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Brutplätze im Odenwald : Wie Wildtiere den Windradgegnern helfen

Odenwaldkreis: Windradgegner profitieren von Brutplätzen in der Region. (Symbolbild) Bild: dpa

Weil dort Vögel brüten, fallen im Odenwald große Gebiete für den Bau von Windrädern weg. Über diese und weitere Änderungen müssen die Politiker in der Region nun beraten.

          Gleichgültig, ob es sich um die SPD-Politikerin Rekha Krings aus dem Odenwaldkreis, den CDU-Fraktionsgeschäftsführer Bernd Röttger aus dem Rheingau-Taunus-Kreis oder um den Grünen-Politiker Klaus Böttcher aus dem Main-Kinzig-Kreis handelt: Sie alle haben wie die anderen insgesamt 99 Politiker in der Regionalversammlung Südhessen dieser Tage die neuen Unterlagen zum Teilregionalplan für erneuerbare Energien erhalten. Die vom Regierungspräsidium Darmstadt erarbeiteten Papiere und Karten bilden die Grundlage für die in den nächsten Wochen folgenden Beratungen in den Fraktionen von CDU, SPD, Grünen, FDP und AfD über die Standorte in Südhessen, die besonders für die Windenergie geeignet sind.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Unterlagen enthalten Überraschungen: In zwei Gebieten, in denen Bürger die bisher ermittelten Standorte massiv ablehnen, gibt es Veränderungen im Sinne der Initiativen. So konnte die Bürgerinitiative „Rettet das Ronneburger Hügelland“ anhand von Gutachten die Brutstätten von Rotmilanen belegen und erreicht damit, dass zwei Vorranggebiete mit zusammen fast 200 Hektar Fläche zwischen Ronneburg und Hammersbach wegfallen werden.

          Und auch im Odenwald sind es „windkraftempfindliche Brutvögel“ wie Rotmilan und Schwarzstorch, die dafür sorgen, dass bei Michelbach sowie rund um Reichelsheim große Vorranggebiete nicht mehr als geeignete Standorte für die Windenergie gelten können. Der Landrat des Odenwaldkreises, Frank Matiaske (SPD), hatte in der Vergangenheit kritisiert, dass allein sein Kreis 3,7 Prozent der Flächen für Windräder zur Verfügung stellen soll und von einer „überproportionalen“ Belastung gesprochen. Nach den Streichungen im Plan würde der Odenwald unter drei Prozent seiner Fläche für die Windenergie bereitstellen.

          25.000 Stellungnahmen

          Es gibt auch andernorts Veränderungen, dort in kleinerem Maßstab. Etwa in Rimbach an der Bergstraße, wo eine Fläche zum Schutz des Schwarzstorchs um 23 Hektar schrumpft. Bei Steinau an der Straße im Main-Kinzig-Kreis wird die Fläche um neun Hektar größer, der „Puffer“ zur Landstraße entfällt. Das Regierungspräsidium warnt, bis zur Verabschiedung des Teilplans werde es immer wieder Veränderungen geben – zum Beispiel, weil eine Brutstätte neu entdeckt werde oder ein Rotmilan sich ein neues Nest baue.

          Über alle Änderungen müssen die Regionalpolitiker nun beraten. Ebenso über die, die das Regierungspräsidium bis zum Dezember vergangenen Jahres aufgrund von Gutachten und 25.000 Stellungnahmen, die zwischen April und Juli 2017 von Bürgern und Verbänden abgegeben wurden, erarbeitet hatte.

          Abstimmungstermin geplatzt

          Am 14. Juni kommt die Versammlung zusammen, um den vorläufigen Schlusspunkt unter die jahrelange Debatte um die Windvorranggebiete zu setzen. Folgt die Versammlung dieses Mal den Empfehlungen des Regierungspräsidiums, wären mit dem endgültigen Beschluss, der im Dezember folgen soll, zunächst 1,3 Prozent der Fläche Südhessens als Standorte für Windräder vorgesehen. Im Umkehrschluss blieben spätestens mit der Genehmigung durch das Kabinett im Sommer 2020 knapp 98 Prozent der Flächen Südhessens frei von neuen Windkraftanlagen. Das war das ursprüngliche Ziel der Planung: die Errichtung von Windrädern zu steuern, eine „Verspargelung der Landschaft“, wie es hieß, zu verhindern.

