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Radfahrer in der Stadt : Trend zum Radfahren längst nicht in allen Großstädten

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Vorbildlich: Radler mit Helm, die bei Rot halten, sind eher die Ausnahme. Bild: Silber, Stefanie

In Wiesbaden und Offenbach wünscht man sich mehr Radler. In Frankfurt und Darmstadt fahren schon so viele mit dem Rad, dass Fragen des Miteinanders in den Fokus rücken.

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          In Wiesbaden würde man liebend gerne die Frankfurter Diskussion führen, wie man mit dem stark zunehmenden Radverkehr und den sich daraus ergebenden Schwierigkeiten wie dichtem Gedränge auf den Radstreifen umgehen kann. „Leider kennen wir das Problem nicht“, sagt Wiesbadens Verkehrsdezernentin Sigrid Möricke (SPD). In der Landeshauptstadt lag bei der letzten Ermittlung der Radverkehrsanteil bei sechs Prozent. Es gebe eine gefühlte Steigerung, heißt es im zuständigen Tiefbauamt, doch alle Erfahrungen zeigten, der Radverkehr werde wenig beachtet. „Die Wiesbadener sind Radfahrer nicht gewöhnt“, sagt Möricke. Es müssten einfach mehr werden. „Wir brauchen den Gewöhnungsprozess.“

          Ursache sei Wiesbadens hügelige Topographie und, wie ein Gutachter in Mörickes Auftrag ermittelt hat, der sehr hohe Anteil an Wohlhabenden in der Bevölkerung. Das Autofahren sei noch immer deutlich beliebter als das Radfahren. Wenn es zum politischen Streit um Radstreifen oder Parkplätze komme, dann siege immer die Autofahrerlobby, heißt es.

          Der Anteil der Radfahrer in Mainz steigt

          Ganz anders sieht es auf der anderen Rheinseite in Mainz aus. Ob Einkauf, Fahrt zur Arbeit, Schulweg oder Ausflug ins Schwimmbad: Jeder fünfte Mainzer steigt für die kurzen Strecken im Stadtgebiet mittlerweile auf das Rad. Entsprechend voll kann es zu Spitzenzeiten auf den Hauptverkehrsachsen werden. Überall dort, wo sich Fußgänger respektive Bus- und Autofahrer den Verkehrsraum mit den Radfahrern teilen müssen, sind Konflikte programmiert. Bei mehr als der Hälfte der 689 registrierten Unfälle, an denen im vergangenen Jahren Radfahrer beteiligt waren, sind laut Verkehrsstatistik des Polizeipräsidiums Mainz die Radfahrer schuld gewesen.

          Ungeachtet solcher Alltagswidrigkeiten sind die kürzlich vorgestellten Ergebnisse einer Mobilitätsbefragung von der Stadt positiv bewertet worden: Zeige sich doch, dass der Anteil der Radfahrer unter allen Verkehrsteilnehmern seit der Erhebung von 2008 um gut acht Punkte auf 20 Prozent gewachsen ist; vorneweg radelt dabei die Gruppe der 18 bis 29 Jahre alten Männer und Frauen.

          Konfliktpotential durch Nichtbeachtung der Verkehrsregeln

          Wenn man Fußgänger sowie die Busse und Bahnen nutzenden Kunden der Mainzer Verkehrsgesellschaft hinzurechnet, entscheiden sich nach Angaben von Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Die Grünen) aktuell mehr als zwei Drittel der Bürger bei Touren im Stadtgebiet für eine „umweltfreundliche Fortbewegungsart“. Weil dies ganz im Sinne der Dezernentin ist, die sich davon eine merkliche Reduzierung der immer wieder Grenzwerte überschreitenden Luftschadstoffe erhofft, genießen Fahrradfahrer in der Mainzer Innenstadt allerlei Freiheiten: Sie dürfen vielerorts Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung benutzen, können oft selbst entscheiden, ob sie auf dem Radweg oder lieber auf der Straße unterwegs sein möchten und müssen in für sie freigegebenen Fußgängerzonen nicht absteigen.

          Diese Regelung birgt allerdings durchaus Konfliktpotential, erst recht, wenn sich Radfahrer nicht an die Verkehrsregeln halten. Wohl auch deshalb ist das Verhältnis zwischen Fußgängern, Rad- und Autofahren nicht ganz spannungsfrei. Man wirft sich wechselseitig rüpelhaftes Verhalten vor. Von Konflikten speziell unter den Radlern, weil deren Zahl so angestiegen ist, hat man zumindest im Rathaus noch nichts gehört.

          Hohes Aggressionspotential in Darmstadt

          Anders in Darmstadt. Von „Geisterradfahrern“, jenen, die einen Radweg in der falschen Richtung benutzen, spricht Thomas Grän, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs dort. Und Regelverstöße von Radfahrern seien alltäglich, zum Beispiel das Fahren über eine rote Ampel. Für Grän ist insgesamt ein „unheimlich hohes Aggressionspotential“ zwischen den unterschiedlichen Verkehrsteilnehmern zu spüren. Den Autofahrern wirft Grän vor, sie betrieben „Einschüchterung“, in dem sie bei Radfahrern dicht aufführen oder hupten.

          Offiziell liegt der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr bei 15 Prozent, das entspricht statistisch gesehen den Frankfurter Zahlen. Doch wer sich als Frankfurter mit dem Auto oder zu Fuß durch Darmstadt bewegt, dem kommt der Verkehr weniger hektisch vor als in der Mainmetropole und auch friedlicher, was das Miteinander mit den Radfahrern angeht. In Frankfurt passiert es nicht selten, dass rüde Radler die Fußgänger auf einem Bürgersteig aus dem Weg klingeln oder ein Radler auf einer engen Wohnstraße zur Straßenmitte ausschert, um den Autoverkehr auszubremsen. Das mag auch in Darmstadt vorkommen, es ist jedoch weniger augenfällig als in Frankfurt.

          Offenbach wünscht sich mehr Radler

          In Offenbach wünschte man sich noch deutlich mehr Radler. Man will seit einigen Jahren Fahrradstadt werden und erreichen, dass mehr Bürger das Zweirad nutzen. 2013 hätten die Bürger laut einer Umfrage nur für zehn Prozent ihrer Wege das Rad genutzt, schreibt die Stadt in ihrer Broschüre „Fahrradstadt Offenbach“. Dabei sei die Stadt wegen ihrer kurzen Wege dafür besonders geeignet, zumal sie in immer mehr Einbahnstraßen den Gegenverkehr für Fahrradfahrer freigebe. Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) leistet seinen persönlichen Beitrag und geht als gutes Beispiel voran, indem er innerhalb der Stadt nur noch radelnd unterwegs ist.

          Allerdings gesteht man in der Stadtverwaltung offen ein, dass es auch an der entsprechenden Infrastruktur mangelt, um mehr Radler zu gewinnen. In der Innenstadt und an den S-Bahn-Stationen fehle es an Abstellplätzen, sagt Ivonne Gerdts, Fachreferentin für Radverkehr im Bauamt. Das falle besonders am Kaiserlei und an der Station Ledermuseum auf. „Wir sind an dem Thema dran, uns fehlt es aber noch an der Manpower und am Geld.“

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