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Pius-Bruderschaft in Kleinwallstadt : Lateinische Messen im Gewerbegebiet

Das Gotteshaus der Pius-Bruderschaft in Kleinwallstadt ist in fränkischem Barock errichtet Bild: Rainer Wohlfahrt

Von Kleinwallstadt aus steuert die Pius-Bruderschaft ihre Aktionen in den Bistümern Limburg, Fulda und Würzburg. Ihr Gotteshaus liegt am Rande eines Gewerbegebiets. Gegen den beabsichtigten Bau im Ortskern hatte es heftige Proteste gegeben.

          Drei Gläubige sind an diesem Dienstagmorgen zur Frühmesse nach Kleinwallstadt im Kreis Miltenberg gekommen: eine ganz junge Frau, eine alte und ein Mann in den Vierzigern. Sie knien. Pater Johannes Kampmann wendet ihnen den Rücken zu und liest die Messe im tridentinischen Ritus.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Dabei betet er die lateinischen Texte so schnell und leise herunter, dass sie schon akustisch kaum zu verstehen sind. Wer einst das Große Latinum erworben hat, wird heute nicht belohnt. Er versteht nämlich immer nur ein Wort: „Amen.“ Nach der Messe betet die kleine Gemeinde drei „Gegrüßet seist Du, Maria“. Ebenfalls in deutscher Sprache kündigt der zweiunddreißigjährige Geistliche anschließend den Blasiussegen an. Er wird nach alter katholischer Tradition am 3. Februar gespendet und soll vor Halskrankheiten schützen.

          Als der Gottesdienst gegen acht Uhr zu Ende geht, ist es hell geworden. Erst jetzt wird dem Besucher klar, dass die Kirche Sankt Judas Thaddäus am Rande eines Gewerbegebietes liegt. An das im fränkischen Barock errichtete Gotteshaus schließt sich ein Anbau an, in dem drei Geistliche leben. Sie sind Anhänger des Erzbischofs Lefebvre und steuern von diesem Prioriat aus die Aktivitäten der Pius-Bruderschaft in den Bistümern Limburg, Fulda und Würzburg. In ganz Deutschland verfügt die erzkonservative Glaubensgemeinschaft über 15 solcher Zentren.

          160 Kirchgänger am Wochenende

          Pater Kampmanns besonderer Auftrag ist die Betreuung der von Lefebvre geweihten Kapelle Sankt Athaniasius in Hattersheim. Sie verfügt allerdings nicht über die Anziehungskraft, die von den beiden sonntäglichen Gottesdiensten in Kleinwallstadt ausgeht. Der Prior, Pater Stefan Biedermann, sagt, dass am Wochenende insgesamt etwa 160 Kirchenbesucher hierher kämen.

          Etwa zehn von ihnen stammten aus seiner Gemeinde, schätzt in aller Vorsicht Markus Lang, der katholische Pfarrer in Kleinwallstadt. Die große Mehrheit reise aus dem Rhein-Main-Gebiet an. Dass die Piusbruderschaft ausgerechnet in der kleinen Gemeinde des Landkreises Miltenberg ihr Prioriat errichtet hat, liegt nach seinen Worten an einem Unternehmer, der im Ortskern ein Grundstück besaß und der Bruderschaft dort ein Gotteshaus habe bauen wollen.

          Weil sich dagegen aber unter den 9000 Einwohnern Kleinwallstadts entschlossener Widerstand erhoben habe, sei es nach langem Ringen schließlich zu einem Grundstückstausch gekommen. Er lief darauf hinaus, dass die Traditionalisten ihr Prioriat nicht mitten im Ort, sondern am Rande des neuen Gewerbegebiets errichten durften. Dass ihr Areal an einer Seite immerhin an einen Wald angrenzt, dürfte dazu beigetragen haben, ihnen den Handel schmackhaft zu machen.

          Friedliches Nebeneinander

          So kann Pfarrer Lang heute einigermaßen entspannt über „die da draußen“ reden und konstatieren, dass seine Katholiken und die Außenseiter „friedlich nebeneinander leben“. Nach den Auseinandersetzungen um die Jahrhundertwende sei inzwischen eine gewisse Gelassenheit eingekehrt. „Bei uns gibt es keinen Krieg.“

          So erinnert Lang sich an ein Ehepaar, das seinen Nachwuchs in der Kirche der Traditionalisten habe taufen lassen, bei der Meldebehörde aber die Konfession römisch-katholisch angegeben habe. Der kirchliche Taufschein machte die Beamten stutzig. Sie wandten sich an Pfarrer Lang. Dieser befasste den Justitiar des Bistums Würzburg mit dem Fall und bekam eine geradezu salomonische Anweisung. Das Kind könne den Eintrag „r-k“ im Pass bekommen, hieß es. Verbunden damit war der ausdrückliche Hinweis, dass langfristig aber auch die Kirchensteuer entsprechend abzuführen sei.

          In diesen Tagen sind die Auskünfte, die man in Würzburg erhält, weniger entspannt. Denn die sich aufdrängende Frage ist ungleich schwieriger: Muss die katholische Kirche nicht auch auf der Ebene der Ortskirchen auf die Pius-Bruderschaft zugehen, wenn der Papst sogar vier Bischöfen die Hand zur Versöhnung reicht? Die Sprachregelung, die in Würzburg ausgegeben wurde, besteht aus zwei Sätzen: „Derzeit ändert sich für die Gläubigen vor Ort nichts. Es sind noch Klärungen nötig.“ Wenn sie nicht aus Rom kommen, müssten sie durch die Deutsche Bischofskonferenz herbeigeführt werden. Doch die tagt turnusgemäß erst Ende Februar.

          „Unglücklich geäußert“

          Bis dahin hält Pfarrer Lang aus Kleinwallstadt sich an die Regeln seiner Mutter Kirche zur tridentinischen Messe. Diese dürfe nach wie vor nur mit besonderer Erlaubnis des Bischofs gelesen werden – und zwar nur von damit eigens beauftragten Geistlichen. Gegen diese Bestimmung verstoße die Pius-Bruderschaft.

          Deren Prior, Pater Biedermann, will nach eigenem Bekunden solange keine Interviews geben, „bis die Wogen sich geglättet haben“. Aber auf ein kurzes Gespräch hat er sich doch eingelassen. Als die Rede auf den Holocaust-Leugner Richard Williamson kam, beklagte er zerknirscht, dass dieser sich „so unglücklich geäußert hat“. Diese Bemerkung war noch erhellender als die tridentinische Liturgie.

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