          Die Entscheidungen der Regionalpolitiker im Juni ist deswegen nur ein vorläufiger Schlusspunkt, weil sich das Rhein-Main-Gebiet in der Vergangenheit besonders schwergetan hat mit der Ausweisung der Windkraft-Standorte. Erst im Dezember hatte die große Koalition in der Regionalversammlung den ursprünglich vorgesehenen Abstimmungstermin platzen lassen. Sie wies die Ausarbeitungen der Landesbehörde als fehlerhaft zurück. Um nicht weiter Zeit zu verlieren, regte Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid (Die Grünen) Anfang des Jahres einen Zweistufenplan an. Im Juni sollen zunächst die Flächen beschlossen werden, die sich seit 2016, trotz der vielen Anregungen von Bürgern und Verbänden, unverändert im Planentwurf befinden. Das sind die genannten 1,3 Prozent der Fläche Südhessens.

          Umstrittenes Vorranggebiet

          Alle anderen Vorranggebiete, die seit 2016 verändert, gestrichen oder zusätzlich aufgenommen worden sind, werden dagegen als „Weißflächen“ deklariert. Das sind Flächen, die keinerlei „Ausschlusswirkung“ haben. Beantragt ein Investor, dort ein Windrad zu errichten, wird das Regierungspräsidium dies nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz prüfen und gegebenenfalls genehmigen müssen. Das gilt auch für Flächen, die die Regionalpolitiker eigentlich aus dem Plan herausgestrichen haben möchten, wie das umstrittene Vorranggebiet an der Hohen Wurzel oberhalb von Wiesbaden im Rheingau-Taunus-Kreis.

          Zu den Weißflächen zählen jedoch auch Gebiete, die als Vorranggebiete geeignet sind und nach einer umfassenden Planänderung als solche in den Teilplan aufgenommen werden können. Das Regierungspräsidium geht davon aus, dass auf diese Weise eines Tages noch zusätzliche 0,3 Prozent zu den 1,3 Prozent der Landesfläche als Vorranggebiete addiert werden können. Dann hätte Südhessen am Ende einen Teilregionalplan mit 1,6 Prozent der Landesfläche für Windkraftanlagen erarbeitet. Die Vorgabe des Landes war, zwei Prozent der Landesfläche Hessens für die Windenergie auszuweisen.

          Veränderte Windvorranggebiete 2019

          • Ronneburger - Hügelland Die obere Naturschutzbehörde bestätigt Brutstellen von Rotmilanen. Es entfallen zwei Flächen zwischen Hammersbach und Ronneburg: eines 62, das andere 126 Hektar groß.

          • Florstadt und Gedern - Zwei Flächen der Wetteraugemeinden, 15 und 20 Hektar groß, werden zu Vorranggebieten. Artenschutzrechtliche Bedenken werden im Genehmigungsverfahren berücksichtigt.

          • Kreis Bergstraße - Ein Schwarzstorch sorgt östlich von Rimbach dafür, dass ein Gebiet um 23 Hektar auf zehn verringert wird.

          • Odenwaldkreis - Wegen eines Schwarzstorchhorsts reduziert sich ein 206 Hektar großes Vorranggebiet östlich von Michelstadt an der bayerischen Grenze auf nur noch 23 Hektar. Betroffen sind zwei weitere Flächen östlich von Michelstadt: Sie werden zusammengelegt und 30 Hektar kleiner. Zwei große Vorranggebiete rund um Reichelsheim entfallen, auch dort sind Brutvögel zu Hause. Das betrifft 145 Hektar zwischen Reichelsheim und Fürth und ein 368-Hektar-Vorranggebiet zwischen Reichelsheim und der Gemeinde Mossautal.

          Geplante Vorranggebiete unter www.rp-darmstadt.hessen.de, Stichwort Windkraft, Teilplan erneuerbare Energien, Beschlussvorlage Nr. 17.13.5. (mch.)

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