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Fall Tugce : Ein Epos, das noch aufzuklären ist

  • -Aktualisiert am

Ikonisches Porträt: Das Gesicht von Tugce Albayrak wurde in den Wochen nach dem tödlichen Angriff tausendfach in sozialen Netzwerken geteilt. Am 22. November, wenige Tage vor dem Tod der Studentin, halten es Trauernde am Tatort in Offenbach hoch. Bild: Imago

Tugce Albayrak wurde zum Symbol für Zivilcourage und Emanzipation, für Integration und für das Gute schlechthin. Das ist viel für einen frühen Tod und viel für das früh verkorkste Leben des mutmaßlichen Schlägers Sanel M. Am Freitag beginnt gegen ihn der Prozess.

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          Im Saal 3 des Landgerichts Darmstadt haben 52 Zuschauer Platz. Als feststand, wann sich dort Sanel M. wegen seines Schlags gegen Tugce Albayrak wird verantworten müssen, schickte das Gericht eine E-Mail an die Pressevertreter. Auf zwei DIN-A4-Seiten erklärte es, wie sich Journalisten einen der Plätze sichern können, die man für sie freihalten werde. Die Plätze würden verlost, stand in der Mitteilung. Das Gericht hatte ein kompliziertes Verfahren entwickelt, teilte Zeitungen, Radio- und Fernsehsender in Gruppen ein, in Untergruppen.

          Ein Aufwand, wie er zuletzt beim Münchner Prozess um die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) betrieben wurde. Knapp zwei Dutzend Zuschauer werden zusätzlich in dem Gerichtssaal sitzen können, in dem die 10. Große Strafkammer des Landgerichts, eine Jugendkammer, über die Schuld von Sanel M. befinden muss.

          Prügelopfer Tugce Albayrak : Warum es kein einfacher Prozess wird

          Zwei Wochen nach dem Tod von Tugce Albayrak kamen rund 2000 Menschen zu einem Gedenken an die Studentin vor der Klinik in Offenbach zusammen. Schon diese Diskrepanz und der Aufwand des Gerichts machen deutlich, wie groß der öffentliche Druck ist, unter dem der Prozess gegen Sanel M. geführt werden wird. Er beginnt am Freitag, geplant sind zehn Sitzungstage.

          Tugce war diejenige, die reagierte

          Von Hauptverhandlungen wird oft erwartet, sie mögen die letzte und reine Wahrheit über ein Verbrechen aufdecken, mögen erklären und sogar sühnen. Die Hoffnung wird oft nicht erfüllt. Nur selten ist sie so groß, wie in diesem Fall. Das Epos von Tugce Albayrak und Sanel M. war schon geschrieben, bevor die Geschichte der beiden zu Ende erzählt worden ist, sogar schon, bevor die Ermittlungen der Polizei überhaupt richtig begonnen hatten. Ein Umstand, von dem sich ein Gericht freimachen können muss, ganz sicher. Aber eine leichte Aufgabe ist das nicht.

          Die Nacht zum 15. November 2014. Es ist kurz nach vier Uhr, als Tugce Albayrak nach einem Schlag von Sanel M. auf dem Parkplatz vor dem McDonald’s am Offenbacher Kaiserlei zu Boden geht. Zuvor soll sie zwei noch sehr junge Mädchen auf der Toilette des Fastfood-Restaurants gegen eine Anmache des Achtzehnjährigen verteidigt haben. Eine Situation, auf die womöglich auch andere Gäste hätten aufmerksam werden können, aber Tugce Albayrak war diejenige, die reagierte. Schnell wurde sie deshalb zu einem Symbol für Zivilcourage und Emanzipation, für die Ansichten dieses Landes über Integration, für das Gute schlechthin.

          Der Erinnerung könnte kippen

          In einer Petition forderten rund 300.000 Unterzeichner, der Studentin das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, in Offenbach dachten die Stadtverordneten daran, eine Brücke nach ihr zu benennen. Polizei und Staatsanwaltschaft kritisierten, dass das alles geschah, bevor die Ermittlungen abgeschlossen waren.

