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Selbst pflücken : Lambada im Erdbeerfeld

Vollreif: Frisch gepflückte Erdbeeren sind eine Delikatesse. Bild: Wolfgang Eilmes

Nur die Schönen kommen in die Schale, aber bitte nicht zu dekorativ: Geht es gut, wenn eine ungelernte Kraft beim Pflücken mitmacht?

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          Nach einer guten Stunde läuft mit Lambada alles rund. Die Hände graben wie von selbst unter den Blättern nach den dicken roten Früchten, die Sonne wärmt den gebeugten Rücken, und der Tau ist nicht mehr so klamm wie noch um Viertel vor sechs, als die Ernte begann. Die Erdbeertrance ist perfekt, die Pappschalen auf dem eigenen Wagen füllen sich aufs schönste. Die Sorte Lambada, das wird der Bauer später verraten, lässt sich aber auch besonders gut pflücken.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jetzt schlägt die Glocke der Bonifatiuskapelle im Hochfeld bei Kriftel siebenmal, und der Blick hebt sich von den dunkelgrünen Blättern am Boden in die Weite. Singvögel singen, Krähen krächzen, die Autobahn 66 brummt, und zwei Reihen weiter summt die Polin mit dem weißen Haar eine leise Melodie. Jeder Helfer schiebt sich selbst und seine Ernte auf einem verwitterten Holzwagen mit Gummireifen die Furchen entlang, über die Pflanzen hinweg. Die Füße sind am Boden, sie drücken den Wagen rückwärts über die Blätter, sobald alle guten Beeren eines Abschnitts gepflückt sind. Als Sitzfläche dient Styropor, Pappe oder ein dünnes Kissen. Die Hände greifen zwischen den Beinen hindurch in die Pflanzen und legen die Erdbeeren in Pappschalen auf der Ladefläche vor den Knien. Die Regenfolie an dem rostigen Gestänge über dem Kopf bleibt an diesem Sonnentag eingerollt.

          Die Polin pflügt sich schon durch ihre zweite Reihe des Tages. Gleich wird sie die unerfahrene Erntehelferin überrunden. Gegen 15 oder 20 Jahre Pflückroutine kommt auch der schönste Lambada-Flow nicht an. Die übliche Truppe auf dem Feld besteht aus dreizehn Polen und zwei Obstbauern, die meisten tragen Schirmmützen. Wer eine Plastikkiste mit zehn Pappschalen voll hat, bringt sie vom Feld zu einem der beiden roten Ford-Bullis am Wegesrand und legt einen Zettel mit seiner Nummer hinein. So können Vater und Sohn Hasenbach ab und zu Stichproben kontrollieren.

          Die beiden können es aber sich nicht leisten, nur Aufsicht zu führen. Vor allem frühmorgens nicht. Sie pflücken mit, und immer wenn eine Ladung fertig ist, setzt sich Karl-Heinz oder Sebastian ans Steuer und bringt die Kisten zum eigenen Hofladen an der Kirche mitten in Kriftel, zu einem der beiden Stände an der Straße oder zu einem anderen Abnehmer. Das sind Marktgänger oder Hofläden von Betrieben, die selbst keine Erdbeeren anbauen. Von denen bekommen die Hasenbachs dann Kartoffeln oder Eier für den eigenen Laden. Mit einem Partner aus Büttelborn tauschen sie Erdbeeren gegen Spargel. So kann jeder regionale Ware anbieten – und nicht nur das, was auf dem eigenen Feld wächst. Um acht Uhr holt ein Kunde aus Aschaffenburg Erdbeeren ab.

          Der Wagen, auf dem Sebastian Hasenbach beim Pflücken sitzt, ist älter als er selbst. Der 29 Jahre alte Gartenbauer führt vor, wie Erdbeeren gepflückt werden. Grundregel: „Alles, was schön rot ist, kommt in die Schale.“ Der Daumennagel knipst den Stiel so ab, dass noch ein Stück an der Frucht bleibt, aber nicht zu viel. Sonst stechen die Beeren einander in der Schachtel und werden schneller matschig. Aus demselben Grund gilt: „Möglichst wenig anfassen.“ Die Hasenbachs halten deshalb auch nichts davon, die Früchte in der Schale hübsch zu drapieren. Sie verkaufen nicht an Supermärkte, weil sie auf tagesfrische Ware setzen. „Was heute gepflückt wird, wird heute verkauft. Morgen ist es alte Ware.“

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