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Regionalwährung : Sieben Brötchen für zwei Heiner

  • -Aktualisiert am

Kein Spielgeld: die Havelblüten. Bild: ddp

Ein Verleger hat vorgeschlagen, mit dem „Heiner“ eine Regionalwährung in Darmstadt einzuführen. Vorbilder dafür gibt es zum Beispiel in Bayern.

          Noch hat Alex Beckmann keine Antwort auf seinen offenen Brief an den Oberbürgermeister und die Stadtverordneten bekommen. Dabei hat der Geschäftsführer des Darmstädter Synergia-Verlages den Zeitpunkt für seinen „Aufruf zur Einführung einer Lokalwährung“ nicht schlecht gewählt: Die Krise des Euro und der Staatsfinanzen ist ja noch keineswegs überwunden, und die Kommunalwahl in Hessen steht vor der Tür. Warum also nicht über die Einführung eines „Heiner“ als lokale Ergänzung des Euro diskutieren und die Chancen, durch eine solche Regionalwährung die südhessische Wirtschaft zu stärken und die öffentlichen Haushalte zu sanieren?

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Dass Beckmann mit dieser Idee die Darmstädter Politik konfrontiert, kommt nicht von ungefähr. Sein Verlag besitzt die Rechte am Werk von Fritz Schwarz (1887–1958), Schweizer Journalist und Freiwirtschaftler, der als Vertreter der Freiwirtschaftlichen Partei einige Zeit dem Parlament der Stadt Bern angehörte. Schwarz hat unter anderem eine Schrift über das „Experiment von Wörgl“ verfasst, die in Beckmanns Verlag wieder erschienen ist. In dem kleinen Ort in Tirol nahe Innsbruck führte 1932 Bürgermeister Michael Unterguggenberger, den Ideen des deutschen Wirtschaftstheoretikers Silvio Gesell folgend, eine Zweitwährung ein – ein Experiment, das in ganz Österreich für Schlagzeilen sorgte und den Sozialdemokraten für kurze Zeit berühmt machte. Das „Wunder von Wörgl“, das Schwarz auch in seinem Buch beschreibt, gilt Beckmann als Beweis, dass eine Alternativwährung wirklich funktionieren kann.

          Die Bayern sind führend bei Regionalwährungen

          Davon ist auch Rolf Merten überzeugt. Der Betriebswirt und Psychologe, der im vergangenen Jahr zu Gast beim Darmstädter „Institut für Praxis der Philosophie“ war, gehört zu den Initiatoren des Vereins „Regio im Oberland“, der nach dem Vorbild Wörgls eine Lokalwährung geschaffen hat. Den „Regio“ gibt es seit einiger Zeit in Form von Fünfer-, Zehner- oder Zwanziger-Scheinen in fünf bayerischen Landkreisen: Bad Tölz-Wolfratshausen, Miesbach, Starnberg, Weilheim, Garmisch-Partenkirchen und München-Land. „Als wir die Idee vor acht Jahren aufgegriffen haben“, sagt Merten, „haben mich manche Leute angesehen, als sei ich aus der Psychiatrie ausgebrochen.“ Mittlerweile habe der Verein „Oberland Regional – Verein für nachhaltige Wirtschaftskreisläufe“ 200 Mitglieder, es seien 30 000 Regios im Umlauf, die an 30 „Akzeptanzstellen“ als Zahlungsmittel akzeptiert würden – von Architekten, Ärzten, Cafés, Elektrikern und Banken ebenso wie von Tankstellen oder Lebensmittelgeschäften. „Wir sind aus einer belächelten Initiative zu einer Kraft geworden, die ernst genommen wird.“ Inzwischen zeigten auch Kommunalpolitiker und Wirtschaftsverbände Sympathien mit dem Projekt.

          Gernot Böhme, 25 Jahre lang Professor für Philosophie in Darmstadt und heute Vorsitzender des Instituts für Praxis der Philosophie, hatte mit der Einladung Mertens als Referent eine gute Wahl getroffen. Denn die Bayern sind, was die Einführung von Regionalwährungen angeht, führend in Deutschland. Der überregionale Dachverband Regiogeld verzeichnet inzwischen rund 60 Zweitwährungen, davon allein mehr als 20 in Bayern. Und 30 weitere sind dort angeblich geplant. Berühmtestes Beispiel ist nach wie vor der „Chiemgauer“. Ursprünglich initiiert von einer Schülergruppe, hat der Chiemgauer Verein, der die alternativen Wertgutscheine in Gelb, Lila, Orange oder Grün herausgibt, inzwischen mehr als 3000 Mitglieder und fast 600 Einzelhandels- und Dienstleistungsunternehmen, die die Regionalwährung als Zahlungsmittel akzeptieren. Derzeit sind rund 500.000 Chiemgauer im Umlauf.

          „Wenn es resonanzlos bleibt, machen wir es eben selbst und gründen einen Verein“

          Das Prinzip ist nahezu das gleiche wie beim „Regio“. Man kann seine Euros zum Kurs eins zu eins gegen Chiemgauer tauschen und mit diesen Gutscheinen dann an den „Akzeptanzstellen“ zahlen. Allerdings ist beim Chiemgauer wie beim Regio eine künstliche Inflation eingebaut, die dafür sorgen soll, dass die Euro-Ersatzwährung gleich wieder ausgegeben wird. Der Wertverlust beträgt zwei oder zweieinhalb Prozent im Quartal und kann durch Marken aufgefangen werden, die auf den Gutschein geklebt werden, damit er gültig bleibt. Wer seine Chiemgauer irgendwann wieder in Euro umtauschen will, muss dafür eine Rücktauschgebühr von fünf Prozent in Kauf nehmen. Mit einem Teil finanziert sich davon der „Chiemgau Service“, der größere Teil geht an soziale Einrichtungen und gemeinnützige Vereine. In der Regel sind es die Geschäftsinhaber, die am Ende die Gebühr tragen – und daher irgendwann vor der Beantwortung der Frage stehen, ob Kundenzuwachs und Kundenbindung die „Investition“ in die Regionalwährung rechtfertigen und sich die Hoffnungen der Initiatoren, mit „Chiemgauer“ und „Regio“ die regionale Wirtschaft zu stärken, auch wirklich erfüllen.

          In Darmstadt ist das natürlich noch Zukunftsmusik. An Böhmes Institut hat sich zwar im vergangenen Jahr ein „Arbeitskreis Regionalgeld“ gegründet. Der aber stehe noch ganz am Anfang. Beckmann indessen will nicht mehr lange auf eine Antwort auf seinen offenen Brief warten: „Wenn es resonanzlos bleibt, machen wir es eben selbst und gründen einen Verein.“ Er sei optimistisch, die meisten seiner Geschäftskunden für das Projekt einer Lokalwährung mit Namen „Heiner“ gewinnen zu können. Auch Merten ist, was das Warten auf die Politik angeht, eher skeptisch: „Die Politik ist schwerfällig. Erst wenn es positiv läuft, gibt es eine gewisse Unterstützung.“ Für den Regio-Initiator ist das aber kein gravierender Nachteil. Da die Regionalwährung kein offizielles Zahlungsmittel sei, sondern auf Freiwilligkeit basiere, könnten „Menschen mit Zivilcourage“ jederzeit mit ihrem Vorhaben starten.

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