf Jahren. Bei Haushaltsgroßgeräten wie Waschmaschinen, Wäschetrocknern und Kühlschränken hat sich laut Studie die durchschnittliche Nutzungsdauer um ein Jahr auf 13 Jahre reduziert.

          Vor allem Elektrogeräte werden häufiger ausgetauscht, obwohl sie noch gut funktionieren. So wurden im Jahr 2012 mehr als 60 Prozent der noch intakten Flachbildschirmfernseher durch ein neues Gerät ersetzt. Laut Bundesumweltamt sind Technologiesprünge ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung. Auf der anderen Seite steigt auch der Anteil der Geräte, die schon nach weniger als fünf Jahren kaputtgehen.

          Dass Repair-Cafés oder ähnliche Einrichtungen starke Resonanz finden, scheint zu bestätigen, dass immer mehr Verbraucher ihr Konsumverhalten hinterfragen und ändern wollen. Die Idee stammt aus den Niederlanden, wo die „Retro-Kultur“ seit Jahren wächst und sich sogar kommerziell durchsetzt. Doch auch in Deutschland sind solche Selbsthilfeinitiativen nicht mehr nur ein Phänomen in Berliner Szenevierteln. In Wiesbaden ist das Repair-Café im heimathafen bereits das dritte dieser Art. Auch in Mainz, Darmstadt, Frankfurt oder Offenbach wird mindestens einmal im Monat zum gemeinschaftlichen „Reparieren statt Wegwerfen“ geladen. Dahinter stehen in vielen Fällen Verbände, karitative Organisationen oder Privatleute, zum Beispiel Hobby-Handwerker oder ehrenamtlich engagierte Fachleute.

          „Heute Repair-Café“: Ein besonderer Mittagstisch

          In Wiesbaden wurde das erste Repair-Café im Februar 2013 im Volksbildungswerk in Wiesbaden-Klarenthal eingerichtet. Das zweite folgte wegen der positiven Resonanz zwei Monate später im Westend. Ins Leben gerufen wurde es von der Bürgerinitiative „Wiesbaden im Wandel“, in der Dirk Vielmeyer ebenfalls mitwirkt.

          Früher arbeitete er als Einzelhandels- und Marketingkaufmann in einer großen Elektronik-Fachmarktkette. „Ich habe in meinem Beruf dafür gesorgt, dass immer mehr konsumiert wird, also Elektroartikel weggeschmissen und neu gekauft werden“, sagt er - und begutachtet dabei das Tretlager des etwas in die Jahre gekommenen Mountainbikes.

          Zu Beginn der Finanzkrise vor etwa sieben Jahren stellte er zum ersten Mal das Wirtschaftswachstum als gesellschaftliches Leitbild in Frage, wie er sich erinnert. „Unsere Wirtschaft beruht darauf, mit immer mehr Ressourcen immer mehr zu wachsen. Diese Ressourcen haben wir aber nicht, also stehen wir irgendwann vor einem richtigen Problem“, lautet seine Analyse. Auf der Suche nach alternativen Ansätzen stieß Vielmeyer auf eine Bürgerbewegung namens „Transition Town“ in Großbritannien. Ihre Anhänger wollen durch Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen den Übergang in ein Wirtschafssystem gestalten, das nicht auf Rohstoff- oder Ressourcenausbeutung beruht.

          „Wir wollen etwas tun“

          Vielmeyer fand heraus, dass es auch in Mainz Anhänger dieser Bewegung gab, und schloss sich ihnen an. Vor zwei Jahren erweiterte er das Netzwerk und gründete in Wiesbaden eine eigene und lokale Initiative nach britischem Vorbild: „Wiesbaden im Wandel“. Da Vielmeyer das Wort „nachhaltig“ für abgegriffen hält, formuliert er das Ziel anders: „Durch konkretes Tun im Hier und Jetzt eine enkeltauglichere Welt schaffen“. Die Transition-Town-Bewegung ist nach seinen Worten von dem Gedanken getragen, nicht länger nur zu hören oder zu lesen, wie schlimm alles sei. „Wir wollen etwas tun, und zwar direkt hier vor unserer Haustüre, in unserer Nachbarschaft, in Wiesbaden“, sagt Vielmeyer mit funkelnden Augen.

