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Projekt „Eigenlogik der Städte“ : Neue Blicke auf die Stadt

Schaut auf die Stadt: Die Darmstädter Soziologin Martina Löw Bild: Michael Kretzer

Die Soziologin Martina Löw leitet an der Technischen Universität Darmstadt den Loewe-Schwerpunkt „Eigenlogik der Städte“. Sie will etwa herausfinden, warum sich Bewohner verschiedener Städte voneinander unterscheiden.

          3 Min.

          Ausgerechnet in einem amerikanischen Reiseführer über Frankfurt hat Michael Herl, der Leiter des Frankfurter Stalburg-Theaters und Autor der „Heimatkunde Frankfurt“, den Satz gefunden: „People in Offenbach are different“. Ein Satz, den jeder Frankfurter unterschreiben würde. Martina Löw vermutlich auch. Dass Städte sich unterscheiden und ihre Bewohner auch, ist eine Binsenweisheit. Bislang aber war niemand wirklich gezielt der Frage nachgegangen, warum das so ist und welche Schlüsse daraus gezogen werden können. Doch untersuchen das seit dem vergangenen Jahr 29 Darmstädter Hochschullehrer mit ihren Teams unter Löws Leitung.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Soziologin, seit 2002 Professorin an der Technischen Universität (TU) Darmstadt, leitet dort den Forschungsschwerpunkt Stadtforschung. Außerdem ist sie die Koordinatorin des 2008 begründeten Loewe-Forschungsschwerpunkts „Eigenlogik der Städte“ an der TU, die dafür mit der Hochschule Darmstadt kooperiert. Ausgestattet mit knapp drei Millionen Euro für zunächst für drei Jahre, mit der Option, um zwei Jahre zu verlängern, erforschen Soziologen und Philosophen, Architekten, Ingenieure und Literaturwissenschaftler gemeinsam die Strukturen von Städten, ihre Ähnlichkeiten und auch ihr Konkurrenzverhalten. Dazu kommt die Doktorandenschule „Urbangrad“, in der die ersten Dissertationen entstehen.

          Buch zur „Soziologie der Städte“

          Der Loewe-Schwerpunkt trägt dabei schon einen Schlüsselbegriff im Titel, den Löw, die zuletzt das vielbeachtete Buch „Soziologie der Städte“ (Suhrkamp Verlag, 2008) vorgelegt hat, maßgeblich geprägt hat. Mit „Eigenlogik“ meint sie, dass die Struktur einer Stadt sich auf deren Bewohner auswirkt, die Stadt sich so gewissermaßen in die Körper ihrer Bewohner einschreibt. Dass der positive oder negative Blick etwa auf geographische Gegebenheiten die Stimmung in einer Stadt prägen, dass Melancholie oder Optimismus damit zusammenhängen, ob die Bürger einer Stadt aktiv an deren Gestaltung teilhaben, sind Forschungsergebnisse, die in einzelnen Städtestudien und -vergleichen zum Teil schon erbracht worden sind.

          In den drei interdisziplinären Forschergruppen wird nun etwa betrachtet, wie Wiesbaden und Mainz sich durch ihre geologische Substanz und historische Entwicklung unterscheiden, und wie die beiden Städte, am Beispiel des Wasser-Managements, mit Nachhaltigkeit umgehen. Die zweite Forschergruppe untersucht unter anderem, wie städteplanerische Prozesse ablaufen. Löw, die sich seit ihrer Dissertation mit Raumsoziologie beschäftigt, ist hauptsächlich in derjenigen der drei Loewe-Forschergruppen tätig, die das Konzept „Eigenlogik“, die begrifflichen und methodischen Grundlagen dieser Form der Stadtforschung, noch genauer auszuarbeiten. Größe, Dichte und Heterogenität sind die Kriterien, mit denen Löw und ihre Kollegen Städte bestimmen und unterscheiden wollen. Denn Vergleiche sind wesentlicher Teil der Arbeit, um die Eigenlogik der Städte zu definieren. Dazu muss auch ein Theoriegerüst gebaut werden.

          Der Stadt etwas zurückgeben

          Löw, die als Soziologin seit geraumer Zeit einen Zweig beforscht, der in ihrer Disziplin bislang wenig beachtet wurde, weiß, wie schwierig das ist. Früher zum Beispiel hatten stadtsoziologische Forschungen kaum definiert, was sie denn eigentlich unter „Raum“ verstehen, wie Löw sagt. Denn meist habe die Soziologie die Stadt erforscht, um etwas über die Gesellschaft herauszufinden. Löw hingegen interessiert die Stadt selbst als Forschungsgegenstand. Auch wenn aus dem Loewe-Schwerpunkt keine „Therapien“ für einzelne Städte werden sollen, könne das eine oder andere praktische Ergebnis dabei abfallen, glaubt Löw.

          Dass Darmstadt Sitz eines solchen auch im internationalen Vergleich neuartigen Forschungsschwerpunktes ist, passt: Nach dem Krieg war Darmstadt Gegenstand großer soziologischer Studien der Unesco – und Löw selbst hat schon etliche Male Untersuchungen in der Stadt angestellt, etwa mit ihren Studenten die Besucherakzeptanz des Staatstheaters untersucht oder die Gesprächsreihe „Typisch Darmstadt!“ betreut. „Ich glaube, wir haben die Verantwortung, der Stadt, in der wir arbeiten und viel bekommen, auch etwas zurückzugeben.“

          Auch afrikanische Kommunen im Blick

          Ihr Ziel mit dem Loewe-Schwerpunkt, der durch weitere Forschungsprogramme, die schon beantragt werden, gestärkt und verlängert werden soll, ist eine Typologie der Städte. So soll es möglich werden, „Familien“ strukturell ähnlicher Städte zusammenzustellen. Löw ist sich sicher, dass dabei Städte in einen Typus fallen, bei denen man keine Gemeinsamkeiten vermutet hätte. Um eine solche Typologie zu erstellen, „muss man über sehr viele Städte sehr viel wissen“, sagt Löw.

          Derzeit konzentrieren sich die Projekte des Loewe-Schwerpunkts auf Deutschland, auch Großbritannien wird untersucht. Aber es gibt schon Kontakte, etwa zu den Afrikawissenschaftlern der Universität Frankfurt, die es ermöglichen sollen, die Forschungen auszudehnen. Denn gerade in Gebieten der Welt, die nicht durch eine nationalstaatliche Tradition geprägt sind wie Europa, ist die Eigenlogik der Städte anders ausgeprägt, wie Löw sagt. Sie selbst wird untersuchen können, wie es mit den brasilianischen Städten steht: Im Herbst wird sie einige Zeit in Salvador de Bahia lehren und forschen.

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