https://www.faz.net/-gzg-9eme9

Plastikproduzenten : Profiteur und Bedenkenträger

Eine kleine Nische, die viel Umsatz bringt: Plastiktüten wie diese finden sich in nahezu allen Supermärkten. Bild: dpa

Umweltschützer schimpfen über den Verpackungswahn der Lebensmittelbranche. Die Dietzenbacher Firma Clarus Films lebt davon – und sucht Alternativen.

          2 Min.

          Die Gelassenheit beim Dietzenbacher Folienhändler Clarus Films kann überraschen: Genau jetzt, da das Unternehmen seine bisherigen drei Standorte in einem Neubau zusammenzieht und dafür 15 Millionen Euro investiert, erreicht die Debatte um den massenhaften Verbrauch an Kunststoffverpackungen einen Höhepunkt. Es mehren sich die Rufe, die Hüllen um Lebensmittel und Haushaltsartikel zum Schutz der natürlichen Ressourcen künftig wegzulassen.

          Inga Janović

          Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Norman Thom sieht dennoch Wachstum voraus: „Wir glauben, dass es keine Alternative zu Folien gibt“, sagt einer der beiden Geschäftsführer der 1979 gegründeten Firma. „Aber wir wären die Ersten, die kompostierbare Folien ins Programm nähmen, wenn es sie zu bezahlbaren Preisen gäbe“, versichert sein Kollege Markus Mondani. „Auf unseren Maschinen können wir jedes Material schneiden.“

          Die Dietzenbacher kaufen von Herstellern alle denkbaren Arten von Verpackungsfolien und schneiden sie für ihre mehr als 4000 Kunden aus der Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie auf die gewünschte Breite. Die Hersteller liefern beispielsweise die umstrittenen BOPP-Folien, mit denen Obst und Gemüse umhüllt werden, auf 2,50 Meter breiten Rollen.

          Kleine, aber wichtige Nische

          Das ist für die Mehrzahl der Verpackungsmaschinen, die Landwirte oder Großhändler betreiben, zu groß. Clarus schneidet das Material kleiner, heraus kommt beispielsweise eine 20 Mikrometer dünne Folie von vierzig Zentimeter Breite und einem Kilometer Länge. Daraus werden dann etwa Schläuche für das beliebte Paprika-Trio im Gemüseregal.

          Mit diesem Service bedienen die Dietzenbacher eine kleine, aber wichtige Nische. Nach eigener Einschätzung sind sie europaweit der größte unabhängige Lieferant für transparente Verpackungsfolien. Der Umsatz von Clarus Films, dessen Wurzeln in die Höchst AG zurückreichen, lag 2003 noch bei sechs Millionen Euro, 14 Mitarbeiter gehörten zum Unternehmen. Inzwischen ist er mit 57 Angestellten zehnmal so hoch.

          Markus Mondani (rechts) und Norman Thom, Geschäftsführer von Clarus Films, wollen hoch hinaus – nicht nur im neuen Hochregallager der Firma.

          Der Trend, etwa Melonenscheiben und Salate verzehrfertig verpackt im Supermarkt anzubieten, hat dazu beigetragen. „Natürlich ist die Nachfrage enorm gestiegen“, bestätigt Mondani. Auf der anderen Seite seien aber auch Kunden weggefallen: Vor ein paar Jahren noch wurden kilometerweise Folien verbraucht, um CD-Hüllen einzuschweißen. „Als Privatleute teilen wir die Bedenken zum Thema Plastikmüll und Umweltverschmutzung. Aber was sind die Alternativen?“, fragt Thom. Ein Interesse, an der Verpackung zu sparen, gebe es auch von Seiten der Lebensmittelmittelindustrie. „Die Materialien sind immer dünner geworden, aber das hat seine natürlichen Grenzen.“

          Die richtige Mülltonne macht's

          In der Regel sei das Verpackungsmaterial komplett wiederverwendbar – wenn es denn in den richtigen Mülltonnen landet. Den kompostierbaren Varianten, die bislang auf dem Markt sind, trauen die beiden Fachleute noch nicht viel zu. Es gebe noch zu wenig Erfahrung damit, was übrig bleibe, wenn diese Stoffe verrotten, und damit, ob dieser Prozess wirklich erst dann beginne, wenn er gewollt sei, und nicht schon im Supermarkt, sagt Thom.

