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Porträt : Der frühere hessische Innenminister Gottfried Milde wird 70 Jahre alt

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Das Leben eines Pensionärs kann mit Ruhestand ganz falsch bezeichnet sein, auch ohne dabei an die mit amüsierter Abschätzigkeit geäußerte Redensart vom Rentner, der nie Zeit habe, zu denken. Ein Beispiel dafür bietet Gottfried Milde, der andiesem Mittwoch 70 Jahre alt wird.

          Das Leben eines Pensionärs kann mit Ruhestand ganz falsch bezeichnet sein, auch ohne dabei an die mit amüsierter Abschätzigkeit geäußerte Redensart vom Rentner, der nie Zeit habe, zu denken. Ein Beispiel dafür bietet Gottfried Milde, der andiesem Mittwoch 70 Jahre alt wird. Der gebürtige Breslauer, der in Unterfranken aufwuchs und in den sechziger Jahren in Griesheim bei Darmstadt heimisch wurde, engagiert sich noch als sogenannter Ruheständler in so vielen Ämtern und Funktionen, wie sie der durchschnittliche Zeitgenosse in seinem gesamten Leben nicht zusammenbringt.

          Er ist Bundesvorsitzender der Deutschen Multiple Sklerose (MS) Gesellschaft und stellvertretender hessischer Landesvorsitzender dieser Organisation, Ehrenvorsitzender der Stiftung European Business School in Oestrich-Winkel, Vorsitzender des Freundeskreises des St.-Katharinen-Krankenhauses in Frankfurt, Beiratsmitglied der Gemeinnützigen Gesellschaft der Katharinenschwestern in Münster (Westfalen) und Delegierter der CDU auf Kreis-, Landes- und Bundesebene.

          Außerdem erwähnt er seine "Mitarbeit" beim CDU-Landesverband Hessen. Dahinter verbirgt sich der Vorsitz des Ausschusses, der die Landesliste der Partei für Landtags-, Bundestags- und Europawahlen aufstellt, eine höchst knifflige Aufgabe, die zur allgemeinen Zufriedenheit zu erfüllen eine Persönlichkeit von ausgleichendem Wesen erfordert, der zudem nichts Innerparteiliches fremd ist.

          Jemand mit derart weitverzweigten Aktivitäten steht eigentlich noch mitten im Leben. Und so sieht er sich wohl auch selbst, wie etwa am Briefbogen kenntlich wird. Dort ist nicht etwa "Staatsminister a.D." oder etwas ähnlich Rückwärtsgewandtes zu lesen. "Gottfried Milde, Rechtsanwalt" lautet die Anschrift, ganz im Hier und Heute.

          Tatsächlich war der Jurist, der in Frankfurt und Würzburg studierte und anschließend zwei Jahre als Staatsanwalt für Wirtschaftskriminalität in Darmstadt wirkte, den weitaus größten Teil seines Erwachsenenlebens Politiker. 1961 war er in die CDU eingetreten, 1966 wurde er zum ersten Mal in den Hessischen Landtag gewählt, dem er dann 24Jahre lang angehörte. Davon war Milde 13 Jahre lang Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion. Zusammen mit Manfred Kanther, Geschäftsführer der Fraktion wie der Landespartei, bildete er ein höchst wirkungsvolles Gespann. Als schwacher Redner überließ er die rhetorisch blendenden Auftritte dem Fraktionskollegen Kanther. Milde hielt derweil die Fraktion zusammen und sorgte für die nötigen Kompromisse.

          "Papa Milde" nannten ihn, der ein offenes Ohr auch für persönliche Kümmernisse der Kollegen hatte, vor allem die jüngeren Abgeordneten. Die CDU-Landesvorsitzenden Alfred Dregger und Walter Wallmann konnten sich auf Milde stets verlassen, auch darauf, daß er ihre Führungsrolle nicht in Frage stellen würde.

          1987 hatte sich der jahrzehntelange Kampf der CDU in ihrer scheinbar ewigen Opposition im "roten Hessen" doch noch gelohnt. Der Sieg bei der Landtagswahl und die anschließend mit der FDP geschlossene Koalition brachten auch einen Rollenwechsel für Milde. Er nahm Platz auf der Regierungsbank, wurde Innenminister. Es war die Krönung seines politischen Lebens und zugleich der Anfang von seinem Ende.

          Im November 1990 trat Milde zurück, nachdem er im Landtag aus einem geheimen Abhörprotokoll der Polizei zitiert hatte. Er beging den Rechtsverstoß, um die Ehre des Regierungschefs Wallmann, den er auch als seinen Freund bezeichnete, gegen verleumderische Angriffe zu schützen. Milde trat zurück, aber hat zugleich stets keinen Zweifel daran gelassen, daß er seine Handlung als gerechtfertigt ansieht. Es dürfte kein Zufall sein, daß er damit an Kanther erinnert, der sich auch keiner Schuld bewußt ist. Milde tat nach seinem Rücktritt etwas, das oft gefordert und selten in die Tat umgesetzt wird: Er wechselte in die Wirtschaft. Als Vorstandsmitglied der Nestle Deutschland in Frankfurt, unter anderem zuständig für Personal, sammelte er neue Erfahrungen, unter anderem die, nicht wie als Politiker dauernd eine Arbeit unterbrechen zu müssen.

          Gottfried Milde ist nicht zuletzt ein Familienmensch. Mit seiner Frau Eva hat er vier Kinder, darunter einen Sohn, der ebenfalls Gottfried heißt und sich in der Politik einen Namen gemacht hat. In der CDU-Landtagsfraktion gehört der Junior inzwischen zu den stellvertretenden Vorsitzenden und ist finanzpolitischer Sprecher. Der Senior nannte es seinen größten Wunsch, "daß unsere Familie zusammenbleibt". Schon der Gedanke an Entfremdung ist ihm "unerträglich". a.k.

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