          Später wurde mehr über diese Ermittlungen bekannt. Demnach sagten mehrere Zeugen, Tugce Albayrak habe Sanel M. vor dem Angriff gegen sich beleidigt. Das ist nichts, was den späteren Schlag rechtfertigt, das aber, sofern es stimmt, die Geschichte der beiden in mehr Graustufen zeichnet, sie lebensnäher macht. So schnell und so früh als unfehlbar verklärt, kann die Erinnerung an Tugce Albayrak, an die Frau hinter dem Mythos, jetzt eigentlich nur noch verlieren, wenn ihr Tod vom nächsten Freitag an aufgearbeitet wird.

          Fall ist nicht außergewöhnlich

          Der Fall hat eine ungewöhnlich emotionale Welle von Anteilnahme am Schicksal der Studentin und von Hass gegen Sanel M. ausgelöst. Dabei ist dieser Fall nicht völlig außergewöhnlich im Vergleich zu dem, was beinahe jede Nacht bei ähnlichen Begegnungen aus dem Ruder läuft und später Gerichte beschäftigt. Besonders macht diesen Fall zwar sein tragisches Ende. Das allein reicht aber nicht aus als Erklärung dafür, warum Menschen sich zu Mahnwachen zusammenfanden, warum sie gemeinsam mit der Familie trauerten, als bei der schwer am Kopf verletzten Tugçe Albayrak schließlich die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt worden sind. Das alles könnte auch viel mehr mit den Gefühlen derer zu tun haben, die am 26. November 2014 unten vor der Klinik in Offenbach standen, als mit der gerade 23 Jahre alt gewordenen Lehramtsstudentin, die oben im Krankenzimmer starb.

          Das jedenfalls sagt der Psychologe Werner Gross. Er ist Gründer des Psychologischen Instituts Offenbach und wagt einen Erklärungsversuch.

          ***

          Herr Gross, warum ist Tugce Albayrak zur Heldin geworden?

          Wir würden uns alle gerne so verhalten, wie Tugce Albayrak sich mutmaßlich verhalten hat. Jemandem selbstlos zu helfen – das wollen wir tun, ohne es tatsächlich zu tun.

          Zu etwa derselben Zeit starb in Hannover ein Mann, als er eine Kassiererin vor einem Räuber beschützen wollte. Er ist nicht zum Helden geworden.

          Es gibt ja Hunderte solcher Fälle, die in einer kleinen Meldung landen. Tugce Albayrak war eine Frau, noch dazu attraktiv. Und es gab ganz viele Bilder, die Familie und Freunde der Studentin den Medien zur Verfügung gestellt haben. Die haben ausführlich und immer wieder berichtet. Das traf auf das grundsätzliche Bedürfnis vieler nach etwas, das den emotionalen Zustand verändert.

          Der Offenbacher Psychologe Werner Gross im Interview mit Denise Peikert
          Der Offenbacher Psychologe Werner Gross im Interview mit Denise Peikert : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Bleibt das bei einem „So hätte ich das auch gerne gemacht“? Oder ändert ein solcher Fall etwas am eigenen Verhalten?

          Kann sein, dass es Leute gibt, bei denen das etwas verändert. Wahrscheinlich sind das aber nicht viele. Wenn wir eine Nonne erleben, die etwas Gutes tut, ist der Anteil derjenigen, die deshalb ins Kloster gehen, auch gering.

          Die Geschichte hat sich im Zuge der Ermittlungen verändert. Es soll einen Streit gegeben haben, Tugce Albayrak soll Sanel M., der sie schlug, zuvor beschimpft haben.

          Das Denkmal hat in den Köpfen der Öffentlichkeit dadurch ganz wenig Flecken bekommen. In den Schlagzeilen ist die Geschichte dieselbe geblieben, verändert hat sie sich nur im Subtext. Das hat etwas damit zu tun, dass wir einen Helden auch haben wollen und brauchen.

          Wozu?

          Weil man sich daran orientieren kann, zumindest theoretisch. Aber eben auch, weil sie Dinge leben, die wir selbst nicht leben. Und: Wir laufen alle wie emotionale Pulverfässer durch die Gegend. Je mehr ein Mensch für seine Gefühle ein Ventil braucht, desto austauschbarer ist dann der Gegenstand. Letzten Endes geht es also um die Frage, wie hoch der Anteil derjenigen in der Gesellschaft ist, die schnell auf bloße Emotionen reagieren – und wie hoch der Anteil derjenigen, die erst einmal ihren Kopf einschalten.

