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Fall Tugce : Ein Epos, das noch aufzuklären ist

Fall ist nicht außergewöhnlich

Der Fall hat eine ungewöhnlich emotionale Welle von Anteilnahme am Schicksal der Studentin und von Hass gegen Sanel M. ausgelöst. Dabei ist dieser Fall nicht völlig außergewöhnlich im Vergleich zu dem, was beinahe jede Nacht bei ähnlichen Begegnungen aus dem Ruder läuft und später Gerichte beschäftigt. Besonders macht diesen Fall zwar sein tragisches Ende. Das allein reicht aber nicht aus als Erklärung dafür, warum Menschen sich zu Mahnwachen zusammenfanden, warum sie gemeinsam mit der Familie trauerten, als bei der schwer am Kopf verletzten Tugçe Albayrak schließlich die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt worden sind. Das alles könnte auch viel mehr mit den Gefühlen derer zu tun haben, die am 26. November 2014 unten vor der Klinik in Offenbach standen, als mit der gerade 23 Jahre alt gewordenen Lehramtsstudentin, die oben im Krankenzimmer starb.

Das jedenfalls sagt der Psychologe Werner Gross. Er ist Gründer des Psychologischen Instituts Offenbach und wagt einen Erklärungsversuch.

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Herr Gross, warum ist Tugce Albayrak zur Heldin geworden?

Wir würden uns alle gerne so verhalten, wie Tugce Albayrak sich mutmaßlich verhalten hat. Jemandem selbstlos zu helfen – das wollen wir tun, ohne es tatsächlich zu tun.

Zu etwa derselben Zeit starb in Hannover ein Mann, als er eine Kassiererin vor einem Räuber beschützen wollte. Er ist nicht zum Helden geworden.

Es gibt ja Hunderte solcher Fälle, die in einer kleinen Meldung landen. Tugce Albayrak war eine Frau, noch dazu attraktiv. Und es gab ganz viele Bilder, die Familie und Freunde der Studentin den Medien zur Verfügung gestellt haben. Die haben ausführlich und immer wieder berichtet. Das traf auf das grundsätzliche Bedürfnis vieler nach etwas, das den emotionalen Zustand verändert.

Der Offenbacher Psychologe Werner Gross im Interview mit Denise Peikert

Bleibt das bei einem „So hätte ich das auch gerne gemacht“? Oder ändert ein solcher Fall etwas am eigenen Verhalten?

Kann sein, dass es Leute gibt, bei denen das etwas verändert. Wahrscheinlich sind das aber nicht viele. Wenn wir eine Nonne erleben, die etwas Gutes tut, ist der Anteil derjenigen, die deshalb ins Kloster gehen, auch gering.

Die Geschichte hat sich im Zuge der Ermittlungen verändert. Es soll einen Streit gegeben haben, Tugce Albayrak soll Sanel M., der sie schlug, zuvor beschimpft haben.

Das Denkmal hat in den Köpfen der Öffentlichkeit dadurch ganz wenig Flecken bekommen. In den Schlagzeilen ist die Geschichte dieselbe geblieben, verändert hat sie sich nur im Subtext. Das hat etwas damit zu tun, dass wir einen Helden auch haben wollen und brauchen.

Wozu?

Weil man sich daran orientieren kann, zumindest theoretisch. Aber eben auch, weil sie Dinge leben, die wir selbst nicht leben. Und: Wir laufen alle wie emotionale Pulverfässer durch die Gegend. Je mehr ein Mensch für seine Gefühle ein Ventil braucht, desto austauschbarer ist dann der Gegenstand. Letzten Endes geht es also um die Frage, wie hoch der Anteil derjenigen in der Gesellschaft ist, die schnell auf bloße Emotionen reagieren – und wie hoch der Anteil derjenigen, die erst einmal ihren Kopf einschalten.

Das ist aber eine harte Interpretation. Bei der großen Anteilnahme hieße das ja, dass die meisten ihren Kopf eben nicht einschalten.

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