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Reichspogromnacht : Auf der Straße brüllte die Menge

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Auch die große Synagoge im Frankfurter Westend brannte am 9. November 1938 Bild: Wolfgang Eilmes

Am 9. November 1938 brannten in Frankfurt und anderswo die Synagogen. Der Pogrom war perfekt organisiert - von Parteileuten und Staatsbediensteten. Erinnerungen einer Geschäftsfrau.

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          Das Kommando erging von der Zentrale in Mannheim aus an die SA-Brigade Starkenburg: „Auf Befehl des Gruppenführers sind sofort sämtliche jüdische Synagogen zu sprengen oder in Brand zu setzen.“ Am 11. November, also zwei Tage nach der „Reichskristallnacht“ am 9. November, meldete Brigadeführer Lucke Vollzug. „Synagoge in Darmstadt, Bleichstraße – durch Brand zerstört; Synagoge in Ober-Ramstadt – Innenraum und Einrichtung zertrümmert; Synagoge in Heppenheim – durch Brand und Sprengung zerstört.“ Allein Luckes Männer haben 34 Synagogen, ein Gebetshaus und einen Versammlungsraum angezündet, gesprengt oder auf andere Weise demoliert.

          „Rücksichtslose Zerstörung“ jüdischen Besitzes

          Der Pogrom vor genau 70 Jahren am 9. November 1938 war perfekt organisiert – von Parteileuten und Staatsbediensteten. Das Landgericht Hanau dokumentierte dies nachträglich in seinem Urteil vom 20. November 1948 gegen den einstigen Hanauer Kreisleiter Max Else. Zuerst hatte Else am Abend des 9. November ein Geheimschreiben des Frankfurter Gauleiters Jakob Sprenger erhalten, in dem dieser Aktionen gegen Juden untersagte. In den Morgenstunden erreichte ihn dann ein Anruf der Frankfurter Gau-Propagandaleitung, in der die Anweisung widerrufen und eine „rücksichtslose Zerstörung“ jüdischen Besitzes angeordnet wurde. Else rief sofort eine Sitzung im Haus der Kreisleitung ein, an dem Vertreter der Polizei, des Sicherheitsdienstes und der SS teilnahmen. Die Herren planten unverzüglich Aktionen gegen die Hanauer Juden. Als Erstes sollte die Synagoge in der Nordstraße in Brand gesetzt werden. Es blieb nicht bei dieser einen Freveltat.

          Das Foto der brennenden Börneplatz-Synagoge in Frankfurt steht zumindest in der Rhein-Main-Region als optisches Symbol für die Novemberpogrome. Doch man darf nicht vergessen, dass neben den jüdischen Gotteshäusern auch Geschäfte und Wohnungen Ziel der Attacken von SA-Leuten und des Pöbels geworden sind. Sie wurden in vielen Fällen erst am Tag nach der Schandnacht geplündert und zerstört – vor aller Augen. Oft war die Verwüstung von Büros oder Werkstätten nur der Höhepunkt einer schon lange andauernden Drangsalierung jüdischer Eigentümer, denen die Partei oder skrupellose Beutemacher ihr Unternehmen entreißen wollten.

          Die Arisierung des Frankfurter Parfüm- und Kosmetikunternehmens „Khasana – Dr. A. Albersheim“ ist ein bis in die Einzelheiten dokumentierter Fall. Denn Erna Albersheim, die die Hälfte der Anteile besaß, hat 1940 in Amerika ihre Erlebnisse niedergeschrieben. Sie selbst war eine im protestantischen Glauben erzogene Amerikanerin, die später in Deutschland von den Nazis als „Halbjüdin“ eingestuft wurde, weil ihre Mutter Jüdin war. 1913 heiratete sie Fritz Albersheim, den Mitbesitzer der Firma „Khasana“, deren Verkaufsgeschäft sich an der Kaiserstraße 9 befand. Als ihr Mann 1932 starb, erneuerte Erna Albersheim ihre amerikanische Staatsbürgeschaft und versuchte, ihren Anteil am Unternehmen schnell zu veräußern und nach Amerika zurückzukehren. Ihr Betrieb galt aber als jüdisch, weil fünfzig Prozent ihrem Geschäftspartner Walter Carsch, einem Vetter ihres Mannes, gehörte.

          Veto der Nazi-Behörde

          Nicht dass es an Interessenten für das Unternehmen gemangelt hätten. Doch dem Verkauf „jüdischer“ Unternehmen mussten eigens dafür eingesetzte „Gauwirtschaftsberater“ zustimmen. „Ihr Wort war Gesetz, wenn sie nein sagten, musste man wieder ganz von vorne anfangen“: Erna Albersheim machte die Erfahrung, dass sich ein Kaufangebot nach dem anderen am Veto der Nazi-Behörde zerschlug. Denn diese achteten darauf, dass den Juden so wenig blieb und die Partei so viel wie möglich erhielt. Ihre Notlage versuchte ein Herr Schmitz, der neunzehn Jahre lang die rechte Hand ihres Mannes gewesen war, auszunutzen. Mit allen Tricks arbeitete er an einer Übernahme der Firma.

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