          Eine Projektgruppe von „Wiesbaden im Wandel“ heißt „Gärten und Landwirtschaft“. Sie hat zum Ziel, Gemeinschaftsgärten anzulegen, um sich zum Teil selbst mit Lebensmitteln versorgen zu können. Die Projektgruppe Mobilität setzt sich dafür ein, dass Wiesbaden fahrradfreundlicher wird; einmal im Monat organisiert sie einen Fahrradkorso in der Innenstadt. Mitglieder der Gruppe Energie informieren in der Fußgängerzone Passanten, wie sie ihr Verhalten ändern können, um etwa CO2 einzusparen.

          Cafés sollen sich nach dem Willen der Macher weiter verbreiten

          Für Vielmeyer fängt der Wandel bei jedem selbst und im Kleinen an. „Wir sind nicht so naiv und glauben, mit einem Repair-Café die Welt retten zu können“, sagt er. Und doch sei es ein Schritt in die richtige Richtung. „Wir sind ein positives, gelebtes Beispiel und gleichzeitig ein Multiplikator.“

          Im Falle des Repair-Cafés scheint sein Plan aufzugehen. Immer wieder betreten Leute die improvisierte Werkstatt, wollen wissen, was dahintersteckt und wann das nächste Mal repariert wird. „Eine tolle Sache, das muss ich gleich meinen Freundinnen erzählen“, sagt die Frau mit der Kaffeetasse. Dominik Hofmann, der Gründer des heimathafens, beobachtet das Geschehen mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm. So stellt er sich die Stadt der Zukunft vor: „Ich möchte in keiner Stadt leben, in der das Leben immer schneller und anonymer wird. Wir sollten unser Wissen teilen und uns gegenseitig helfen. Nur durch den Austausch kommen die Dinge ins Rollen.“

          Diese Idee steckt auch hinter dem Konzept von heimathafen, das Räume an Gruppen, Kreative oder Selbständige vermietet. „Wiesbaden im Wandel“ kann sie für das Repair-Café unentgeltlich nutzen, es soll einmal im Monat öffnen.

          „Wer weiß, vielleicht gibt es ja in zehn Jahren 30 davon“, sagt Vielmeyer. Dann widmet er sich wieder dem kaputten Mountainbike. Der Besitzer wartet schon.

          Repair-Café - Die nächsten Termine und Veranstaltungsorte

          Wiesbaden 4. April, 10 bis 13 Uhr, Stadtteilbistro des Volksbildungswerks, Graf-von-Galen-Straße 3, (Klarenthal); 11. April, 10 bis 13 Uhr: heimathafen, Karlstraße 22; 18. April, 10 bis 13 Uhr, Café Anderswo, Blücherstraße 17, 65195 Wiesbaden-Westend.

          Frankfurt 2. April, 16 bis 18 Uhr, Kreativwerkstatt, Hansaallee 150, (Dornbusch)

          Griesheim 11. April, 11 bis 14 Uhr, Gemeindehaus der Luthergemeinde, Pfarrgasse 2

          Darmstadt 17. April, 17 bis 20 Uhr Gemeindesaal der Michaelsgemeinde, Liebfrauenstraße 6

          Hanau 9. April, 17 bis 20 Uhr, Bangertstraße 9

          Offenbach 22. April, ab 18 Uhr, Stadtkirchengemeinde, Herrnstraße 44

          Mainz 24. April, von 18 bis 20 Uhr, Windmühlenschule, Generaloberst-Beck-Straße 1 (Hechtsheim)

          Langen 16. April, 17 bis 19 Uhr, Zentrum für Jung und Alt, Zimmerstraße 3

          Idstein 25. April, 10 bis 13 Uhr, Haus der älteren Mitbürger, Schulgasse 7

          Weitere Informationen unter www.repaircafe.org

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer im Oktober in Paris

          Islamismus in Frankreich : Kleingruppen gegen Fundamentalismus

          Mit einer neuen Schulpolitik will Frankreich Jugendliche aus Einwandererfamilien besser fördern – und so dem Islamismus entgegenwirken. Bildungsminister Blanquer hat als Schuldirektor den wachsenden Einfluss des Fundamentalismus erlebt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.