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Pilot und Antarktisflieger : Der fliegende Bierbrauer

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[Schlappeseppel in Aschaffenburg: Konrad Vogel, der Braumeister und Eigner der Brauerei. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Besitzer der Traditionsgaststätte Schlappeseppel erlebte als Pilot und Antarktisflieger auf Expeditionen viele Abenteuer.

          3 Min.

          30.000 Stunden grenzenlose Freiheit über den Wolken, wie es in einem Lied von Reinhard Mey heißt, hat Konrad Vogel genießen können. Dass der einundachtzigjährige Besitzer des Kultlokals Schlappeseppel Pilot und zum Antarktisflieger wurde, war allerdings keine Selbstverständlichkeit. Denn Vogel stammt aus einer traditionsreichen Aschaffenburger Brauereifamilie. Er wuchs über dem Schlappeseppel an der Schlossgasse 28 auf und erlebte, wie seine Mutter kochte und Bier zapfte, während sich der Vater um das Brauen kümmerte. Schon als Junge habe er Pilot werden wollen, sagt Vogel. Doch es sollte dauern, bis sich sein Traum erfüllte.

          Auf Wunsch des Vaters beginnt er in der Henninger-Brauerei in Frankfurt eine Brauer- und Mälzerlehre. 1947 besteht er die Gesellenprüfung, überspringt drei Klassen und macht 1948 das Notabitur. Anschließend studiert er in Weihenstephan, erhält mit 21 Jahren das Diplom, heiratet und arbeitet als Braumeister im Schlappeseppel. Doch sein Ziel verliert er nicht aus den Augen. Als der Kontrollrat beschließt, dass auch Deutsche wieder Pilot werden dürfen, zögert Vogel nicht. 1958 beginnt seine Ausbildung, und er erwirbt im Laufe der Jahre alle fliegerischen Lizenzen. Der Aschaffenburger lernt die Welt kennen und wird zum Kosmopoliten, der die Freiheit und seine Freiheiten liebt. Er scheut auch riskante Aufträge nicht. Als Bürgerkrieg im Libanon herrscht, fliegt er Politiker und Geschäftsleute in kleinen Privatjets in das Land. Als Piste muss die Autobahn herhalten. Das war gefährlich, aber gut bezahlt.

          Der älteste Pilot in der Antarktis

          Mit 55 Jahren wird Vogel zum Antarktisflieger im Auftrag des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Er gehört damit weltweit zu etwa 40 Piloten, die dort fliegen dürfen. Für seinen Einsatz in der Antarktis, die zu den kältesten, windigsten und unwirtlichsten Gebieten der Erde zählt, bereitet er sich akribisch vor. Im Silvrettagebirge absolviert er gemeinsam mit anderen in 3000 Metern Höhe ein Überlebenstraining. Mit einer zweimotorigen Propellermaschine vom Typ Dornier 228, die bei einem Zwischenstopp im südlichsten Zipfel Chiles zu einem Schneeflugzeug mit Skiern statt der Fahrwerke umgebaut wird, geht es zur deutschen Überwinterungsstation auf dem Schelfeis an der Atka-Bucht, die aus zwei 50 Meter langen Stahlröhren besteht. Es ist bis zu minus 40 Grad kalt. Drei bis vier Monate lebt Vogel zusammen mit Wissenschaftlern und Technikern in der Station, deren Aufgabe es ist, Messungen zur Eisdynamik und chemische Untersuchungen vorzunehmen. Die Testflüge fordern alles von den Piloten. Denn der ständige Wind, heftige Schneestürme, schlechte Sicht und Whiteout – durch extreme Helligkeit gehen Konturen in Eis und Schnee verloren – machen jeden Flug zum Wagnis. GPS gibt es damals noch nicht. Vogel unternimmt sogar wissenschaftliche Messflüge in Zyklone. Das klingt lebensgefährlich, war es nach seinen Angaben jedoch nicht, weil die Wirbelstürme über der Antarktis sehr schwach gewesen seien.

          Jeder Teilnehmer der Expedition hat ein 25 Kilogramm schweres Survivalgepäck. Darin sind ein Kocher, um Wasser zu schmelzen, Kerzen, ein Spaten, ein Seil, Benzin und auch Morphium, um bei Verletzungen oder Krankheit Schmerzen aushalten zu können. Und es gibt eine Flasche Schnaps. „Die hatten aber nur wir Deutsche“, erinnert sich Vogel. Er schätzt, dass der Vorrat für drei Wochen gereicht hätte. Danach wäre es „eng“ geworden“, meint er lapidar. Zwischen 1985 und 1990 verbringt er insgesamt anderthalb Jahre am Südpol und feiert fünfmal dort am 23. Dezember seinen Geburtstag. Anstoßen kann er mit Whisky, der mit 700 Jahre altem Eis gekühlt wurde. 1987/88 gehört Vogel der Expedition Geisha I (German Expedition into Shackleton Range) an, deren Ziel die geologische Erforschung der Berge ist. Die Männer übernachten in Mini-Zelten, sogenannten „Biwack-Schachteln“. Aufgabe Vogels und seiner Kollegen ist es, regelmäßig für Nachschub an Lebensmitteln, Brennstoffen oder Ersatzteilen zu sorgen. Außerdem müssen sie die Steine (immerhin sieben Tonnen), die die fleißigen Geologen gesammelt haben, zur Neumayer-Station fliegen.

          1990 ist der Aschaffenburger mit seinen 60 Jahren der älteste Pilot in der Antarktis. Andere Nationen haben ein Höchstalter von 40 Jahren. Nach dem Ende seiner Laufbahn kehrt er zurück in seine Geburtsstadt und lebt wieder in der Schlossgasse 28 über dem Schlappeseppel. Die jüngsten Auseinandersetzungen um das Traditionsgasthaus, in dem bald kein Schlappeseppel-Bier mehr ausgeschenkt werden soll, sind auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Geld habe bei den Überlegungen, den Vertrag mit Eders & Heylands nicht zu verlängern, keine Rolle gespielt. Denn er habe genug verdient, um sich in Nizza an den Strand legen zu können, sagt er. Eine schlüssige Erklärung für den Biermarkenwechsel kann er nicht liefern. Vielleicht müssen sich die Aschaffenburger, die ihren Bierdurst im Schlappeseppel künftig mit Gerstensaft aus Miltenberg löschen müssen, mit folgendem Ausspruch Vogels zufrieden geben. „Ich bin ein Mann, der sich nichts gefallen lässt.“

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