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97 Prozent zu schnell : Mit Tempo 78 in der Dreißiger-Zone

  • -Aktualisiert am

Vor Zerstörung sicher: Das mobile Blitzgerät im Stadtgebiet von Bad Soden Bild: Wonge Bergmann

18.000 Euro Verwarngeld in nur zwei Monaten hat eine hessische Kleinstadt durch ein neues mobiles Blitzgerät eingenommen. Das Gerät hat auch einem Buttersäureangriff getrotzt.

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          Seit zwei Monaten ist in Bad Soden ein schwerer robuster Kasten im Einsatz, der nur mithilfe eines geleasten Hängers von einer Stelle zur anderen Stelle im Stadtgebiet bewegt werden kann. Mit der Anlage, die schon einem Buttersäureattentat und Zerstörungsversuchen ausgesetzt war, geht die Kommune verschärft gegen Raser im Stadtgebiet vor. Die Anschaffung geht zurück auf einen Beschluss der Stadtverordneten, die nach den Worten von Bürgermeister Frank Blasch (CDU) aber lediglich auf die zahlreichen Beschwerden aus der Bevölkerung reagierten: Bei Bürgersprechstunden drehe sich die Hälfte der Gespräche um Verkehrsthemen, von denen wiederum mehr als 90 Prozent Beschwerden über Geschwindigkeitsübertretungen in den Wohnquartieren seien.

          Heike Lattka
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Tatsächlich stimmten die subjektiven Erfahrungen der Bürger zu zwei Dritteln mit den jetzt tatsächlich festgestellten Gefahrenpunkten überein: Von 15 der von der Polizeiakademie zur Aufstellung des mobilen Tempomessgeräts beantragten Stellen wurden immerhin zehn bewilligt.

          Tempo-Ausreißer kein Einzelfall

          Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Anschaffung der 200. 000 Euro teuren Anlage überfällig war. Die Ergebnisse der ersten Messungen belegten dies eindrücklich. Seit drei Wochen steht das Gerät an der Kronthaler Straße, einer beruhigten Tempo-30-Wohnstraße mit der Drei-Linden-Grundschule und der Feuerwehrwache. Dort fuhren 97 Prozent aller Fahrzeuge zu schnell, darunter 15 Prozent schneller als 53 Kilometer in der Stunde. Ein Autofahrer raste sogar mit Tempo 78 durch das beruhigte Wohngebiet.

          Wissen war nie wertvoller

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          Leider seien solche Ausreißer kein Einzelfall – auf der Königsteiner Straße, der Einkaufsmeile von Bad Soden, registrierte die Anlage den Spitzenwert von Tempo 91 mitten in der Innenstadt.

          Proteste der Bürger gegen die mobile Anlage gebe es nicht. Jeder, dem er davon erzähle, sage ihm: „Stellen Sie den Kasten doch bitte vor meinem Wohnhaus auf“, berichtete Blasch. Die selben Menschen lästerten über das Tempomessgerät, sobald sie im Auto säßen und behaupteten, die Stadt wolle mit der Anschaffung wieder einmal ihre leere Stadtkasse aufbessern und noch mehr Knöllchen verteilen. Dieser Einschätzung widerspricht Blasch vehement: Er würde gerne auf jede Einnahme verzichten, falls dadurch ein verkehrskonformes Verhalten gemäß den Geschwindigkeitsbeschränkungen erreicht würde.

          Verwarnungsgelder von 18. 000 Euro

          Binnen 530 Stunden, während derer das Tempo gemessen wurde, wurden rund 81. 000 Fahrzeuge überprüft und 447 Tempoüberschreitungen registriert. Dies sei zwar nur ein Anteil von 0,5 Prozent, berichtete Blasch, aber die Betroffenen zahlten zusammen ein Verwarnungsgeld in Höhe von 18. 000 Euro. Dies spreche für erhebliche Ausreißer nach oben in den Reihen der Temposünder.

          Leider komme es wegen überhöhter Geschwindigkeit immer wieder zu schweren Unfällen. Blasch erinnerte an das Autorennen, das offenbar zwei Fahrer im Sommer 2020 auf der Alleenstraße veranstalteten, wobei einer mit schweren Verletzungen im Schaufenster eines Haushaltswarengeschäfts landete, der zweite am Laternenpfahl. Solche Eskapaden gelte es in Zukunft mit allem Nachdruck zu verhindern. Leider reichten nett dreinschauende Smileys auf der Nieder­hofheimer Straße zur Disziplinierung von Rasern nicht mehr aus.

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          Norbert Altenkamp (CDU), Amtsvorgänger Blaschs, rühmte einst Bad Sodens Autofahrer für deren rücksichtsvolles Fahrverhalten und lobte jene Autofahrer, die angesichts eines grimmigen Blicks des Smileys sofort den Fuß vom Gaspedal nähmen. Offenbar ist eine freundliche Ermahnung heute nicht mehr ausreichend: Auf der Niederhofheimer Straße Ecke Kelkheimer Straße wird demnächst das mobile Tempomessgerät aufgebaut. Auch an dieser Stelle wurden zu viele Tempoüberschreitungen gemessen, es müsse zu schärferen Maßnahmen, sprich Geldstrafen oder Führerscheinentzug, gegriffen werden, sagt Blasch.

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