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Nach Kritik an Auftritten : Fastnachts-Pfarrer Jung verstummt

  • -Aktualisiert am

Schreck, lass nach: Sascha Jung räumt für den Rest der Kampagne die Bühne. Bild: Maximilian von Lachner

Der Flörsheimer Geistliche erhielt anonyme Kritik an seinen Vorträgen. Nun sagt er die letzten Auftritte ab.

          58 Mal hat der katholische Pfarrer Sascha Jung in dieser Fastnachtskampagne schon den Talar mit der roten Nase und dem bunten Clownsfrack vertauscht, sich ans Klavier gesetzt und mit musikalischen Vorträgen Tausende von Menschen zwischen Bad Soden und Mainz unterhalten. Am Mittwochabend bei einem seiner närrischen Heimspiele – der DjK-Frauenfastnacht im Pfarrzentrum seiner Gemeinde St. Gallus in Flörsheim – fehlte der weit über die Grenzen der Mainstadt hinaus bekannte Vortragskünstler. Der 41 Jahre alte Flörsheimer Pfarrer hat wegen anonymer Schmähungen, unflätigen Facebook-Kommentaren und Leserbriefen, die zuletzt auch den neuen Limburger Bischof Georg Bätzing ins Visier nahmen, die Teilnahme an den letzten drei Sitzungen in dieser Saison abgesagt. Ob er jemals wieder von seiner Kanzel heruntersteigen und in sein Clownskostüm schlüpfen wird, lässt Jung zunächst einmal offen. „Das werde ich mir in Ruhe überlegen und nach Aschermittwoch entscheiden“, sagt er. Jung zählt zu den großen Talenten der heimischen Fastnacht, längst ist er auch in Mainz ein gefragter Mann. Denn er schafft es mit seinen – auch gerne einmal zweideutigen – Einlagen mühelos, einen mit 2500 Menschen gefüllten Saal zu begeistern.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Sein Honorar für Auftritte, immerhin mehrere tausend Euro nach jeder Kampagne, spendet der Seelsorger für gute Zwecke, mal für den Flörsheimer Hospizverein, mal für eine zusätzliche Glocke für St.-Gallus oder für eine anstehende Renovierung. Die Mehrzahl der Fastnachter und Kirchengänger gleichermaßen schätzt den kommunikationsfreudigen Geistlichen. Ob seiner unterschwelligen sexuellen Anspielungen geriet Jung aber auch immer wieder einmal in die Kritik. Schon früher hatten Unbekannte Plakate an der St. Gallus-Kirche aufgehängt mit der Aufschrift, „der Rauch des Satans“ sei in das Gotteshaus eingezogen. In diesem Jahr aber erfährt Jung wegen seines Vortrags eine neue Qualität des Fastnachts-Mobbings. Dass er dort die früheren Handwerker der Galluskirche zitiert, die bei Renovierungsarbeiten die „Jungfrau Maria hinterm Altar flachgelegt haben, um ihre Ritze zu kitten“ oder „dem Flörsheimer Stadtheiligen Nepomuk den Ständer poliert haben“, versetzte offenbar konservative Kirchenkreise in Empörung. Jung baue seine Vorträge auf Zoten und seine wie eine Monstranz vor sich hergetragene Schelte auf den Zölibat auf. Das sei billig und eines Geweihten nicht würdig, schalt zum Beispiel ein Leserbriefschreiber in einer Lokalzeitung.

          Von wem die Kritik kommt

          Während dieser Kritiker noch mit Namen und Adresse zu seinen Anwürfen stand, so erhielt der Limburger Bischof Georg Bätzing am vergangenen Montag eine anonyme Mail mit folgendem Inhalt: „Es mutet mehr als merkwürdig an, dass Bischof Bätzing bzw. der zuständige Dekan Klaus Waldeck diesem unwürdigen Treiben nicht längst Einhalt geboten hat – man darf sich die Frage stellen, ob dieser, auch angesichts der jüngsten Kinderporno-Vorwürfe im Bistum, dieses Amt überhaupt mit der nötigen Stringenz führt“, heißt es da. Damit erreichen die Schmähungen nach Einschätzungen von Jung eine neue Qualität. Nun würden seine Fastnachtsaktivitäten, die allesamt mit dem Bistum abgesprochen seien, dafür benutzt, um den Bischof zu verunglimpfen, befürchtet er. Dafür wolle er den Kritikern keine Bühne bieten, hob Jung hervor. Offenbar sei das anonyme Schreiben einem Kreis rund um den ehemaligen Bischof Tebartz-van-Elst zuzuordnen. Es gehe auch darum, den neuen Bischof zu beschädigen und in Zugzwang zu bringen. Zugleich erhoffe man sich eine Abstrafung seiner Person.

          Der Flörsheimer Pfarrer zählt zu den bekannten Kritikern des aus seinem Amt abberufenen Bischofs, nun will er das ohnehin schwere Erbe Bätzings nicht noch zusätzlich belasten. Es gebe auch unter den Mitbrüdern noch Anhänger des umstrittenen früheren Bischofs, und freilich gebe es in der katholischen Kirche auch Neider. Schließlich habe er zum 350. Verlobten Tag in Flörsheim im vergangenen Jahr sogar den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki empfangen dürfen, sagt Pfarrer Jung. So etwas gefalle nicht allen Mitbrüdern. Für solche Neider seien seine Fastnachtsvorträge dann Vorlagen. Hinter vorgehaltener Hand werde dann über seinen „Egotrip“ gewitzelt. „Nur zwei Mitbrüder hatten den Schneid, mich direkt anzusprechen“, berichtet Jung. Den Versuch, seinen Vorträgen die sexuelle Würze zu nehmen, hat Pfarrer Jung schon unternommen. Als er in der Sitzung der Katholischen Arbeiterbewegung auftrat, ließ er die Anspielungen auf Maria und Nepomuk weg. Dies wiederum gefiel jenen nicht, die das Hohelied der Narrenfreiheit in der Fassenacht hochhalten. Es gab wegen der Auslassungen Proteste. „Man kann es eben nie allen recht machen“, bedauert Jung.

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