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Urbane Architektur im Odenwald : Steht ein Pop-up in der Provinz

Für die beiden war die Entscheidung, in das Dorf fernab vom Schuss zu ziehen, auch eine Flucht aus dem, was sie die eigene Blase nennen. „In der Stadt dreht man sich doch meist nur um sich selbst“, sagt Werner Schulz. „Alle haben studiert, alle haben die gleichen Haltungen, alle tragen die gleichen Klamotten.“ Auf dem Land dagegen lerne er ständig Menschen kennen, die ein anderes Leben führten als er selbst, die sich mit anderen Themen, anderen Fragen beschäftigten. „Wenn ich zum Dorfstammtisch gehe und keiner mit mir über Architektur diskutieren will, dann tut mir das gut“, sagt Werner Schulz.

Plötzlicher Digitalisierungsschub

Doch ist das Misstrauen gegen ein Leben auf dem Land überhaupt noch so groß, wie das Architektenpaar es wahrnimmt? Verändert sich die Situation, beschleunigt durch die Corona-Pandemie, im Moment nicht sowieso? Wo viel Weite ist, da ist schließlich wenig Infektionsgefahr. Und während den Familien in der Stadt im Lockdown in ihren oft engen Wohnungen die Decke in den vergangenen Wochen allzu häufig auf den Kopf fiel, hielten die Einschränkungen auf dem Land sich in Grenzen. Auf den Immobilienportalen soll sich der Trend einer neuen Stadtflucht jedenfalls schon bemerkbar machen. Seit dem Beginn der Corona-Krise werde dort deutlich häufiger nach Häusern in der Provinz gesucht, heißt es etwa beim Marktriesen Immobilienscout24. Kippt das Stigma, dass die Zukunft im urbanen Raum stattfindet, womöglich gerade?

In den letzten Zügen: Der neue Biergarten „Brücke 7" in Erbach, entworfen von den Architekten Kerstin Schultz und Werner Schulz
In den letzten Zügen: Der neue Biergarten „Brücke 7" in Erbach, entworfen von den Architekten Kerstin Schultz und Werner Schulz : Bild: Samira Schulz

„Dieser plötzliche Digitalisierungsschub, den die Krise mit sich gebracht hat, könnte dem ländlichen Raum tatsächlich sehr helfen“, sagt Kerstin Schultz. Zwangsweise hätten die Menschen gelernt, dass Arbeiten im Homeoffice, allen Unkenrufen zum Trotz, gut funktioniert. „Wenn man nicht mehr acht Stunden pro Tag im Büro anwesend sein muss und sich die viele Fahrerei sparen kann, dann könnte das viele dazu motivieren, aufs Land zu ziehen“, meint die Architektin. Besonders dort, wo es schnelle Internetverbindungen gibt und die nächste Metropole nicht allzu weit entfernt ist, könne der ländliche Raum tatsächlich vor einem Entwicklungssprung stehen.

Doch damit es so kommt, sei auch ein Umdenken notwendig. Die Städter müssten endlich aufhören, das Land als rückständig einzustufen. Hier Urbanität, dort röhrender Hirsch, hier Fortschritt, dort Tradition: Solche Gegensätze haben, sagt das Paar Schultz und Schulz, mit der Wirklichkeit schon lange nichts mehr gemein. Und wenn erst einmal das Bild vom Land als Hort alles Konservativen wackele, dann würden auch immer mehr Kreative, Selbständige und Künstler den Umzug in die Provinz wagen. Dann könnten sie entdecken, welche Freiräume dort zur Verfügung stehen. Und sie könnten vom Gemeinschaftsgefühl, das dort herrscht, profitieren.

„Hier kümmern sich die Leute selbst um die Dinge“

In Laudenau, erzählt Kerstin Schultz, haben die Bewohner einen eigenen Dorfverein ins Leben gerufen. Dort treffen sie sich nun regelmäßig und diskutieren darüber, was es braucht, um das Leben im Dorf angenehmer zu machen. So wurde etwa dafür gesorgt, dass ein Carsharing-Anbieter ein E-Auto zur Verfügung stellt. Gerade ist die Gruppe dabei, einen alten Spielplatz wieder in Schuss zu bringen. „In der Stadt erwarten die Menschen, sobald ein Ast vom Baum fällt, dass jemand kommt und ihn wegräumt. Hier kümmern sich die Leute selbst um die Dinge.“

Zurück in die Stadt: Das ist für das Architektenpaar aus dem kleinen Dorf im Odenwald schon lange keine Option mehr. „Mir passiert das noch immer, dass ich morgens aufwache, in die Landschaft schaue und denke: Du bist im Urlaub“, sagt Kerstin Schultz. Dieses Gefühl will sie nicht mehr missen. Und sie glaubt fest daran, dass Projekte wie der Erbacher Biergarten mit dem Namen „Brücke7“ dabei helfen, dass noch mehr Menschen den ländlichen Raum als attraktiven Lebensmittelpunkt wahrnehmen.

Wie lange soll es die temporäre Sommerbar eigentlich geben? „Das wissen wir nicht, das ist ein Projekt mit offenem Ausgang“, sagt Kerstin Schultz. Der allererste Auftrag, den Liquid Architekten umgesetzt haben, war übrigens ebenfalls ein Lokal, das nur eine kurze Lebensdauer haben sollte: das Weststadtcafé in der Nähe des Darmstädter Hauptbahnhofs. Eine backsteinerne Lkw-Wartungshalle der Bahn, direkt an den Gleisen gelegen, haben die Architekten damals in eine schicke Bar mit Sommergarten verwandelt. Mittlerweile existiert sie seit beinahe 22 Jahren.

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