https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region-und-hessen/prostitution-prostitution-floriert-in-aschaffenburg-1385103.html

Prostitution : Prostitution floriert in Aschaffenburg

Rotlicht in Aschaffenburg: das Bordell „Paradies Lotus” Bild: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt

In Gewerbegebieten ist käuflicher Sex in der Regel erlaubt, in Wohngebieten nicht. Kompliziert wird es in Mischgebieten. Und genau darum handelt es sich beim Aschaffenburger Rotlichtbezirk.

          3 Min.

          Dänische Betten werden in dem Lager auf der einen Seite der Würzburger Straße verkauft. Zu den Kunden könnten auch die beiden Etablissements zählen, die sich schräg gegenüber angesiedelt haben. Unmittelbar über dem „Krazyclub“ befindet sich das „Paradies Lotus“. Es hat von 9 bis 1 Uhr geöffnet - „und nach Vereinbarung“. Nachts leuchten in den Fenstern rote Leuchtstoffröhren. Die Reklameschrift im ersten Obergeschoß kündigt Whirlpool, Thai- und Entspannungsmassage an. Aber das ist nicht die nackte Wahrheit.

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Die seitlich gelegene Eingangstür ist geöffnet. Die Herrschaften, die man zur seriösen Kundschaft zählt, scheinen dort eher selten zu verkehren. Darauf läßt jedenfalls der Zettel in einer Klarsichthülle schließen, der im Treppenhaus hängt: „Schuhe abputzen“. Eine Fußmatte gibt es allerdings nicht. Im ersten Stock öffnet eine junge Frau in einem Fetzen aus blauem Satin. Gäste bittet sie in das erste, rechts vom Flur gelegene Zimmer. Das breite Bett ist mit einem etwas verwaschenen orangefarbenen Spannbettuch bezogen. Am Kopfende sieht man sich in einem XXL-Spiegel. In einer Zimmerecke hängt ein Kalender mit Thai-Mädchen.

          Handelt es sich nun um ein Bordell, einen bordellähnlichen Betrieb, eine Terminwohnung oder ein Laufhaus? Das ist die Frage. Denn die genaue Art der Nutzung dieser Räume könnte am Ende darüber entscheiden, ob das älteste Gewerbe der Welt dort überhaupt erlaubt ist.

          In Aschaffenburg bieten gegenwärtig 35 bis 40 Frauen ihre Liebesdienste an
          In Aschaffenburg bieten gegenwärtig 35 bis 40 Frauen ihre Liebesdienste an : Bild: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt

          Verbot von Straßen-Prostitution

          Ist es nicht, meinen einige Aschaffenburger. Und Bruno Geißel von der Stadtverwaltung tut, was er tun muß. „Es ist ein Verwaltungsverfahren gegen die Betreiber eingeleitet worden“, sagt er. „Aber wir sind noch nicht in der Phase der Entscheidung.“ Der Mann gibt sich zugeknöpft. „Alles, was ich sage, kann eines Tages gegen mich verwendet werden.“ Daß er als der Vertreter der Unteren Bauaufsichtsbehörde - und nicht etwa das Ordnungsamt - diesen Kampf führt, hängt mit der „Liberalitas Bavariae“, der Rechtsprechung im Freistaat, zusammen.

          „Zum Schutze der Jugend und des öffentlichen Anstandes“ hatte die Regierung von Unterfranken 1977 gemäß dem Wunsch der Stadt eine Sperrbezirksverordnung erlassen. Sie verbot die Prostitution auf der Straße grundsätzlich und untersagte sie auch in den Wohnungen, die in dem von den Bahnlinien und dem Main begrenzten innerstädtischen Gebiet Aschaffenburgs lagen. „Massive Beschwerden der Anwohner“ führten Mitte der neunziger Jahre bei den Kommunalpolitikern zur Auffassung, daß es mit der käuflichen Liebe außerhalb des Sperrbezirkes arg übertrieben werde.

