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Radnetz im Main-Taunus-Kreis : Wer sich nicht auskennt, ist verloren

Die Radwegeverbindungen des Main-Taunus-Kreises sind häufig nicht ausreichend beschildert. (Symbolbild) Bild: dpa

Wer im Main-Taunus-Kreis auf Radwegen unterwegs ist, steht häufig vor einem Problem: Die Wege sind nicht ausreichend ausgeschildert. Doch nicht nur deswegen fällt der Verzicht auf das Auto schwer.

          3 Min.

          Nirgendwo sonst in Deutschland sind die Wege zwischen den Städten und Gemeinden geringer, in keinem anderen Landstrich leben mehr Menschen auf engstem Raum. Und dennoch war Fahrradfahren im Main-Taunus-Kreis für die meisten der knapp 237.000 Einwohner mit insgesamt 195.000 registrierten Kraftfahrzeugen bis vor zehn Jahren lediglich eine Option zur Gestaltung der Freizeit. Das 700 Kilometer lange Radwegenetz weist im Landstrich der Autofahrer deshalb viele Lücken auf.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Nur begeisterte Radler, wie der inzwischen pensionierte Thomas Buch fuhren jeden Tag 30 Jahre lang mit ihrem Zweirad zu ihrem Arbeitsplatz nach Eschborn. Statt sich frühmorgendlichen Stress im Autostau oder in überfüllten S-Bahnen zuzumuten, trat er bei Wind und Wetter in die Pedale. Die umweltbewusste und gesundheitsfördernde Nahmobilität per Rad hat allerdings im Main-Taunus-Kreis einen Haken: „Wer sich nicht auskennt, war und ist verloren“, sagt Buch, der beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), Sektion Main-Taunus, stellvertretender Vorsitzender ist.

          Es fehlt bis heute zum Beispiel eine klare, beschilderte Radwegeverbindung zwischen der Kreisstadt Hofheim und der hessischen „Boomtown“ Eschborn, wo täglich 30.000 Menschen in die Bürotürme der Gewerbegebiete pendeln – die meisten davon mit dem Auto. „Geradezu lebensgefährlich“ sei das Teilstück zwischen Eschborn-Niederhöchstadt und dem benachbarten Eschborn. Seit 20 Jahren warteten die Radfahrer hier auf eine sichere Verbindung, jetzt endlich tue sich etwas, berichtet Buch.

          Das Fahrradnetz war nicht immer wichtiges Thema

          In den Staus auf der Autobahn 66 zwischen Wiesbaden und Frankfurt stehen morgens auch die meisten Arbeitnehmer aus dem Main-Taunus-Kreis, die oft nur wenige Kilometer entfernt leben. Dennoch sei das Thema Radfahren zur Verbesserung der Nahmobilität bis vor wenigen Jahren im Main-Taunus-Kreis kein wichtiges Thema gewesen, gesteht der für Nahmobilität zuständige Kreisbeigeordnete Johannes Baron (FDP) ein.

          Das mag zum Teil an den schwierigen topographischen Verhältnissen liegen, die erst durch den Boom der E-Bikes nicht mehr zum Hindernis werden. Ebenso bieten Arbeitgeber ihren sportlichen Mitarbeitern unterdessen vermehrt Duschen zur Abkühlung nach der morgendlichen Radtour an. Und beim jährlichen Wettbewerb Stadtradeln setzen sich inzwischen oft komplette Stadtverwaltungen auf ihre Drahtesel, um das beste Kilometer-Ergebnis aller Teilnehmer zu erziehen. Radfahren zum Arbeitsplatz ist plötzlich „in“.

          Die Aufholjagd in Sachen Nahmobilität forcierten schließlich die Bürger des Main-Taunus-Kreises. Beim unter großer Bürgerbeteiligung erstellten Konzept „MTK Zwanzig30“ zählten das Radfahren und der Radwegeausbau zu den fünf Top-Themen, deren Verbesserung angemahnt wurde. Seitdem ist viel passiert: Seit 2017 gibt es mit Claudia Wienen auch im Main-Taunus-Kreis eine Nahmobilverkehrsbeauftragte. Der Umstieg aufs Rad wird durch den Kreis zudem mit 1,5 Millionen Euro jährlich gefördert, um interkommunale Zusammenarbeit zum Wegebau zu ermöglichen. Denn oftmals könnten sich gerade kleinere Kommunen aus eigener Kraft den Ausbau von Radwegen nicht leisten, erläutert Baron.

          Das seit vergangenem Jahr vorliegende Radwegekonzept zeigt indes auf, wie lange und mühsam der Weg bis zum lückenlos mit Radwegen vernetzten Main-Taunus-Kreis ist. Für regionale Verbindungen wie zum Beispiel an der Autobahn 66 zwischen Hofheim und Eschborn oder am Main-Radweg seien Machbarkeitsstudien nötig, und die Planung werde länger dauern, befürchtet Baron. Eine Vollendung des Netzes vor dem Jahr 2030 sei unwahrscheinlich.

          „Irgendwann muss man auch mal bauen“

          73 Lücken im Netz wurden ausgemacht, darunter Trassen, die schon eine gefühlte Ewigkeit geplant werden, wie die Radwegeverbindung zwischen der Kreisstadt Hofheim und dem Stadtteil Lorsbach. Gerade werde in dem schon 40 Jahre währenden Prozess die Trasse wieder einmal neu geplant, berichtet Wienen. Und Baron schimpft auf die langsamen Planer der hessischen Straßenverwaltung Hessen Mobil und den hessischen Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen), der lediglich die Sanierung maroder Straßen im Blick habe: „Irgendwann muss man auch mal bauen, wenn Infrastruktur verbessert werden soll“, fordert er.

          Neuen Auftrieb gibt es durch das Engagement des Regionalverbandes Frankfurt/Rhein-Main, der auch auf das Radfahren zum Arbeitsplatz als Beitrag zum Umweltschutz und im Kampf gegen die akuten Verkehrsprobleme im Rhein-Main-Gebiet setzt. Eine neue Stabsstelle koordiniert seit diesem Sommer überörtliche Projekte, die in die Tat umgesetzt werden sollen. Auf der Liste steht auch die seit Jahrzehnten gewünschte Verbindung der Städte Hofheim, Wiesbaden, Flörsheim und Hochheim. Die Umsetzung des Radwegekreuzes, eine geschätzt zwei Millionen Euro teure Investition, scheiterte bisher am Geld, aber auch an der Planung.

          Es fehle an einem erfahrenen Träger für ein Planfeststellungsverfahren, erläutert der Hochheimer Bürgermeister Dirk Westedt (FDP). Eine einzelne Kommune könne diese Aufgabe nicht stemmen und Hessen Mobil verfüge über keine Kapazität – wohl aber der Regionalverband Frankfurt/Rhein-Main, hofft er. Der Verband packt sofort an: Nach einer jüngst getroffenen Entscheidung werden gleich zwei Projekte im Main-Taunus-Kreis beim Ausbau der Radschnellwege in Angriff genommen. Machbarkeitsstudien gibt der Regionalverband für die Route „Frankfurt nach Wiesbaden“ über Hofheim, Kriftel und Hattersheim sowie „Taunushang“ von Bad Soden über Schwalbach nach Eschborn mit einem Anschluss an den Radschnellweg Vordertaunus in Auftrag.

          Doch Schnellschüsse wird es auch in diesen Fällen nicht geben: Ein Beginn des Ausbaus vor dem Jahr 2023 sei unwahrscheinlich, sagte jüngst der Erste Beigeordnete des Regionalverbandes, Rouven Kötter (SPD). Gut Ding will eben Weile haben.

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