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Porträt: Rudolf Egg : „Es wird nicht alles nur schlimmer“

Einer der am häufigsten gefragten Kriminologen Deutschlands: Rudolf Egg Bild: F.A.Z. - Frank Röth

Kannibalismus, sexuelle Ausbeutung von Kindern, Amok: Das ist die Welt von Rudolf Egg. Der Kriminologe blickt regelmäßig in die Abgründe des menschlichen Wesens - aber er will optimistisch bleiben.

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          Die Rücken der Leitz-Ordner deuten auf eine unappetitliche Materie hin. „Kannibalismus“ steht auf einem, „Sexuelle Ausbeutung von Kindern“ und „Amok“ auf anderen. Das ist die Welt des Rudolf Egg. In seinem Büro blickt er unentwegt in die Abgründe der menschlichen Natur. Verzweifelt ist er daran aber offenkundig nicht – wer grausame Mörder als „Monster“ bezeichnet, wird von ihm jedenfalls prompt zurechtgewiesen.

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle von Bund und Ländern ist dafür verantwortlich, dass Politiker, Behördenleiter und Praktiker der deutschen Justiz mit anwendbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen versorgt werden. Wenn beispielsweise neue Strafrahmen für unterschiedliche Vergehen festgelegt werden, kann Egg mit Studien dienen, in denen die abschreckende Wirkung einzelner Sanktionen empirisch untersucht wird. Aber auch immer mehr Zeitungsleser und Fernsehzuschauer profitieren von seinem Wissen, denn spätestens seit den Amokläufen von Erfurt, Emsdetten und Winnenden zählt der Sechzigjährige zu den am häufigsten gefragten Kriminologen Deutschlands.

          Über die Sozialtherapie von Straftätern habilitiert

          „Ich habe das selbst sogar ein bisschen forciert“, bekennt Egg. Als er 1997 Direktor geworden sei, hätten Bund und Länder gerade eine kritische Diskussion über die Existenzberechtigung seines Hauses abgeschlossen. Und so habe er beschlossen, die Leistungen der Zentralstelle bei jeder Gelegenheit öffentlich zu dokumentieren.

          Gegründet wurde sie 1986. Im Ringen um den Sitz konnte Wiesbaden als Standort des Bundeskriminalamts mit einem guten Argument aufwarten. Heute haben in dem sichtlich in die Jahre gekommenen Gründerzeithaus an der vornehmen Viktoriastraße neun Angestellte einen festen Arbeitsplatz. Studentische Hilfskräfte und weitere Mitarbeiter mit befristeten Verträgen kommen hinzu, wenn für besondere Projekte Drittmittel fließen. Die Finanzminister behandeln die Einrichtung, in der ihre Regierungen alle nur ein wenig mitzureden haben, mit Strenge: Sie haben Kürzungen des Etats beschlossen.

          Der Weg des gebürtigen Nürnbergers Egg an die Spitze des Hauses weist nur eine Kurve auf: Er hat in Erlangen Psychologie studiert und sich in seiner Diplomarbeit mit dem Kurzzeitgedächtnis auseinandergesetzt. In Kontakt mit dem Thema Kriminalität kam er erst, als er im Auftrag eines Professors Häftlinge einer therapeutischen Anstalt interviewte. „Da hat mich die ganz eigene Welt des Gefängnisses gepackt.“ Sowohl in seiner Doktorarbeit als auch in der Habilitation setzte Egg sich dann mit der Sozialtherapie von Straftätern auseinander.

          Für die in der juristischen Fakultät angesiedelte Disziplin der Kriminologie hat er eine eigene Definition. „Der Stoff ist das Strafrecht, die Methoden entstammen den Sozialwissenschaften.“ An der Universität in Erlangen hält Egg inzwischen regelmäßig Hauptseminare ab. Während die „außerplanmäßige“ Professur ihm nur den stolzen Titel einbringt, wird seine Nebentätigkeit als Gutachter für Gerichte und Gefängnisse vergütet. Die dazu neben dem Aktenstudium erforderlichen Gespräche mit den Gefangenen sind für den Vater von zwei erwachsenen Kindern mehr als eine unangenehme Pflichtübung. Damit verbinde sich kein Lustgewinn, sondern das Interesse des Psychologen, erklärt Egg. Er will herausfinden, mit welchen Mitteln man dem Gescheiterten „wieder auf den Weg helfen“ kann.

          Sexual- und Gewaltverbrecher als Klientel

          Dabei ist er auf sehr tragische Lebensläufe gestoßen: „Die Täter sind oft auch Opfer gewesen.“ Dass diese Position nicht unumstritten ist, weiß Egg. Aber die Kritiker, die etwa die eigene „schwere Kindheit“ ins Feld führten, hätten in vielen Fällen keine Vorstellung davon, wie schlimm die Erfahrungen seien, die manche Täter in ihrer Jugend gemacht hätten.

          Egg erstellt Prognosegutachten, in denen er sich dazu äußert, ob Gefangenen Hafterleichterungen zugebilligt oder sie gar vorzeitig entlassen werden können. Sexualverbrecher und Gewaltstraftäter sind seine Klientel: „Mir geben sie nur die komplizierten Fälle.“ Dabei sei es ihm bisher aber nicht passiert, dass beispielsweise ein Mörder auf seinen Rat hin entlassen und anschließend rückfällig geworden wäre.

          Seinen politischen Standpunkt umschreibt Egg mit einem historischen Rückgriff: Von dem politischen Aufbruch der 1969 gebildeten sozialliberalen Koalition sei er als Student sehr angetan gewesen. Aber inzwischen seien ja auch schon wieder drei Jahrzehnte vergangen. Wer sein halbes Leben lang mit Politikern der unterschiedlichsten Couleur zu tun hat, äußert sich, wenn es darauf ankommt, mit besonderer Umsicht. Der Franke glaubt einerseits, dass er sich die Straftäter, um deren Zukunft es gehe, mit zunehmendem Alter kritischer anschaut. Andererseits bemüht er sich, positiv zu denken. „Ich will mir meinen Optimismus nicht nehmen lassen. Man braucht ja auch die Lichtblicke.“

          Aufmunternd können auch die Statistiken wirken, die in der Kriminologischen Zentralstelle jederzeit in Massen abrufbar sind. Mit ihnen kann Egg zum Beispiel belegen, dass die Zahl der Mordfälle in den zurückliegenden drei Jahrzehnten deutlich zurückgegangen ist. Auch schwere Sexualverbrechen kämen heute bei weitem nicht so oft vor wie etwa in den siebziger Jahren, weiß er: „Es wird nicht alles nur schlimmer.“

          Das Phänomen der Amokläufe nimmt Egg von dieser Sichtweise allerdings aus. Die Tragödien von Erfurt, Emsdetten und Winnenden betrachtet er als gefährliche Serie, die Trittbrettfahrer, schlimmstenfalls sogar Nachahmungstäter auf den Plan rufe. Er warnt aber vor übereilten gesetzgeberischen Reaktionen. Denn für die Tat selbst hätten die Fachleute bisher kaum eine Erklärung. „Wir wissen nicht wirklich, warum ein Siebzehnjähriger so etwas tut.“

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