          Wie es hieß, gingen in der damals rund 67.000 Einwohner zählenden Stadt rund zwanzig Prostituierte regelmäßig diesem Gewerbe nach. Die beiden großen Fraktionen im Rat waren entschlossen, dem Treiben mit einer neuen Verordnung Einhalt zu gebieten. Diese begrenzte die Prostitution auf fünf kleine Areale in den unterschiedlichen Stadtteilen. Der Clou: Bei genauem Hinsehen stellte sich heraus, daß es in diesen Gebieten praktisch kaum möglich war, Räume anzumieten, die sich für ein Bordell oder Wohnungsprostitution eigneten.

          Prostitution in größeren Städten „unvermeidbar“

          Prompt fühlte sich eine alteingesessene Prostituierte in ihren Rechten verletzt und zog vor den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof. Was niemand erwartet hatte: Der 24. Senat machte sich die Mühe, die einzelnen „Toleranzzonen“ einer genauen lokalen Prüfung zu unterziehen - und kam zu dem Ergebnis, daß sie zu klein und ungeeignet seien. Prostitution sei in größeren Städten wie Aschaffenburg „herkömmlicherweise unvermeidbar“, hieß es in dem Urteil vom Juni 1998. Darum müßten die Toleranzzonen das Gewerbe tatsächlich aufnehmen können, um auf diese Weise „ein unerwünschtes Abgleiten in die Illegalität zu verhindern“. Die Klägerin bekam recht, und die Stadt hat seit dieser Zeit keinen Sperrbezirk mehr.

          Als juristische Grundlage für den Umgang der Stadt mit der „In-door-Prostitution“ ist das Bauordnungsrecht geblieben. In Wohngebieten ist der käufliche Sex tabu. In Gewerbegebieten ist er in der Regel erlaubt. Kompliziert wird es in den Mischgebieten. Und genau darum handelt es sich bei dem Abschnitt an der Würzburger Straße. Michael Lux-Krönig hat fast das ganze Gebäude gepachtet. Den Club im Erdgeschoß hat er weitervermietet, wie er sagt. Für ihn selbst „arbeiten“ in den oberen Geschossen fünf Frauen. Der dreiundvierzigjährige Aschaffenburger ist nach eigenen Angaben in der Immobilienbranche tätig. Die dort herrschende Flaute habe ihn vor ein paar Jahren veranlaßt, sich auch nach anderen Einnahmequellen umzusehen. Er spricht von einem „ehrlichen und sauberen Geschäft“.

          Vor der Eröffnung seines Hauses im April des vergangenen Jahres habe er „alle möglichen Stellen“ in Aschaffenburg verständigt, so Lux-Krönig. Feuerwehr und Polizei hätten das Gebäude in Augenschein genommen und keine Einwände gehabt. Erst jetzt habe das Bauordnungsamt ihm mitgeteilt, daß er gegen Auflagen verstoßen habe. Diese kenne er aber gar nicht. Lux-Krönig schätzt, daß in Aschaffenburg gegenwärtig 35 bis 40 Frauen ihre Liebesdienste anbieten. Weil sich in einer halben Stunde hundert Euro brutto verdienen ließen - deutlich mehr als etwa in Frankfurt -, sei die Zahl der Prostituierten deutlich gestiegen. Die Stadt, so Lux-Krönig, wolle die Entwicklung aber nun stoppen, indem sie gegen ihn vorgehe. „Weil ich der Größte bin.“

          Weitere Themen

          Wie kühlen wir unsere Städte?

          Anpassung an den Klimawandel : Wie kühlen wir unsere Städte?

          Erst langsam wird vielen klar, was der Begriff Klimaanpassung eigentlich bedeutet. Nämlich: sich für eine Zukunft zu rüsten, die unausweichlich kommen wird. Und damit Leben zu retten.

          Topmeldungen

          Wer traut sich bei großer Hitze noch auf die Straße?  Die fast menschenleere Ben-Gurion-Straße am Potsdamer Platz (Archivbild)

          Anpassung an den Klimawandel : Wie kühlen wir unsere Städte?

          Erst langsam wird vielen klar, was der Begriff Klimaanpassung eigentlich bedeutet. Nämlich: sich für eine Zukunft zu rüsten, die unausweichlich kommen wird. Und damit Leben zu retten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.