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Urbane Architektur im Odenwald : Steht ein Pop-up in der Provinz

Fachwerker: Architektenpaar Werner Schulz und Kerstin Schultz in dem von ihnen entworfenen Biergarten in Erbach Bild: Samira Schulz

Es ist für seine Architekten ein Symbol: das Pop-up-Ensemble im Odenwald. Sie wollen den ländlichen Raum stärken. Die Zukunft liege im Grünen, sagen sie.

          5 Min.

          Eine Schönheit ist es nicht: das Ensemble aus altem Fachwerkhaus mit Anbau, Überresten eines Kuhstalls, früherem Schlachthaus, gepflastertem Hof und hochgewachsenen Bäumen. Die Fassadenschindeln sind verdreckt, das Unkraut kämpft sich durch die Pflastersteine, die Brandmauer ist grau und fleckig. Dass die Gebäude schon seit einigen Jahren leer stehen, sieht man ihnen an. Und auch, dass an ihnen immer wieder gewerkelt, ausgebessert und umgebaut wurde. Sie tragen Spuren, diese Häuser und Schuppen. Und die sollen sie auch behalten, obwohl hier gerade etwas Neues beginnt.

          Alexander Jürgs

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aus einfachem Bauholz, heller Fichte, sind Bänke, Tische, eine Bar, quadratische Hocker, eine Pergola entstanden. An einem Zaun zum Fluss hin, der Mümling, lehnen die knallgrünen Holzbuchstaben, die den Schriftzug „Brücke7“ bilden. Es ist der Name des neuen Lokals, einer Mischung aus Sommerbar und Biergarten. Zu essen gibt es Bowls, Falafel und Hummus, der Koch stand früher bei Johann Lafer hinterm Herd, das Ganze wirkt improvisiert, lässig, urban. Man kann sich gut vorstellen, dass ein Ort wie dieser, sobald er in Berlin-Kreuzberg, im Hamburger Stadtteil Ottensen oder in Offenbach aufmacht, vom ersten Tag an überrannt wird. Aber im beschaulichen Odenwaldstädtchen Erbach? Dort ist solch eine Szenebar ein Wagnis. Und die Architektur, die erst einmal wirkt, als wäre sie für ein hippes Kunstfestival erdacht worden, erst recht.

          Pop-up-Biergarten geplant

          Kerstin Schultz und Werner Schulz haben die Verwandlung der Brache zwischen Erbacher Alt- und Neustadt, rund um das frühere Gasthaus „Zur Traube“, in einen Pop-up-Biergarten geplant. Liquid Architekten heißt das Büro, das die beiden 1998 in Darmstadt gegründet haben. Dafür, dass sie Leerstände zu nutzen wissen, dass sie für Orte, die vielen erst einmal unwirtlich vorkommen, kreative Lösungen entwickeln, sind sie bekannt. Und auch dafür, dass sie ein Faible für die ländlichen Regionen haben, dass sie die Provinz mit ausgefallener Architektur versorgen. Zu zeigen, dass auch auf dem Land Ungewöhnliches entstehen kann, ist ihnen einen Anliegen. „Dass innovative Gebäude nur in der Stadt eine Chance haben, das stimmt einfach nicht“, sagt Kerstin Schultz.

          Im Garten des neuen Biergartens erzählt die Zweiundfünfzigjährige davon, in welch kurzer Zeit das Projekt entstanden ist. Erst im vergangenen Spätherbst sind die Eigentümer des Grundstücks, der Koch Chris Keylock und Liquid Architekten zusammengekommen. Dass die Sommerbar kein Wurf für die Ewigkeit werden soll, stand schnell fest. Etwas ausprobieren, improvisieren, den Ort und seine Geschichte nicht ausradieren, nicht kaputtsanieren: Das war den Architekten von Anfang an wichtig.

          Ihr Entschluss, dabei mit einfachsten Baustoffen zu arbeiten, war eine bewusste Entscheidung. „Uns geht es darum, auszutesten, wie wenig man braucht, um gute Architektur zu schaffen“, sagt Kerstin Schultz. „Nicht alles muss perfekt sein: Das ist unsere Haltung.“

          Seit 2011 lebt das Architektenpaar selbst im Odenwald, in Laudenau, einem Dorf mit nicht einmal 400 Einwohnern. Ganz am Ortsrand liegt ihr Haus, das sie selbst entworfen haben: winkelförmiger Baukörper, viel Glas, viel Licht und Durchblicke, Rohbeton. Und rundherum Wiesen voll bunter Blumen, sanfte, grüne Hügel, die Felder, der mächtige Wald. Zum Niederknien idyllisch.

          Das Haus in Laudenau ist für die Architekten nicht nur Wohnort, sondern auch Sitz ihres Büros, in dem sie und vier Mitarbeiter tätig sind. „Dass wir auch mit dem Büro aus Darmstadt weggezogen sind, haben wir nie bereut“, erzählt Werner Schulz. Klienten kämen gerne in Laudenau vorbei, verbänden den Termin mit einem Ausflug in die Natur. Kerstin Schultz pendelt tageweise nach Darmstadt, wo sie an der Hochschule eine Professur hat. „Wir leben hier doch mittendrin“, sagt sie. Mannheim, Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt: Keine dieser Städte ist weit, jede erreicht sie mit dem Auto binnen einer Stunde.

          Trotzdem wollen viele nicht verstehen, warum es das Paar in die Provinz gezogen hat. „Für die meisten Städter ist das noch immer unvorstellbar“, sagt der 55 Jahre alte Werner Schulz. „In ihrer Denkwelt ziehen höchstens Aussteiger aufs Land.“ Vielen fehle es auch an der Bereitschaft, sich mit den Lebensformen im ländlichen Raum zu beschäftigen, die Qualitäten, die das Landleben bietet, zu erkennen: die Ruhe, die Natur, das Draußensein. „Dass ich vor dem Arbeiten eine Runde reiten gehe, das geht nur hier“, sagt Kerstin Schultz.

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