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Trotz Kostenexplosion : Partner stehen zu Darmstädter Teilchenbeschleuniger

  • -Aktualisiert am

Teure Teilchen: Ein Linearbeschleuniger in Darmstadt Bild: dpa

Nach Spekulationen um Probleme beim Bau des Teilchenbeschleunigers Fair in Darmstadt spricht der Bund von einer „schwierigen Phase“ des Projekts. Doch Mehrkosten von 235 Millionen Euro werden von Bund und Land übernommen.

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          Der Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Georg Schütte, sieht das Fair-Projekt in Darmstadt auf einem guten Weg. Schütte sagte gestern auf einer Pressekonferenz beim GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung, wo die internationale Forschungsanlage errichtet wird, dass der wissenschaftliche Wert dieses Großlaboratoriums zur Erforschung der Materie und des Universums nicht in Frage stehe, das Management der beiden Gesellschaften von GSI und Fair gut aufgestellt sei und die festgestellten Mehrkosten von 235 Millionen Euro von den neun Gesellschaftern der Fair-Anlage gemeinsam getragen würden. „Wir sind somit in der Lage, das Projekt erfolgreich zu realisieren“, sagte Schütte.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Mit der Pressekonferenz reagierte der Staatssekretär, der auch Vorsitzender der Fair-Gesellschafterversammlung und des GSI-Aufsichtsrates ist, auf einen Bericht des Bundesrechnungshofes, in dem von den genannten Kostensteigerungen die Rede ist. Das Papier war Gegenstand der Beratungen im Haushaltsausschuss des Bundestages. In Presseberichten ist nach der Sitzung spekuliert worden, ob das komplexe Bauvorhaben (mit einem großen Ringbeschleuniger, weiteren Speicherringen sowie Experimentierstationen), für das bislang Investitionen in Höhe von 1,027 Milliarden Euro veranschlagt waren, auf der Kippe stehen könnte.

          Wissenschaftliche Bedeutung steht nicht in Frage

          Schütte gab zu, dass im vergangenen Jahr das gesamte Vorhaben, an dem außer Deutschland Finnland, Frankreich, Indien, Polen, Rumänien, Russland, Schweden, Slowenien und assoziiert auch Großbritannien beteiligt sind, in eine „schwierige Phase“ geraten sei. Es sei deshalb eine internationale Expertengruppe zur Prüfung eingesetzt worden.Diese Kommission habe festgestellt, dass die wissenschaftliche Bedeutung der Anlage für die internationale Spitzenforschung auch bei einer Bauzeitverlängerung nicht in Frage stehe, und außerdem Vorschläge für ein besseres Projektmanagement unterbreitet. Diese seien entweder schon in die Tat umgesetzt oder würden demnächst verwirklicht. So nehme Anfang nächsten Jahres ein neuer Technischer Geschäftsführer die Arbeit auf. Außerdem sei die Stelle eines gemeinsamen wissenschaftlichen Geschäftsführers für die GSI und die Fair GmbH ausgeschrieben.

          Schütte bezifferte die Kostensteigerung mit 23 Prozent. In Absprache mit den Partnern sei ein Kostendeckel von 1,262 Milliarden Euro festgelegt worden. Von den gesamten Mehrkosten in Höhe von 235 Millionen Euro übernehmen der Bund und das Land Hessen nach einem Schlüssel von 90 zu zehn Prozent davon die Summe von 163 Millionen Euro. „Standortbedingte Sonderkosten“ in Höhe von 95 Millionen Euro, die durch die notwendige Stabilisierung des Baugrundstücks in Darmstadt-Wixhausen entstanden sind, hat Deutschland allein zu tragen.

          Wie Schütte sagte, liegen bislang Absichtserklärungen der Partner vor, ihren Anteil an den Mehrkosten zu übernehmen. Mit den entsprechenden Finanzministern würden darüber Verhandlungen geführt. Im Sommer 2016 sollen dann „verbindliche Zahlungszusagen auf dem Tisch liegen“. Die Absichtserklärungen seien jedoch so verbindlich, das schon jetzt weitere Bauanträge gestellt werden könnten. Als Reaktion auf die schwierige Phase vergangenes Jahr ist nach den Worten des Staatssekretärs eine „modulare Startversion“ für Fair vereinbart worden. Danach soll die Großforschungsanlage zu 80 Prozent im Jahr 2022 betriebsbereit sein, der Vollbetrieb ist für 2025 vorgesehen.

          Verbindliche Kostenobergrenze liegt bei 1,262 Milliarden Euro

          Dass es zu Kostensteigerungen gekommen ist, hängt nach Schütte an den ungewöhnlich hohen baulichen und technologischen Vorgaben für die Fair-Anlage: „Es gibt nichts, was wir von der Stange kaufen können. Wir arbeiten hier an der Spitze der Wissenschaft, deshalb sind die Herausforderungen des Projekts erst mit der Zeit deutlich geworden.“ Hinzugekommen seien außerdem höhere Anforderungen an den Brand- und Strahlenschutz. Überdies habe eine „Zahlenverwirrung“ für Irritation gesorgt, da nicht immer die gleiche Basis für Kostenvergleiche herangezogen worden sei. Die nun vereinbarte Obergrenze von 1,262 Milliarden Euro ist jetzt allerdings verbindlich und Maß der Dinge. 2019 steht eine Evaluation des Bauprojekts an. Bis dahin sollen alle Finanzierungszusagen der Partner für die „Vollversion“ vorliegen.

          Ob auch China, Österreich und Spanien noch einsteigen – und sich mit 13 Millionen Euro beteiligen –, bleibt unklar. Für den Fall, dass der Kostendeckel doch nicht zu halten ist, sind nach Angaben Schüttes bislang nur „Gespräche mit den Partnern“ vereinbart. Er gehe aber davon aus, dass die Marge gehalten werde. Dies sei „die große Verantwortung für das Management“. Der Bundesrechnungshof werde das Bauvorhaben weiter begleiten. Dem Staatssekretär zufolge gab es im Haushaltsausschuss keine kritischen Stimmen: „Der Bericht des Rechnungshofes wurde dort nur zur Kenntnis genommen.“

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