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„Querdenker“ : Die Gefahr ist nicht gebannt

Auch in Frankfurt haben „Querdenker“ gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. (Archivbild) Bild: dpa

Um die „Querdenker“ ist es stiller geworden. Dennoch bleiben Einzeltäter, die sich unterhalb des Radars bewegen, eine potenzielle Gefahr.

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          Einerseits ist es still geworden um die „Querdenker“. Zu großen Demonstrationen der Corona-Leugner ist es schon lange nicht mehr gekommen. Zu meinen, dass das Phänomen deshalb verschwunden ist, wäre jedoch ein riesiger Irrtum. Denn der gereizte Geist der „Querdenker“ hat sich alles andere als verflüchtigt, die Wut über die Corona-Maßnahmen sitzt tief. Allein die stagnierenden Impfquoten sind ein Zeichen für die Skepsis, die sich im Land breitgemacht hat. Dass dem Staat, den Politikern und der Wissenschaft nicht zu trauen ist: Die Mehrheit glaubt das nicht. Marginal ist das Problem trotzdem nicht.

          Wie real die Gefahr ist, dass die Empörung sogar in tödliche Gewalt umschlagen kann, hat die Tötung eines Tankstellenmitarbeiters in Idar-Oberstein gezeigt. Aus Wut über die Maskenpflicht wurde der 20 Jahre alte Student Alex, der als Kassierer in der Tankstelle arbeitete und sich damit sein Studium finanzierte, erschossen. Ein Schock war diese Tat, doch Kenner der Szene hat sie, so brutal das klingen mag, nicht überrascht.

          Einzeltäter unterhalb des Radars 

          Die immer heftigere Radikalisierung eines Teils der Bewegung war nicht zu übersehen. Dass der Verfassungsschutz die Corona-Leugner schon früh in den Blick genommen hat, dass er genau hinschaut, ist deshalb zu loben. Eine Versicherung, dass sich eine Tat wie die in Idar-Oberstein nicht wiederholen wird, ist das aber nicht. Das machte Michael Niemeier, der Vizechef des Bundesamts für Verfassungsschutz, beim „Herbstgespräch“ im Innenministerium in Wiesbaden deutlich. Dass wieder ein Einzeltäter, der sich unterhalb des Radars bewegt, zuschlägt, bleibt eine Gefahr.

          Was hilft, um der Radikalisierung entgegenzuwirken? Dass es wichtig ist, den Gesprächsfaden zu Bürgern, die sich in der Pandemie vom Staat, von der Gesellschaft entfernt haben, zu halten, darauf wurde beim „Herbstgespräch“ hingewiesen.

          Wichtig ist es aber auch, die Hetze im Internet endlich hartnäckiger zu bekämpfen. In den Chatgruppen und Netzwerken von „Querdenkern“ und Impfgegnern sind judenfeindliche Verschwörungsmythen Usus, der Täter von Idar-Oberstein wurde in solchen Gruppen bejubelt. Diejenigen, die in diesen Foren ihrem Hass freien Lauf lassen, werden nur selten verfolgt und bestraft. Das muss anders werden. Und den Versprechen der Plattform-Betreiber, Fake News konsequent zu löschen, müssen endlich Taten folgen. Der Kampf gegen den Hass in den sozialen Netzwerken ist alles andere als einfach. Umso dringlicher muss er mit viel Mut geführt werden.

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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