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Prozess am Landgericht Hanau : Tödlicher Messerstich vor der Tochter

War es Mord oder Totschlag? Darum geht in einem Prozess am Hanauer Landgericht. (Symbolbild) Bild: dpa

Ein Mann soll seine Ehefrau mit einem Messer verletzt haben, zunächst nicht tödlich. Dann stieß er nochmal zu – vor den Augen seiner Tochter. Im Prozess am Landgericht Hanau geht es darum, wie die Bluttat einzustufen ist.

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          Über das, was passiert ist, sind sich Staatsanwalt und Verteidiger einig. Vor dem Landgericht Hanau gibt es keine Zweifel daran, dass der angeklagte 43 Jahre alte Rudolf H. in der Nacht zum 18. Februar seine 38 Jahre alte Ehefrau Brigitte H. getötet hat, weil sie sich scheiden lassen wollte. Auch über den Ablauf herrscht Einigkeit. Demnach stach Rudolf H. in der Küche der gemeinsamen Wohnung in Bad Soden-Salmünster mit einem Küchenmesser mit 20 Zentimeter langer Klinge zu, verletzte seine Frau aber zunächst nicht tödlich. Die 13 Jahre alte Tochter Ruzica, aufgeschreckt durch die Schreie der Frau, kam hinzu und sah die blutende Mutter. Der Vater legte das Messer weg, die Tochter wollte mit der Mutter zur Notaufnahme. Dann nahm Rudolf H. das Messer wieder in die Hand, drängte die Frau in eine Ecke, umklammerte sie und versetzte ihr einen Stich in den Oberkörper – mit so viel Wucht, dass die Klinge den Knochen des Brustbeins durchdrang und eine Schlagader am Herzen verletzte. Das Opfer starb kurz darauf vor den Augen der Dreizehnjährigen an dieser Verletzung.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          So schilderte Staatsanwalt Dominik Mies am Dienstag die Tat, und Verteidiger Benjamin Düring widersprach nicht. In ihren Plädoyers ging es allein darum, wie die Bluttat rechtlich einzustufen ist: War es Mord oder Totschlag? Das ist für das Strafmaß entscheidend, weil das Gesetz für Mord eine lebenslange Haftstrafe vorsieht.

          Der Verteidiger sprach von einer Tat im Affekt, also von Totschlag. Die Ehefrau habe vorgehabt, sich scheiden zu lassen, der Ehemann sei in Panik gewesen, weil er fürchtete, damit seine Familie und seine Existenz zu verlieren. In der Beziehung des kroatischen Paars, das 2017 nach Deutschland gezogen war, habe es Streit gegeben, weil die Frau ein „massives Alkoholproblem“ gehabt habe. Der Anwalt sagte, Brigitte H. sei mit dem Leben in Deutschland unzufrieden gewesen und habe wieder nach Kroatien zurück gewollt. Damit sei der Angeklagte überfordert gewesen.

          Zurückgefahren, um die Frau zu töten

          Der Staatsanwalt dagegen beantragte eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes. Einen niedrigen Beweggrund dafür sah er in der Vorgeschichte und in der Art der Tat. Der Mann habe nicht akzeptieren wollen, dass die Ehe zerrüttet gewesen sei und dass die Frau sich habe trennen wollen. In „krasser Eigensucht“ und mit einem übersteigerten Ehrgefühl habe er die Ehefrau als seinen „persönlichen Besitz“ betrachtet. Sein Rollenverständnis äußere sich etwa in seiner Aussage über Brigitte H. und andere kroatische Frauen: „Sie kommen nach Deutschland, lassen ihre Männer arbeiten und machen, was sie wollen.“

          Rudolf H. habe zuvor mehrfach damit gedroht, die Frau zu töten. Auf die beiden Kinder, die Tochter und den 15 Jahre alten Sohn, habe er keine Rücksicht genommen, auch in ihrer Gegenwart habe er die Todesdrohung ausgesprochen. Als der Angeklagte zusammen mit dem Sohn für einige Tage in Kroatien gewesen sei, habe er am Telefon erfahren, dass Brigitte H. wegen der Scheidung schon einen Termin mit einer Anwältin ausgemacht habe. Daraufhin sei er nach Deutschland zurückgefahren – mit dem Entschluss, die Frau zu töten.

          Nach der Ankunft in Bad Soden-Salmünster habe er zwei Stunden geschlafen und dann seine Drohung wahr gemacht. Auch die lange Bedenkzeit auf der Autofahrt von Kroatien nach Deutschland habe seinen „Vernichtungswillen“ nicht geändert. So habe er ein Leben genommen und zwei weitere Leben zerstört, die der Kinder, die traumatisiert und ohne Mutter zurückblieben. Ein Leben lang hätten sie an der Erinnerung an die Bluttat zu tragen.

          Der Angeklagte habe in der Hauptverhandlung immer wieder Tränen vergossen, doch das sehe mehr nach Selbstmitleid als nach Reue aus, sagte Mies. Die Selbstbeschreibung von Rudolf H., er möge es nicht, wenn ein Stärkerer einen Schwächeren schikaniere, sei angesichts seines eigenen Handelns nichts als Heuchelei. Seine „höchste Hochachtung“ drückte der Ankläger dagegen für die 13 Jahre alte Tochter der Familie aus. Ruzica habe freiwillig vor Gericht ausgesagt und sei zur wichtigsten Zeugin geworden. Wie eine Erwachsene habe sie es geschafft, das Geschehen der Tatnacht sachlich und detailreich zu schildern.

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