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Landgericht Hanau : Wie es zu einer Messerstecherei kommt

Landgericht Hanau: Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Gruppen hat sich am 28. April ereignet. Bild: dpa

Vor dem Landgericht Hanau sind neun junge Männer aus Syrien, dem Irak und Albanien wegen einer Schlägerei und Messerstecherei angeklagt. Vier von ihnen wird versuchter Totschlag vorgeworfen. Allein ein Schimpfwort soll der Auslöser gewesen sein.

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          Im Saal können sich alle sicher fühlen. Bei der Verhandlung des Landgerichts Hanau im Hindemith-Saal im Congress Park Hanau sitzen neun Justizwachtmeister in den hinteren Reihen und behalten die neun Angeklagten im Auge. Diese nehmen mit ihren Anwälten und Dolmetschern fast den ganzen Saal ein, weil sie wegen der Pandemie mit großen Abständen plaziert sind. Außerdem sitzen immer zwei oder drei Polizisten in der Nähe des Eingangs und haben einen Blick auf das Publikum im Raum. Weitere Beamten stehen im Foyer. Sie tragen keine Uniform, aber Schutzwesten und Schusswaffen.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit dieser Präsenz wollen die Sicherheitskräfte erreichen, dass ein Konflikt gar nicht erst aufkommt – weder zwischen den Angeklagten noch aus dem Publikum heraus. Gegenstand des Prozesses ist schließlich eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen junger Männer – und dieser Konflikt soll sich nicht fortsetzen. Die Männer sitzen im Verhandlungssaal nur einige Meter voneinander entfernt. Und die Aussagen in der Hauptverhandlung zeugen davon, wie leicht ein Streit entfacht ist und wie schnell aus einem Wortgefecht ein Kampf wird, der mit Waffen ausgetragen wird.

          Angeklagt sind neun junge Männer aus Syrien, dem Irak und Albanien wegen einer Schlägerei und Messerstecherei in der Hanauer Innenstadt am Abend des 28. April.

          Eine Gruppe von sechs Männern, ein Iraker und fünf Syrer, der jüngste von ihnen erst 17 Jahre alt, geriet mit drei Albanern aneinander, wenn alles sich so abgespielt hat, wie Staatsanwalt Markus Jung es in seiner Anklageschrift nachgezeichnet hat. Vier von ihnen, ein Syrer und die drei Albaner, sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen wird versuchter Totschlag vorgeworfen, weil sie Messer eingesetzt haben sollen. Bei den übrigen lautet die Anklage auf gefährliche Körperverletzung. Mehrere Beteiligte der Auseinandersetzung auf einem Parkplatz am städtischen Klinikum erlitten teils lebensgefährlicher Verletzungen, Schnitte und Stichwunden sowie Kopfplatzwunden.

          Vorangegangen war dem ein Streit zwischen je einem Mann aus jeder der beiden Gruppen, der sich auf dem Freiheitsplatz abspielte. Einer dieser beiden Männer ist der 26 Jahre alte Syrer Azad S., der im Jahr 2014 nach Deutschland kam. Am Montag, dem zweiten Prozesstag, schildert er ausführlich den Abend im April. Nach der Arbeit als Auslieferungsfahrer habe er eine Dose Whiskey-Cola getrunken und einen Joint geraucht. Dann habe er in der Innenstadt seinen Freund, den Syrer Alan H., getroffen und mit ihm weitergetrunken. Selbst habe er drei Dosen des Mixgetränks geleert, sagte Azad S., einer der Untersuchungshäftlinge. Davon sei er so betrunken gewesen, dass ihm schwindelig geworden sei.

          Gegenseitig sei die Beleidigung „Hurensohn“ gefallen

          Schließlich habe er auf dem Freiheitsplatz uriniert, weil er es nicht mehr ausgehalten habe. Darauf habe er hinter sich eine Stimme gehört, die Beleidigungen ausgestoßen habe. Azad S. identifiziert im Verhandlungsaal den Mann, der ihn so angegangen hatte. Auf Geheiß der Vorsitzenden Richterin Katharina Jost steht er auf und deutet auf den 26 Jahre alten Albaner Eraldo H. Gegenseitig sei die Beleidigung „Hurensohn“ gefallen. Der Mann habe ein Messer aus der Tasche seiner Jogginghose genommen, und auch er selbst habe ein Klappmesser gezogen, das in seiner Hosentasche gewesen sei, weil es bei der Arbeit gebraucht werde.

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          Wie Azad S. weiter sagt, hielt er die Sache damit für erledigt und war überrascht, bald danach auf der Rosenstraße Eraldo H. in Begleitung weiterer Albaner wiederzusehen, jeder von ihnen mit Messer in der Hand. Der Mann, mit dem er vorher auf dem Freiheitsplatz gestritten habe, also Eraldo H., habe auf Deutsch gesagt: „Ich bringe dich um!“ Kurz darauf sei er auf dem Parkplatz am Klinikum angegriffen worden.

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