          Das ist aber eine harte Interpretation. Bei der großen Anteilnahme hieße das ja, dass die meisten ihren Kopf eben nicht einschalten.

          Das hat nichts mit Dummheit zu tun. Es hängt auch damit zusammen, in welcher gesellschaftlichen Situation wir derzeit leben. Veränderungen passieren mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit, wir leben an der Grenze zur Überforderung, sei es bei der Verdichtung von Arbeit oder der Reizüberflutung durch Medien. Das führt zu Identitäten, die viel fragiler sind, als früher.

          Und dann suchen die Menschen stärker nach emotionalen Ventilen?

          Ja, die Situation produziert Emotionen und die Frage ist, wo finden die ihren Ausdruck.

          ***

          Der Tod von Tugce Albayrak hat aber nicht nur große emotionale Anteilnahme ausgelöst. An ihrem Beispiel wurden auch ganz rational große Themen abgehandelt. Sie war für viele Beobachter nicht nur ein Symbol für Zivilcourage, sondern auch ein gelungenes Beispiel für Integration. Die Familie Albayrak kommt aus der Türkei, die Tochter studierte Lehramt in Gießen, sie galt schnell als Vertreterin einer nachwachsenden Generation von irgendwann einmal Zugewanderten, die es in diesem Land zu etwas bringen wollen.

          Da kam die tödliche Konfrontation mit Sanel M. gerade recht für die Erzählung von gelungener und eben nicht gelungener Integration. Familie M. zog aus Serbien nach Offenbach, ins Bahnhofsviertel, und Sanel scheiterte am Gymnasium, wechselte oft die Schule, bevor er spät den Hauptschulabschluss nachholte. Dann zerschellten alle seine Versuche, eine Ausbildung zu machen, an alkoholschwangeren Nächten und früh verübten Straftaten.

          Vor allem ausländische Medien interpretierten das Zusammentreffen von Tugce Albayrak und Sanel M. als ein Symptom für ein Deutschland, das gerade um eine multikulturelle Gesellschaft ringt. So jedenfalls schrieb es die „New York Times“, und die „Financial Times“ ging sogar noch weiter. Deutschland überprüfe gerade seinen Blick auf die Zuwanderer ins Land, hieß es da, auch vor dem Hintergrund der zunehmenen Zahl von Flüchtlingen in ganz Europa.

          So richtig ausdiskutiert wurde all das nie. Die Debatten verebbten schnell, als der Fall aus den Schlagzeilen verschwand, die meisten waren nicht weit gediehen. Die Themen waren wohl ohnehin zu groß für den kurzen, tragischen Moment auf einem Offenbacher Parkplatz.

          Nach Meinung von Psychologe Werner Gross ist zumindest unsere Trauerkultur womöglich nachhaltig verändert worden – nicht erst, aber doch auch durch die öffentliche Trauer um Tugce Albayrak.

          ***

          Die Familie von Tugce Albayrak hat enorm viel öffentlich kommuniziert. Hilft so etwas beim Trauern?

          Das hat kurzfristig bestimmt geholfen. Aber jeder geht am Ende mit sich allein nach Hause und muss gucken, wie er mit der inneren Trauer klarkommt. Der Vorteil, wenn man Emotionen nach außen trägt, ist, dass sie einen in dem Moment zumindest nicht quälen müssen.

          Zuletzt ist es immer üblicher geworden, öffentlich zu trauern, auch, wenn Prominente sterben.

          Ich denke, dass das mit der Vermischung der Kulturen zu tun hat. Dieses Norddeutsche „Wir bitten von Trauerbekundungen Abstand zu nehmen“, das ist eine Mentalität, die wahrscheinlich nachhaltig verändert wird durch die Trauermechanismen in südlichen Ländern. Aber das wird auch weiter abhängig bleiben von bestimmten Szenen. Wir reden zwar immer von „der Gesellschaft“, aber Dynamiken wie diese entwickeln sich immer in Subkulturen.

          Es haben aber auch sehr viele Leute bei Facebook Tugce-Fotos geteilt, die weder besonders jung noch Südeuropäer sind.

          Mitfühlen in so einer Situation ist universal: Jemandem, der etwas Gutes wollte, dem passiert etwas Schlechtes – das berührt archaische Grundmuster.

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