          Während eine Standardfolie zwei Euro je Kilogramm koste, liege der Preis für ein kompostierbares Pendant zudem bei neun bis zehn Euro fürs Kilo. „Und bei uns darf ja schon die Tomate nichts kosten, wer zahlt dann das?“ Thom und Mondani sehen diesen Ausweg: „Unsere Hoffnung ist, dass die Europäische Union Druck aufbauen kann, damit gescheite Lösungen zu vertretbaren Preisen auf den Markt kommen.“

          Bis dahin beschäftigt die beiden Geschäftsführer der Firmenumzug. Ende Oktober soll die neue Zentrale in Dietzenbach bezogen sein. Zuletzt waren mehr als 12000 Quadratmeter Lagerfläche, die Verwaltung und die Produktionshallen auf drei Standorte in der Stadt verteilt. Clarus Films, die in diesem Sommer von der Beteiligungsgesellschaft Pinova Capital an den Frankfurter Investor Premium Equity Partners GmbH verkauft wurden, sind für mindestens zwölf Jahre Mieter in der für sie errichteten Immobilie. Neu sortiert wird die europaweite Expansion angepeilt. Gehe der Plan auf, werde man in einigen Jahren der größte unabhängige Dienstleister auf dem Feld der Verpackungs- und Kaschierfolien sein.

          Deutlich weniger Plastiktüten als 2010 In der Diskussion um Müllvermeidung fühlt sich die Verpackungsindustrie zu Unrecht in die Rolle der Umweltverschmutzer gedrängt. In Deutschland gelangten Kunststoffverpackungen nicht in die Weltmeere, sondern in einen Rohstoffkreislauf, heißt es in Stellungnahmen der Branche. Zudem sei die Umweltbilanz der Plastikverpackungen häufig besser als die anderer Materialien, da mit relativ geringem Rohstoff- und Energieeinsatz beispielsweise Lebensmittel lang und hygienisch gelagert werden könnten. Mit Abstand größter Hauptabnehmer von Plastikverpackungen ist laut Industrieverband Papier- und Folienverpackung tatsächlich die Lebensmittelindustrie. 2016 lag der Umsatz der auf Kunststoff spezialisierten Verpackungsbetriebe bei 14,2 Milliarden Euro. Gemessen an den Mengen, lägen allerdings Papier, Karton und Pappe mit 45 Prozent an der Gesamtproduktion von mehr als 19 Millionen Tonnen an Verpackungen vorne – allein 197 400 Tonnen davon entfielen 2017 auf Tüten und Beutel aus Papier, ein Drittel mehr als noch im Jahr 1991. Deutlich stärker war der Anstieg bei den Kunststofftüten: 1991 hatten die Verbandsmitglieder noch 300 000 Tonnen produziert, im vergangenen Jahr waren es 463 200 Tonnen. Im Jahr 2010 lag die produzierte Menge aber schon einmal bei mehr als 510 000 Tonnen. (ing.)

          Weitere Themen

          Gedenken, Gutleutstraße, Gesundheit

          F.A.Z.-Hauptwache : Gedenken, Gutleutstraße, Gesundheit

          In Frankfurt wird um die Opfer des Anschlags in Halle getrauert, das Ferienende macht Autofahrern zu schaffen und die Frankfurter Buchmesse beginnt. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, lesen Sie in der F.A.Z.-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Kanzlerin Merkel (CDU) und Finanzminister Scholz (SPD) im August in Berlin

          Bilanz der großen Koalition : Die SPD in voller Fahrt

          Von der Halbzeitbilanz der großen Koalition könnte ihre Zukunft abhängen, denn einige Sozialdemokraten wollen raus aus der Regierung. Dabei fällt die Analyse gerade für die SPD ziemlich gut aus – auch wenn die CDU öfter mal bremst.
          Gergely Karácsony auf einer Aufnahme vom März 2018

          Kommunalwahlen in Ungarn : Die Hauptstadt wendet sich gegen Orbán

          Die Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten erleidet empfindliche Niederlagen in Budapest und anderen wichtigen Städten. Das hat mit Skandalen und Korruptionsvorwürfen zu tun, aber auch mit einer Kooperationsstrategie der Opposition von links bis ganz rechts.
          Der amtierende indische Ministerpräsident Narendra Modi

          Hohe Verschuldung : Weltbank warnt vor indischer Krise

          Die Lage der Banken wird prekärer. Von faulen Krediten im Volumen von rund 150 Milliarden Dollar ist die Rede. Nun schlagen die Probleme aus dem Finanzsektor auf die Binnenwirtschaft durch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.