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Mord auf dem Reiterhof : Eine Beziehung, die keiner verstand

  • -Aktualisiert am

Die 22 Jahre alte Lea S. wurde im August 2019 nahe einer Koppel erschossen (Symbolbild). Bild: dpa

Seit Monaten läuft am Landgericht Frankfurt der Prozess um den Mord an Lea S. auf einem Reiterhof nahe Hofheim. Die Hintergründe sind so seltsam wie erschreckend. Kurz vor dem Ende steht plötzlich der Sohn des Angeklagten im Fokus.

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          Seit Juni verhandelt das Landgericht Frankfurt gegen den 55 Jahre alten Lothar R. Er ist angeklagt, seine frühere Freundin, die 22 Jahre alte Lea S., aus niedrigen Beweggründen heimtückisch getötet zu haben. Die Tat geschah am 20. August 2019 auf dem „Sonnenhof“ in Hofheim-Langenhain; ein Kopfschuss tötete die junge Frau augenblicklich. Das Langgewehr mit Schalldämpfer und selbstgebautem Zielfernrohr wurde nach einem Tipp der ehemaligen Frau des Angeklagten versteckt in einem Heuballen auf dem landwirtschaftlichen Anwesen Lothar R.s gefunden. Auf ihm befanden sich Fingerabdrücke des Sohnes und dessen Freundes. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass R. seine frühere Freundin tötete, „weil sie ihr Recht auf Weiterleben verwirkt“ habe, als sie sich endgültig von ihm trennte und sich einem neuen Partner zuwandte.

          Fünfzehn Verhandlungstage sind vergangen und noch immer ist unklar, ob in dieser Woche die Plädoyers gehalten werden können. Der Verteidigung, laut der Lothar R. nicht der Schütze war, sprang in einer verstörenden zweiten Vernehmung die ehemalige Frau des Angeklagten und Mutter der gemeinsamen Kinder bei. Am vierzehnten Verhandlungstag sagte sie unter Tränen und lauten Beschimpfungen gegen R. aus, der zur Tatzeit 16 Jahre alte Sohn habe ihr den Mord vor kurzem gestanden. „Papa hat mich gezwungen, abzudrücken“, habe er zu ihr und ihrem Lebensgefährten gesagt. Er sei seit der Tat äußerst aggressiv und verhalten sich anders als sonst.

          Die Fingerabdrücke des Sohnes und dessen Freundes auf dem Gewehr erklärte letzter vor Gericht so: Vier Tage vor der Tat verhaftete die Polizei R. zum Antreten einer Ersatzfreiheitsstrafe. Die letzte von vielen Verurteilungen wegen Körperverletzung war wieder nur mit einer Geldstrafe geahndet worden, die R. jedoch nicht bezahlen konnte. Nach dieser Festnahme hätten die beiden das Gewehr sicherheitshalber aus R.s Auto verschwinden lassen, es dabei beide angefasst. R. kam schon am gleichen Tag wieder auf freien Fuß, sein Chef und zwei Arbeitskollegen des Mannes, der sein Geld als LKW-Fahrer verdiente, legten die 3700 Euro zusammen, weil man ihn für eine Fuhre brauchte.

          R.s Sohn selbst machte vor dem Landgericht von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Die Tochter, zur Tatzeit zehn Jahre alt, ist gar nicht erst geladen. Mit den Kindern hatte die getötete Lea S. nach der Trennung von R. weiterhin Kontakt gehalten. Dass R. die beiden in die Überwachung der jungen Frau einspannte, belegen zahlreiche Chats. Lea fühlte sich demnach massiv bedroht und verfolgt und informierte darüber auch ihre Freunde. Deshalb kam die Polizei schnell auf R. als mutmaßlichen Täter.

          Auf seinem Hof trafen sie nach der Tat nur den Sohn an, der eine Tüte bei sich trug: Darin befanden sich unter anderem Handschuhe, an denen Schmauchspuren, Faserspuren von Leas Kleidung sowie DNA von R. sichergestellt wurden. R. stellte sich am Folgetag der Polizei, gestand die Tat allerdings nicht.

          Die Beziehung der jungen Frau aus bürgerlichen Verhältnissen zu dem älteren Mann, dessen Hof und Wohnräume völlig heruntergekommen und vermüllt sind, verfolgten Leas Eltern ratlos. Doch da es nur Streit deswegen gab, resignierten sie. „Das versteht ihr nicht. Lasst mich meine Fehler selber machen“, habe Lea gesagt. Ihr Bruder bezeichnet sie als „liebenswerte Träumerin“. Tiere waren ihre Passion. R. hielt Schafe, Hunde, ein Pony für die Tochter. Bei ihm stand ihr Pferd. Die endgültige Trennung der beiden markiert R.s Aufforderung, sie solle ihr Pferd von seinem Hof holen. Fortan war es auf dem „Sonnenhof“, dem späteren Tatort, untergebracht. Dass Lea am Tatabend dorthin zum Reiten käme, erfuhr R. von seinem Sohn, mit dem Lea sich früher am Tag auf dessen Bitte hin getroffen hatte.

          Lothar R. soll seinen Sohn gezüchtigt haben, „wenn er nicht spurte“. Die Kinder lebten nach drei Jahren im Heim damals bei ihm. Das Jugendamt hatte der Mutter vor Jahren das Sorgerecht entzogen, Drogen und Alkohol spielten dabei eine Rolle. Zu alldem, auch zu dem angeblichen Geständnis des Sohnes gegenüber der Mutter, schweigt der Angeklagte. Der Staatsanwalt hatte zuletzt an dessen Gewissen appelliert, er solle jetzt etwas richtigzustellen. Aus Fürsorgepflicht dem Sohn gegenüber, dessen Mutter wie einige andere Einwohner des kleinen Heimatortes diesen dort als Täter darstellen.

          Sollte das Gericht dem voraussichtlichen Antrag der Staatsanwaltschaft folgen, droht Lothar R. eine lebenslange Freiheitsstrafe. Die Verteidigung hatte einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter mit der Begründung gestellt, dass die Kammer die Mittäterschaft des Sohnes offenbar nicht in Erwägung ziehe. Dieser ist inzwischen abgelehnt. Drei Verhandlungstage stehen nun noch aus – ob sie reichen, wird sich erst kurzfristig zeigen.

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