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Gerichtsprozess in Hanau : Wegen Koks und Katana in die Klinik

Urteilsverkündung: Der Angeklagte muss in die Psychiatrie (Symbolbild). Bild: Wolfgang Eilmes

Das Landgericht Hanau schickt einen jungen Mann nach Gewalttaten mit einem Samuraischwert und Brandstiftung in die Psychiatrie. Die Richterin führt die Taten auf zwei Krankheiten zurück.

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          Das Landgericht Hanau hat einen jungen Mann in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, der seine eigene Wohnung verwüstet und angezündet hatte. Außerdem attackierte der 23 Jahre alte Tim S. aus dem Hanauer Stadtteil Klein-Auheim mehrfach andere Menschen, wie die Beweisaufnahme ergeben hat. So war er im Mai in diesem Jahr mit einem Samurai-Schwert auf einen ehemaligen Kollegen losgegangen, hatte diesen aber bei drei Schlägen verfehlt.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Drei Tage später randalierte der Beschuldigte in seiner Wohnung, zerlegte Möbel und warf deren Teile aus dem Fenster auf parkende Autos, die beschädigt wurden. Polizisten bewarf er mit einem Pokal, der einen Zaun traf, hinter dem diese standen. Außerdem drohte Tim S. mit einer Schusswaffe, die sich später als Luftgewehr herausstellte. Schließlich legte er Feuer, indem er im Badezimmer Handtücher und Kleidung in Brand setzte. Die Flammen entwickelten eine solche Hitze, dass ein Rollladen schmolz. Die Wohnung im Haus der Großmutter des Beschuldigten war danach unbewohnbar, wie ein Polizeibeamter als Zeuge ausgesagt hatte.

          In ihrer Urteilsbegründung am Mittwoch führte die Vorsitzende Richterin Katharina Jost die Gewalttaten und die Brandstiftung auf zwei psychische Krankheiten zurück. Zum einen leide Tim S. an Schizophrenie, zum anderen an einer Rauschgiftsucht, die so stark sei, dass die Abhängigkeit ebenfalls als Erkrankung zu werten sei. Der junge Mann hatte im Prozess eingeräumt, seit dem Alter von 15 oder 16 Jahren verschiedene Rauschgifte zu konsumieren.

          Medikamente und eine Verhaltenstherapie geben Hoffnung

          Zeugenaussagen und Gutachten zufolge stand der Beschuldigte bei den Taten im Mai unter dem Einfluss von Haschisch, Amphetamin und Kokain. Wegen seiner Erkrankungen sei Tim S. schuldunfähig, sagte Jost. Aus diesem Grund seien ihm die Taten nicht vorzuwerfen, es gehe nicht darum, ihn zu bestrafen. Die Gewaltdelikte habe er nicht deshalb begangen, weil er ein schlechter Mensch sei, sondern weil er krank sei.

          Man müsse aber damit rechnen, dass er ohne eine Behandlung unberechenbar und gefährlich bleibe und neue Gewalttaten begehe. Die Richter schlossen sich damit in ihrem Urteil dem psychiatrischen Gutachter Rolf Speier an, der ausgeführt hatte, dass das Zusammentreffen von Schizophrenie und Drogensucht eine besondere Gefahr bedeute und eine Behandlung erschwere. Deshalb hatte der Gutachter empfohlen, Tim S. solle für drei Jahre stationär in einer forensischen Klinik bleiben. Derzeit ist er im psychiatrischen Krankenhaus in Haina untergebracht.

          Nach dem Urteil wird er dort weiter behandelt. „Wir wissen Sie dort in guten Händen“, sagte die Vorsitzende. Der Aufenthalt sei in seinem eigenen Interesse, damit er nicht zu einer Gefahr für seine Familienangehörigen werde. Bei einer Behandlung mit Medikamenten in Verbindung mit einer Verhaltenstherapie bestehe Hoffnung, dass der junge Mann einmal in einen normalen Alltag zurückkehren könne. Die Klinik in Haina sei auf Fälle mit „Doppeldiagnose“, also die Kombination von Schizophrenie und Drogenabhängigkeit, spezialisiert.

          Mit dem Urteil entsprach die zweite Große Strafkammer den Anträgen von Staatsanwältin Ines Roser und Verteidiger Hagen Becker, die unisono eine Unterbringung in einer Klinik gefordert hatten. Der Rechtsanwalt sagte, Tim S. sei sehr betroffen über das, was im Mai geschehen sei. Vor allem tue ihm sehr leid, dass er mit dem Feuer seine Großmutter, die im gleichen Haus wohnte, in Gefahr gebracht habe.

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