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Psychologie : Albtraum Mitmensch

Versagensangst ist heilbar Bild: fotolia.com

Menschen mit sozialer Phobie rechnen mit dem Schlimmsten, wenn sie unter Kollegen sind. Sie meiden berufliche Herausforderungen, werden nicht befördert und leichter entlassen. Ein Forschungsnetzwerk bietet Hilfe an.

          3 Min.

          Ihr Chef hat es wohl für eine nette Idee gehalten, für sie war es Folter. Auf dem Betriebsfest sollte die Mittvierzigerin von ihrem Urlaub berichten - und zwar per Powerpoint-Präsentation. Voller Häme beäugt von den jüngeren Kollegen, wie sie glaubte. Sie, die ehemalige Postbeamtin aus ärmlichen Verhältnissen, die in ihrem neuen Job Handys verkaufen musste und doch bitte genauso sein sollte wie ihre Kundschaft, cool, attraktiv, modisch gekleidet. In Wahrheit quälte sie ständig das Gefühl, fehl am Platz zu sein, minderwertig, eine Witzfigur. Und dann auch noch die peinliche Befragung über ihre Ferienerlebnisse. Vielleicht fanden die Kollegen ihren Vortrag gar nicht so furchtbar. Für sie war er trotzdem ein Desaster.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn Menschen mit schwerer sozialer Phobie rechnen immer mit dem Schlimmsten, wenn sie sich in Gesellschaft begeben. Die Vorstellung, im Umgang mit anderen zu versagen und deshalb abgelehnt zu werden, bereitet ihnen Angst, die sich bis zu Panikattacken steigern kann. In der Natur des Leidens liegt, dass die Kranken sich scheuen, Hilfe anzunehmen. Dabei ist diese psychische Störung weit verbreitet: Etwa 13 Prozent der Bevölkerung seien irgendwann im Lauf des Lebens davon betroffen, schätzt Manfred Beutel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Mainzer Uniklinikums. Gemessen an ihrer Häufigkeit, ist über die Sozialphobie noch immer recht wenig bekannt. Um das zu ändern, beteiligen sich Beutel und andere Wissenschaftler an dem bundesweiten Projekt "Sopho-Net", das Aufschlüsse über die Ursachen der Krankheit geben und neue Ansätze für die Therapie eröffnen soll.

          Schon früh lächerlich gemacht

          Schon jetzt kennen die Forscher Risikofaktoren, die das Entstehen der Störung begünstigen. Genetische Veranlagung spielt laut Beutel vermutlich eine Rolle, aber keine allzu große. Prägend scheinen vor allem Erfahrungen in der Kindheit zu wirken: Wer von den Eltern ständig kritisiert wird, ihren Erwartungen nicht genügt, wird Schwierigkeiten haben, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Auch Erlebnisse in der Schule wirkten oft traumatisierend, sagt der Professor. "Viele unserer Patienten wurden die ganze Zeit über lächerlich gemacht. Immer waren sie es, die mit Zahnpasta beschmiert, gehänselt oder verprügelt wurden."

          Die Folgen solcher Demütigungen zeigen sich oft dann, wenn die Opfer als junge Erwachsene auf Partnersuche gehen, im Studium oder beim Berufseinstieg besonders beansprucht werden. Manche Sozialphobiker fürchten nur bestimmte Situationen - die Prüfungsangst ist eine der bekanntesten Varianten des Leidens. Andere fühlen sich bei jedem Kontakt mit anderen Menschen unbehaglich. Es gibt Kranke, die sich mit ihrem Handicap halbwegs arrangiert haben, wie Beutel berichtet. "Im Beruf funktionieren sie, aber sie sind nicht in der Lage, mit ihrem Nachbarn ein Gespräch anzufangen." Fast immer bleiben die Betroffenen hinter ihren persönlichen Möglichkeiten zurück. Sie meiden berufliche Herausforderungen, werden deshalb nicht befördert und leichter entlassen. Viele leben allein, weil ihnen der Mut zur Partnersuche fehlt. Manchmal kommen weitere psychische Störungen hinzu wie Depressionen und Drogensucht. Einer von Beutels Patienten traut sich nur in die Diskothek, wenn er vorher getrunken hat. Aber auch dann sei der Mann noch davon überzeugt, dass alle über ihn lachten, sagt der Psychologe.

          Abnorme Schüchternheit ist überwindbar

          Die Chancen, dass Beutel ihm helfen kann, seine abnorme Schüchternheit zu überwinden, stehen recht gut: 50 bis 70 Prozent der Sozialphobiker können nach Worten des Klinikchefs durch eine Therapie geheilt werden. Eine Studie im Rahmen von "Sopho-Net" soll zeigen, wie diese Quote noch erhöht werden kann. Erprobt werden dabei zwei Verfahren - das eine ist verhaltenstherapeutisch, das andere psychoanalytisch ausgerichtet. Ziel ist in beiden Fällen, dass die Patienten nach etwa 25 Sitzungen, verteilt über ein halbes Jahr, ihre Ängste weitgehend überwunden haben. Gut 500 Teilnehmer wollen die Initiatoren für den Großversuch gewinnen, 100 davon können in Mainz betreut werden. Wer welche Art von Therapie erhält, entscheidet das Los.

          Zwar werden auch moderne Behandlungsmethoden aus einem Sozialphobiker kaum einen Gesellschaftslöwen machen. Doch die Aussicht, dem Kranken zu einem weitgehend normalen Leben zu verhelfen, gibt es auf jeden Fall, wie Beutel mit einem Beispiel aus seiner Praxis belegt. Ein Baumarkt-Angestellter, der aus dem Lager in den Verkauf versetzt worden war, suchte Hilfe, weil er sich vor dem Kontakt mit Kunden fürchtete. Nach der Therapie und einem Berufspraktikum konnte er seinen Job, den er beinahe verloren hätte, behalten.

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