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Pharmafirma Axicorp : Auch ohne indische Mutter zuversichtlich

Scheidung: Biocon-Chefin Kiran Mazumdar-Shaw und Axicorp-Miteigentümer Dirk Ullrich (links) gehen nun getrennte Wege; rechts Axicorp-Gründer Gehlhar Bild: Roger Hagmann

Drei Jahre nach der Ehe mit einer Inderin nun die Scheidung: Das Friedrichsdorfer Pharmaunternehmen Axicorp ist wieder in deutscher Hand. Fortan will der Mittelständler eigenständig in Europa wachsen, mit günstigen Generika und Re-Importen.

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          Was scheinbar märchenhaft begann, endet nüchtern: Die vor gut drei Jahren geschlossene Verbindung zwischen dem Friedrichsdorfer Mittelständler Axicorp und dem Biocon-Konzern mit der reichsten Frau Indiens an der Spitze gehört der Vergangenheit an. Die deutschen Gesellschafter der Axicorp GmbH haben die bisher bei Biocon liegenden Anteile an dem Pharmaunternehmen aus dem Taunus zurückgekauft. Der von der Milliardärin Kiran Mazumdar-Shaw gegründete indische Biotech-Konzern soll zuletzt knapp vier Fünftel an Axicorp besessen haben.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun gehört der Mittelständler zu jeweils einem Drittel drei Personen. Eine davon ist Geschäftsführer Dirk Ullrich. Obwohl sich sein 280 Mitarbeiter starkes Unternehmen fortan allein am Markt behaupten muss und die neueste Gesundheitsreform am Gewinn nagt, gibt er sich zuversichtlich. Sowohl auf dem Markt von Nachahmer-Arzneien als auch bei Re-Importen patentgeschützter Mittel sieht er „großes Wachstumspotential in Deutschland und Europa“, wie er sagt.

          Spezialist für Marketing und Vertrieb

          Mazumdar-Shaw und Ullrich gehen getrennte Wege, weil die Inderin sich einen neuen Partner ausgesucht hat: Biocon hat sich im Oktober mit dem amerikanischen Pharmariesen Pfizer verbündet. Pfizer soll hochmoderne Arzneien von Biocon für Zuckerkranke weltweit vermarkten – und folglich auch in Europa. Zuvor hatte Axicorp als Spezialist für Marketing und Vertrieb diese Aufgabe vor Augen. Sich in Konkurrenz zu Pfizer zu begeben kommt für Ullrich nicht in Frage. Deshalb verlegt er sich lieber auf die ursprünglichen Geschäftsfelder Nachahmer-Arzneien und Re-Importe.

          Bei den Diabetes-Arzneien handelt es sich um sogenannte Biosimilars, das sind biotechnologisch hergestellte Mittel. Eines davon heißt Insulin Glargin, ist in Frankfurt-Höchst entwickelt worden und unter dem Markennamen Lantus das umsatzstärkste Mittel von Sanofi-Aventis. Lantus genießt noch drei Jahre Patentschutz – danach will Biocon mit seinem Konkurrenzprodukt punkten. Ullrich war einst an der Markteinführung von Lantus beteiligt, und Axicorp-Mitarbeiter haben wiederum die Zulassung von indischem Insulin Glargin in Europa vorbereitet.

          Nun Dienstleister der früheren Mutter

          „Da hat mein Team einen tollen Job gemacht“, hebt Ullrich hervor. Und obwohl Axicorp nicht mehr zu Biocon gehört, kann das Team an seinem Ziel festhalten. Ullrich: „Wir betreiben nach wie vor die Zulassung.“ Im Gegensatz zu früher leistet Axicorp diese Arbeit für Biocon aber nicht mehr unentgeltlich, sondern erhält als Dienstleister Geld dafür. Aus Sicht des Geschäftsführers hat die Arbeit für biotechnologisch hergestellte Medikamente noch einen angenehmen Effekt: „Mit dem erworbenen Niveau auf dem Gebiet der Biosimilars können wir nach neuen Partnern Ausschau halten.“ Schließlich verfügten nicht viele Unternehmen über das gleiche Wissen. Zudem gelten solche Mittel als zukunftsträchtig, da mehr und mehr biotechnologisch erzeugte Mittel auf den Markt kommen und der Patentschutz nicht ewig gilt.

          Ausschau hält Ullrich schon nach neuen Märkten in Europa, auf denen er Nachahmer-Präparate (Generika) verkaufen kann. Hierzulande bestimmen Krankenkassen mit Rabattverträgen weitgehend das Generika-Geschäft. Axicorp verfügt derzeit über mehr als ein Dutzend Rabattverträge mit bis zu zwei Jahren Laufzeit. Um an solche Verträge zu kommen, muss ein Unternehmen möglichst günstige Ware anbieten. Dies kann nur, wer in Indien oder anderswo in Asien fertigen lässt. Drei Viertel der in Deutschland verkauften Arzneimittel-Packungen seien Generika, sagt Ullrich, dessen Unternehmen 2010 rund fünf Millionen Packungen verkauft hat. Daraus folgte ein Umsatz von 9,5 Millionen Euro – das sind nicht einmal zwei Euro je Packung. Tendenz: fallend.

          152 Millionen Euro erlöste Axicorp mit Re-Importen patentgeschützter Mittel, die zuvor von Deutschland aus in andere Teile Europas verkauft worden waren. 2009 waren es noch 127 Millionen Euro gewesen. Diese Mittel kosten etwa in Griechenland oder Portugal weniger als hierzulande – was auch, aber nicht nur an der in Deutschland deutlich höheren Mehrwertsteuer liegt.

          Sachkosten stramm gesenkt

          Die Gesundheitspolitik hat in jüngster Zeit widersprüchliche Signale zu diesem Geschäft gesendet. Einerseits sollen die Apotheken jeweils mindestens fünf Prozent des Umsatzes mit Re-Importen erzielen, denn Re-Importe müssen 15 Prozent günstiger angeboten werden als die entsprechenden Originalarzneien, was die Krankenkassen schont. Andererseits müssen die Re-Importeure seit August 2010 den von sechs auf 16 Prozent erhöhten sogenannten Herstellerrabatt gewähren – obwohl sie gar keine Hersteller sind, sondern nur Händler mit entsprechend kleinen Gewinnspannen.

          Im Fall Axicorp lag die Marge zwischen einem und vier Prozent, wie Ullrich vor gut einem Jahr berichtete. Seinerzeit sprach er von einer „Riesenherausforderung“. Um mit den Re-Importen nach dem erhöhten Herstellerrabatt nicht ins Minus zu rutschen, hat er nach seinen Worten einen strammen Sparkurs gefahren und Sachkosten gesenkt: „Wir haben alles gekürzt, was geht.“ Zudem nahm er Medikamente, mit denen wegen des Herstellerrabatts kein Geld mehr zu verdienen ist, aus dem Sortiment. Im Gegensatz zum Konkurrenten Kohlpharma aus dem Saarland, der 300 Stellen gestrichen hat, kam er um Personalabbau herum. Die schuldenfreie Axicorp hat derzeit sogar gut ein Dutzend Leute mehr an Bord als vor Jahresfrist.

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