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Volksbanken : Punkte sammeln für die Rendite

Kürzt die Dividende und vergibt dafür Bonuspunkte an aktive Mitglieder: Volksbank Rüsselsheim Bild: Cornelia Sick

Genossenschaftsbanken wollen wieder mehr ihre Mitglieder fördern. Erste Volksbanken im Rhein-Main-Gebiet haben jetzt ein Bonuspunktesystem eingeführt, das aktive Kunden deutlich besser stellt als „Dividendenhaie“.

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          Schlips und Kragen dürfen derzeit im Schrank bleiben. Die Mitarbeiter in der Schalterhalle der Rüsselsheimer Volksbank tragen Sweat-Shirts mit einem orangefarbenen Punkt und der Aufschrift „VR Mitgliederbonus“. Der unkonventionelle Auftritt ist begründet. Ist doch die Rüsselsheimer Volksbank eines der ersten genossenschaftlichen Institute, das mit einer althergebrachten Konvention bricht. Zum Ende des Geschäftsjahres 2008 zahlt sie ihren Mitgliedern, die Anteile an der Genossenschaftsbank halten, erstmals nicht mehr einfach nur eine Dividende aus. Diese wird von den bisherigen sechs bis acht Prozent auf drei heruntergeschraubt. Um Renditen in gewohnter Höhe zu erlangen, müssen die Mitglieder seit dem 15. Januar Bonuspunkte sammeln, die am Ende des Jahres zusammengezählt und in Euro ausgezahlt werden.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit Punkten belohnt werden beispielsweise regelmäßige Einzahlungen. Wird zwölf Mal im Jahr Gehalt oder Rente auf ein Konto der Volksbank überwiesen, so bekommt das Mitglied zwölf Bonuspunkte, beziehungsweise Euro, gutgeschrieben. Ähnlich lassen sich auch für bestimmte Einlage- und Kreditbeträge, für Sparraten sowie für Mitgliedschaftsjahre Punkte sammeln. Belohnt wird also, wer aktiver oder wenigstens treuer Kunde ist.

          „Für die Institute ist das totes Kapital“

          „Dividendenhaie“ sollen zu aktiven Mitgliedern werden, wie es eine Präsentation der Rüsselsheimer Volksbank plakativ ausdrückt. Denn die relativ hohen Dividenden der Genossenschaftsbanken haben in der Vergangenheit auch immer wieder Anleger angelockt, die sich Mitgliedsanteile zugelegt haben, ohne Geschäfte mit den Volksbanken zu machen. „Für die Institute ist das totes Kapital“, kommentiert ein Sprecher des Genossenschaftsverbands Frankfurt diese Entwicklung.

          Josef Paul, Vorstand der Rüsselsheimer Volksbank, will mit dem Bonus-Programm die Kundenbindung erhöhen. Schließlich ist ein Kunde umso interessanter für die Bank, je intensiver er mit ihr zusammenarbeitet. So kann ein Kunde, wenn er alle möglichen Bonuspunkte zusammensammelt, sprich vom Kredit bis zum Sparvertrag alles mit der Volksbank regelt, nach Pauls Rechnung eine Rendite von bis zu 11,25 Prozent bekommen. Zusätzlich kann er sich in vielen Fällen steuerlich besserstellen, als bei der reinen Dividendenzahlung. Die unterliegt von 2009 an der Abgeltungssteuer, netto verliert sie also an Wert. Die Bonuszahlungen hingegen seien in vielen Fällen steuerfrei, sagt Paul. Als Beispiel rechnet er einen Kredit für den Kauf einer Eigentumswohnung vor. Für einen Betrag von 100.000 Euro kriege das Mitglied 20 Euro Bonuszahlung steuerfrei.

          Vorreiter in Kitzingen

          Auch die Bank selbst kann mit dem neuen Modell Steuern einsparen. Die ursprüngliche Dividende wurde komplett nach Steuern abgeführt. Die Bonuszahlungen fließen hingegen aus dem laufenden Geschäft ab. So belasten Punkte, die die Mitglieder für laufende Geldeinzahlungen bekommen, das Provisionsergebnis als „Rückerstattung der Kontoführungsgebühr“ – und müssen somit nicht mehr versteuert werden. So könnten die höheren Renditezahlungen an aktive Mitglieder nahezu kostenneutral gestemmt werden, sagt Paul. Er erwartet, dass sein Institut durch das Bonusprogramm bis zu 29 Prozent mehr ausschütten werde als durch die reinen Dividendenzahlungen.

          Im Rhein-Main-Gebiet sind die Rüsselsheimer zusammen mit der Vereinigten Volksbank Griesheim-Weiterstadt die Pioniere mit dem neuen Konzept. Bundesweit haben sechs weitere Volks- und Raiffaisenbanken das Programm von der VR Bank Kitzingen übernommen. In Kitzingen läuft die Punktesammelei schon seit 2004. Die Bonuszahlungen an die Mitglieder sind seither von 237.000 Euro auf 365.000 im Jahr 2006 gestiegen.

          Andere genossenschaftliche Institute prüfen derzeit die Einführung eines solchen Programmes. „Wir sind aber noch zu keinem abschließenden Bild gekommen, weil es sehr von den jeweiligen Mitgliedern einer Bank abhängt, ob es eher Vorteile oder Nachteile mit sich bringt“, ist zum Beispiel aus der Sparda-Bank Hessen zu hören.

          Das „eigentlich Genossenschaftliche“

          „Wir finden es gut, wenn einzelne Banken vor Ort Ideen haben, wie sie die Mitgliedschaft stärken können“, sagt ein Sprecher des Bundesverbandes der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken zu der Kitzinger Initiative. Auch der Genossenschaftsverband Frankfurt will die Mitgliedsförderung wieder mehr im Mittelpunkt sehen und veröffentlicht im März zusammen mit dem Marburger Institut für Genossenschaftswesen eine Studie dazu. Im Vorwort dazu kritisiert Verbandspräsident Walter Weinkauf, dass die Ausdehnung der Mitglieder- und Kundenkreise in den vergangenen Jahrzehnten den Fördergedanken verdrängt habe. Wichtig sei eine Rückbesinnung auf das „eigentlich Genossenschaftliche“: das Fördern der Mitglieder.

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