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Politische Castingshow : Wir können Kanzler

Nuray Karaca, 18 Jahre junge Deutsch-Türkin, will Kanzlerin werden und sagt: „Die Sendung könnte mir ein großes Publikum sichern.” Bild: Daniel Nauck

Erstmals gibt es im deutschen Fernsehen eine politische Castingshow. Derzeit läuft die Vorentscheidung. Aus der Rhein-Main-Region kommen drei Kandidaten. Einer sagt: „Ich gehöre schon seit Jahren zu den politisch Frustrierten.“

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          Mirko Wolf will Kanzler werden. Er hat sich ein Programm zurechtgelegt und die Argumente geschliffen. Er hat seine Gegner studiert und Paten gefunden, die seine Kandidatur unterstützen: einen Scheich, einen Bundestagsabgeordneten, einen Professor. Sein Wahlslogan lautet „Klagt nicht - kämpft“. Der neue deutsche Schwarzenegger wurde er in der „Zeit“ genannt. Wolf sagt: „Deutschland braucht mich.“ Ein wenig muss er dann doch lachen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Wolf hat sich beworben für eine ZDF-Sendung, die „Ich kann Kanzler“ heißt und nach Angaben des Fernsehsenders unverbrauchte politische Talente sucht. In einer Abendsendung am 19. Juni sollen sie sich beweisen, werden geprüft von einer Jury, anschließend gewählt von den Zuschauern - nicht mit dem Wahlzettel, mit dem Telefon.

          Es ist das erste Politikcasting im deutschen Fernsehen. Weit mehr als 2000 Bewerbungen gingen beim ZDF ein, rund 1800 schätzte der Fernsehsender als ernsthaft ein. 40 Kandidaten haben es in die Vorauswahl geschafft, ihre Bewerbungsvideos und Programmideen sind im Internet veröffentlicht. Auch Wolf ist unter den letzten 40, zusammen mit zwei weiteren Bewerbern aus dem Rhein-Main-Gebiet. Drei Kandidaten, drei Wege.

          Mikro Wolf will Regierungschef werden und hat sein Bewerbungsvideo in einem Sportstudio drehen lassen

          „Mit Jammern kommen wir nicht weiter“

          Wolf hat sein Bewerbungsvideo in einem Sportstudio drehen lassen. Er hält sich an einem Punchingball fest, hinter ihm ein Boxring, an der holzgetäfelten Wand hängen Plakate alter Boxkämpfe. Seine Idee für Deutschland sei, sagt er, dass wir Deutschen uns wieder positiver wahrnehmen müssten. Sein Kopf wankt hin und her, das weiße Hemd spannt über den Muskeln. „Mit Jammern kommen wir nicht weiter, sondern nur mit Kampf.“ Und vom Kampf versteht Wolf einiges. Er war Boxprofi, deutscher Meister und Box-Bundestrainer. Er schließt gerade seine Promotion ab - zum verbesserten Muskelaufbau im Boxtraining. Sein Vorbild ist Max Schmeling.

          Es ist ein grauer Vormittag, und Wolf sitzt vor einem Studentencafé an einem Holztisch, enges Shirt unter braunem Sakko. Er ist 32 Jahre alt und wohnt in Freigericht. Die zurückliegenden Jahre hätten dem Boxen gehört, sagt er. „Jetzt ist die Politik dran.“ Diesmal lächelt er nicht. Für jene, die schon lange Politiker sind, hat er kaum gute Worte übrig. Zu angepasst, zu abgehoben. „Es können nur die Leute nach oben kommen, die rund geschliffen sind.“ Jetzt will er nach oben. Schon als kleiner Junge habe seine Schwester zu ihm gesagt, er sei ein geborener Anführer. Nur habe ihm bislang immer die Zeit gefehlt, um sich politisch zu engagieren. Das soll sich ändern. Er sagt, er sei schon zu seinem Bürgermeister gegangen, um ihm zu sagen: „Ich mach jetzt Politik.“

          Dass er die Voraussetzungen hat, um in der Politik Erfolg zu haben, daran zweifelt er nicht. Viel ist er in den vergangenen Jahren gereist, hat geboxt und Models vermittelt, hat Jugendliche trainiert und einen Scheich im Fitnessstudio gestählt. Er sagt, er habe mit Arbeitslosen und Milliardären gearbeitet: „Ich spreche beide Sprachen.“ Dass sein Programm im Kern nur aus der Erkenntnis besteht, dass in Deutschland zu viel gejammert werde, sei keine Schwäche. Vielmehr habe er nur den Kern allen Übels aufgedeckt. Alles andere lasse sich daraus ableiten.

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