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Buch zur Mainzer Fastnacht : Heile, heile Gänsje, ’s is bald widder gut

Historische Narren: Am Rosenmontag im Jahr 1888 zog ein Elefanten-Motivwagen durch die Stadt. Bild: Stadtarchiv Mainz

Die ganze Fastnacht in einem Prachtband: Ein neuer, äußerst bildhafter Rückblick auf das närrische Treiben von 1837 bis 2020 könnte helfen, die ereignisarme aktuelle Kampagne besser zu verkraften.

          3 Min.

          Irgendwas geht immer. Und so haben sich am Neujahrsmorgen 2021, trotz bundesweiten Versammlungsverbots, doch eine Handvoll Traditionalisten in der Mainzer Innenstadt zusammengefunden. Als Solo-Spaziergänger machten sie sich nacheinander auf den Weg durch jene Straßen und Gassen, die beim Umzug der Garden normalerweise von Tausenden, oftmals noch müdgesichtigen Zuschauern flankiert werden, um die bevorstehende Fastnachtskampagne zu starten.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Vorneweg marschierte diesmal Bernd Frank als Vertreter der seit ihrer Gründung 2014 ohnehin nur aus einem einzigen Mitglied, nämlich ihm selbst, bestehenden Meenzer Jägergarde; dahinter folgten mit gebührendem Abstand und auf einer fast menschenleeren Strecke noch fünf Mund- und Nasen-Schutz tragende Ranzengardisten. Das war es für 2021 dann auch schon mit dem ersten Akt des eigentlich bis Aschermittwoch andauernden Narrenspiels.

          „Kulturgeschichtliches Phänomen“

          Was in der vom Coronavirus ausgebremsten Kampagne sonst noch alles fehlen wird – ein Prinzenpaar etwa, der Rosenmontagszug nebst Motivwagen, die Weiberfastnacht auf dem Schillerplatz oder die oftmals bis zu sechs Stunden dauernden Narrenschauen –, das bringt ein frisch gedrucktes und mit vielen Bildern versehenes Grundlagenwerk in Erinnerung: Auf 352 Seiten lassen Diether Degreif und Werner Winter unter der ebenso schlichten wie anspruchsvollen Überschrift „Mainzer Fastnacht 1837–2020“ bessere, zumindest aber deutlich ereignisreichere und für die Anhänger von „Gott Jokus“ auch heiterere Jahre Revue passieren.

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          Die Herausgeber, beide sind seit sieben Jahrzehnten selbst Gardisten, haben sich noch kompetente Mitstreiter gesucht, um ein „kulturgeschichtliches Phänomen“ in all seinen Facetten zu beschreiben und zu erklären. Eine Frage allerdings bleibt auch diesmal unbeantwortet: Warum die Mainzer so viel Wert darauf legen, Fastnacht zu feiern und nicht etwa Karneval wie die Kölner Konkurrenz. Wo die ausrichtenden Organisationen, hier wie da, in aller Regel doch den Carneval oder Karneval im Namen tragen. Fastnachtsvereine, die sich ebenso nennen, findet man in Mainz jedenfalls kaum.

          Ansonsten werden viele mehr oder weniger wichtige Fragen beantwortet: zum Beispiel wie viele Kellner, nämlich rund 100, dereinst notwendig waren, um die bis zu 5000 Besucher in der 1884 eröffneten Stadthalle mit Nachschub aus dem direkt unter der Narrhalla gelegenen Weinkeller zu versorgen. Oder wie es zu dem am Fastnachtssonntag meist rappelvollen Gardegottesdienst im Dom gekommen ist, wie eine „Stehung“ abläuft und was es mit dem „Krähwinkler Landsturm“ von 1837 auf sich hatte, aus dem heraus sich die Ranzengarde entwickelte. Wie alle später entstandenen Garden und Fastnachtsvereine sollte sie sich für eine „Veredlung des Brauchtums“ einsetzen und dem bis dahin wilden Treiben unter dem Motto „Fastnacht ist keine Fronleichnamsprozession“ Einhalt gebieten.

          Gemalte Fastnacht: undatiertes Aquarell von einem Umzug mit dem Dom im Hintergrund.
          Gemalte Fastnacht: undatiertes Aquarell von einem Umzug mit dem Dom im Hintergrund. : Bild: Landesmusueum Mainz / Ursula Rudischer

          Was aus alledem geworden ist, zeigt das aufwendig gestaltete Buchexemplar anhand etlicher Fotos von Umzügen, Aufmärschen und Sitzungen. Wobei die ausgewählten Ansichten, ebenso wie die eingestreuten Aquarelle des Heimatmalers Alfred Mumbächer und das sich über insgesamt 20 Buchseiten hinziehende „Unbekannte Leporello des Mainzer Carneval-Zugs von 1859“ vor allem die schönen Seiten der Fastnacht zeigen. Ergänzt werden sie durch Postkarten, Plakate und Liedertexte wie dem von Ernst Neger seinerzeit unvergesslich interpretierten „Heile, heile Gänsje, ’s is bald widder gut“ – das in Corona-Zeiten vielen Fastnachtern sehr aktuell zu sein scheint.

          Von Alkoholexzessen und den schier unvermeidlichen Müllbergen am Rosenmontag ist dagegen nichts zu sehen. Und zu der Rolle der „Fastnachter unterm Hakenkreuz“, die am liebsten auf ihre aufmüpfigen Redner wie Martin Mundo und Seppel Glückert verweisen, erfährt man ebenfalls nicht viele Neues. Gleichwohl mag die Rückschau auf die „gute alte Fassenacht“ helfen, die Kampagne 2021 zu überstehen, in der es laut ARD zwar eine abgespeckte Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“, ansonsten aber allenfalls einige Internetformate geben soll, über deren tatsächlichen Unterhaltungswert sich spekulieren lässt. Der Buchpreis von 59 Euro wird jene nicht schrecken, die im wahren Leben leicht das Doppelte hinblättern müssten, um bei einer echten Sitzung für ein paar Stunden von Corona & Co. abschalten zu können.

          Mainzer Fastnacht 1837–2020. Herausgegeben von Diether Degreif & Werner Winter, Winter Publishing Company, Heusenstamm 2020. 59 Euro. Mail-Kontakt winterweb@t-online.de.

          In diesem Jahr undenkbar: „Rosenmondnacht“ auf dem Schillerplatz und der Ludwigsstraße im Jahr 2017
          In diesem Jahr undenkbar: „Rosenmondnacht“ auf dem Schillerplatz und der Ludwigsstraße im Jahr 2017 : Bild: Thomas Gottfried

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