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Entwicklungsarbeit in Indien : Nur noch halb so viele Straßenkinder

Glückliche Gesichter: Kinder in einem Nachbarschaftszentrum in Guwahati Bild: Childaid Network

Seit 13 Jahren engagiert sich die Hilfsorganisation Childaid Network im Nordosten Indiens. Sie hat erreicht, dass Kinder in die Schule gehen statt Steine zu schleppen.

          4 Min.

          Es ist meistens kein gutes Zeichen, wenn jemandem nicht mehr zu helfen ist. Im Fall der Zielgruppe in Nordostindien, die sich die Königsteiner Hilfsorganisation Childaid Network für ein Projekt ausgesucht hat, kann Gründer Martin Kasper das hingegen als Erfolg werten. Neben vielen anderen Dingen organisiert Childaid in entlegenen Dörfern Abendschulen für Jugendliche ohne Schulausbildung, um sie zu alphabetisieren. „In der Spitze hatten wir 250 Abendschulen gleichzeitig“, sagt Kasper. „Inzwischen sind wir aus 400 Dörfern wieder weg, weil die Grundschule funktioniert.“ Die Zahl der älteren Jugendlichen, die nicht lesen und schreiben können, nimmt deutlich ab.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          „Wir hoffen, uns selbst überflüssig zu machen“, sagt Kasper, der mit seinen ehrenamtlichen Vorstandskollegen und einem ebenfalls überwiegend ehrenamtlich arbeitenden Team 30 Bildungs- und Kinderrechtsprojekte an 400 Standorten allein in Indien betreut. Das ist ein ehrgeiziges Ziel angesichts der 45 Millionen Menschen, die allein in Assam und den sechs angrenzenden indischen Bundesstaaten zwischen dem Himalaja und Bangladesch leben. Diese sind nur durch einen schmalen Korridor mit dem Rest Indiens verbunden. Etwa die Hälfte der Bevölkerung verdient weniger als zwei Dollar am Tag, was als Armutsgrenze gilt. Das Engagement von Childaid reicht aber auch nach Nepal, Bangladesch und Myanmar.

          Über 45 Nachbarschaftszentren eingerichtet

          Kurz vor Beginn der Corona-Krise hat Kasper Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) bei einem Besuch an Ort und Stelle zeigen können, dass sich hartnäckiger Einsatz lohnt. In Guwahati, der größten Stadt in Assam, besuchte Müller einen Steinbruch, in dem vor wenigen Jahren noch viele Kinder gearbeitet und Steine in eine Steinmühle geschleppt hatten. Inzwischen hat Childaid mit dem lokalen Partner Snehalaya 45 Nachbarschaftszentren eingerichtet. Die Kinder aus den Slums werden dort auf den Besuch der staatlichen Schule vorbereitet. Sie bekommen eine warme Mahlzeit, medizinische Untersuchungen und werden über ihre Rechte aufgeklärt.

          In den vergangenen Jahren konnten auf diese Weise 4300 Kinder eine reguläre Schule besuchen, wobei sie mit Nachhilfe am Nachmittag weiter unterstützt werden. Auch Leser dieser Zeitung haben 2013 mit der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ zu diesem Erfolg beigetragen. Ihre Spenden haben zudem geholfen, moderne Maschinen für ein Ausbildungszentrum zu beschaffen. Für das Zentrum sei inzwischen mit Mitteln des Bundesministeriums für Entwicklung und Zusammenarbeit ein neuer Gebäudekomplex entstanden, sagt Kasper.

          Den Straßenkindern eine Zukunft schenken

          In Guwahati hat der Stifter einst auch den Salesianer-Pater Lukose Cheruvalel kennengelernt, der Straßenkindern in der Millionenstadt helfen wollte. „Wir haben erst einmal ermittelt, wie viele es überhaupt sind“, sagt Kasper. 25.000 waren es, und 150.000 Kinder, die nicht zur Schule gingen. Childaid berief eine Konferenz ein und entwickelte mit örtlichen Organisationen einen 20-Jahres-Plan. „Zehn Jahre später haben wir ihn zur Hälfte erfüllt“, sagt Kasper. „Die Zahl der Straßenkinder hat sich halbiert und es gibt fast keine Kinder mehr, die nicht zur Schule gehen.“ Childaid selbst ist in Nordostindien nur mit einer kleinen Koordinierungsgruppe vertreten. „Wir begleiten die 37 örtlichen Partner und helfen ihnen, erfolgreich zu werden.“ Das Prinzip hat Kasper aus seiner beruflichen Vergangenheit mitgebracht. Er war Partner der Unternehmensberatung Accenture, verkaufte 2006 seine Anteile und gründete die Stiftung Childaid Network.

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